Hässlichkeit steht ihm gut: So haben Sie Tom Cruise noch nie gesehen

So kennen wir ihn von Anfang an, Tom Cruise, dieses Phänomen des Kinos seit nunmehr 40 Jahren: gut aussehend, gut gebaut, mal strahlend lächelnd, dann entschlossen schauend, kurz ein Leinwand-Schönling, dem in seinen Filmen seinen Charakteren zu all dem auch noch ein großer Schuss Moral und noch mehr Klugheit beigegeben sind.
Das neigt zum Übermenschlichen, und auch das ist uns wohlvertraut: Cruise' Helden, die ums Gute kämpfen, die halsbrecherisch den Schurken und Handlangern hinterherjagen, -fahren oder -fliegen - oder vor diesen fliehen. Und die vor allem rennen, unermüdlich rennen, als steckte ein Mechanismus in ihren Rücken, der aufgezogen wurde - und dabei ganz nebenbei die Welt retten.
Wie uns Cruise aber in seinem neuen Film in Erscheinung tritt, in der Groteske "Digger", so kennen wir ihn nicht: Wo ist das schöne, das volle, gepflegte Haar? Wo ist all die physische und geistige Kompetenz seiner Filmcharaktere? Wo auch das Übermenschliche in ihren ethisch-moralischen Überzeugungen samt Handlungen?
"Digger" killed the "Mission: Impossible"-Star. Ja, Cruise ist kaum wiederzuerkennen in der neuen Regiearbeit von Alejandro González Iñárritu. Die Haarpracht seiner Hauptfigur, es ist die Titelrolle, ist einer Fast-Glatze gewichen, die Bauchmuskeln unter einer dicken Schicht Bauchfett vergraben, der gesunde Hautteint zu kranker Blässe verblichen.
Und dieses schale Äußere spiegelt das schäbige Innere. Cruise' Digger Rockwell ist ein skrupelloser Unternehmer und Ölmagnat, der mit rücksichtslosen Geschäftspraktiken steinreich geworden ist, die Welt dabei aber durch Arroganz und Indifferenz an den Rand des Abgrunds geführt hat. Nach ihm die Sintflut.
Und die ist ausgebrochen. Nun da das Eis der Polarkappen schmelzen, nun da die Tsunamis anrollen und die Atomkraftwerke bersten und die Menschheit also vor ihrer Auslöschung steht, nun ist Digger gefragt. Er vor Seinesgleichen hat der Menschheit die Suppe eingebrockt, er vor allem soll sie jetzt auslöffeln.
Tom Cruise' Ein-Mann-Show
"Digger" ist eine schonungslose Abrechnung mit dem moralisch und ökologisch blinden Gebaren der Magnaten der Welt - auch und besonders mit jener Sorte Konzernlenker, die zwar nicht in Öl machen, dafür mit ihren digital-technologischen Erfindungen und ihrem rechtskonservativ-ideologischen Unterbau gerade und immer mehr für Verwerfungen sorgen.
"Digger" ist wildes Kino in Reinform und doch oder gerade deshalb höchst umstritten: furios in Szene gesetzt nach Ansicht der einen, allzu konfus das Ergebnis nach Meinung der anderen. Über aller Kritik aber schwebt Hauptdarsteller Cruise mit einer doch überraschenden, weil lange nicht mehr gezeigten schauspielerischen Tour de Force.
Cruise hat mit der Groteske sein Image zu Grabe getragen. Der Schauspieler, den man zuletzt leicht mit einem Stuntman verwechseln konnte, schauspielert wieder. Und das gekonnt und hochgelobt, so mancher sieht sein Haupt, das im echten Leben freilich weiter geschniegelt und gestriegelt ist, schon lorbeergekrönt.
Und wirklich wird Cruise bei den nächsten Oscars, wenn die Preise vergeben werden, wohl eine große Rolle spielen. Dafür steht allein - und das gilt für alle, die die Leistung des nicht durchweg beliebten Superstars und ewigen Schönlings nicht anerkennen wollen - der Name Iñárritu, dem inoffiziellen, aber doch zuverlässigen Königsmacher, soll heißen Oscarmacher in Hollywood.