"GNTM"-Finalist Tony Eberhardt: "Ich habe den Fehler bei mir gesucht"
Als Finalist der 21. Staffel von "Germany's Next Topmodel" wurde Tony Eberhardt einem breiten Publikum bekannt. Heute arbeitet der 32-Jährige als Model, Content Creator und Speaker und setzt sich für Inklusion und gegen Ausgrenzung ein. Ein Thema, das für ihn eng mit seiner eigenen Geschichte verbunden ist: Aufgrund seiner Hörbehinderung wurde Eberhardt während seiner Schulzeit über Jahre gemobbt und ausgegrenzt.
Seine Erfahrungen teilt er inzwischen offen mit anderen - auch um jungen Menschen Mut zu machen. Bei der klicksafe Schulstunde "Online gemobbt. Real verletzt. Gemeinsam gegen Cybermobbing!", die erstmalig in Kooperation mit der Aktion Mensch sowie Nummer gegen Kummer umgesetzt wurde, sprach er vor mehr als 65.000 Schülerinnen und Schülern über Mobbing und dessen Folgen. Im Interview erzählt Eberhardt, wie sehr ihn seine Schulzeit bis heute prägt, was ihm damals Halt gegeben hat und welche Botschaft er Betroffenen mitgeben möchte.
Sie wurden während Ihrer Schulzeit über viele Jahre ausgegrenzt und gemobbt. Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Ihre Hörbehinderung Sie für andere zur Zielscheibe machte?
Tony Eberhardt: Zum ersten Mal gemerkt habe ich das, als ich in die vierte Klasse gekommen bin. Wenn ich im Unterricht etwas nicht verstanden habe, wurde ich von meinen Mitschülern und Mitschülerinnen ausgelacht. Bei Gruppenarbeiten schloss man mich aus und beim Sport wurde ich als letzte Person gewählt, obwohl ich eigentlich sehr sportlich war. Außerdem gab es immer wieder verletzende Streiche. Einmal durfte ich bei einer Schneeballschlacht mitspielen. In der Schneekugel, die mir an den Kopf geworfen wurde, war jedoch ein Stein versteckt - ich habe geblutet. Besonders belastend war für mich, dass ich aufgrund meiner Hörbehinderung in der Schule häufig als Störfaktor dargestellt wurde.
Wie hat Sie diese Zeit geprägt - und was hat das Mobbing mit Ihnen gemacht?
Eberhardt: Diese Zeit war sehr intensiv und emotional. Eigentlich bin ich ein sehr neugieriger und offener Mensch. Durch die Mobbingerfahrung bin ich jedoch sehr unsicher geworden. Ich habe mich selbst hinterfragt und ständig den Fehler bei mir gesucht - zum Beispiel bei meiner Aussprache. Irgendwann habe ich mich dann einfach zurückgezogen und versucht, das Mobbing auszuhalten.
Was hat Ihnen damals in der Situation geholfen?
Eberhardt: Handball war mein Anker. Der Sport hat mir geholfen, mit dem Stress und den psychischen Belastungen durch das Mobbing umzugehen. Außerdem haben ein paar der Lehrkräfte meinen Nachteilsausgleich akzeptiert. So bekam ich beispielsweise bei Prüfungen Textaufgaben statt Höraufgaben. Das hat mir gezeigt, dass Verständnis und Unterstützung einen großen Unterschied machen können.
Heute sprechen Sie sehr offen über Ihre Erfahrungen. Wie schwer war es für Sie anfangs, damit an die Öffentlichkeit zu gehen?
Eberhardt: Es ist mir eigentlich nie schwergefallen, öffentlich über meine Erfahrungen zu sprechen. Ich war immer schon ein offenes Buch. Sorgen gemacht habe ich mir eher darüber, wie andere auf meine Aussprache reagieren. Manchmal verstehe ich eine Frage nicht richtig und gebe dadurch eine falsche Antwort. Dann habe ich Angst, ausgelacht zu werden. Über meine Erfahrungen zu sprechen, ist für mich bis heute aber trotzdem sehr emotional. Oft fühlt es sich an, als wäre das Mobbing erst gestern passiert. Gleichzeitig hilft es mir, darüber zu reden. In gewisser Weise ist das für mich eine Art Therapie.
Sie waren kürzlich Teil der klicksafe Schulstunde in Kooperation mit der Aktion Mensch und Nummer gegen Kummer, wo Sie sich live an über 65.000 Schülerinnen und Schüler gewendet haben. Was möchten Sie jungen Menschen mitgeben, die selbst von Mobbing oder Cybermobbing betroffen sind?
Eberhardt: Lasst euch nicht unterkriegen! Sucht euch Halt in euren Hobbys und Leidenschaften. Ich kenne viele Menschen mit Mobbingerfahrung, die den Sport nutzen, um Selbstbewusstsein aufzubauen und mit schwierigen Situationen umzugehen. Wendet euch an eure Familie, Freunde und Freundinnen oder an Menschen, denen ihr vertraut. Und: Sprecht offen über eure Erfahrungen und nutzt Beratungs- und Hilfsangebote wie die der Nummer gegen Kummer.
Und was raten Sie denjenigen, die Mobbing beobachten, aber nicht wissen, wie sie eingreifen sollen?
Eberhardt: Holt euch Unterstützung, zum Beispiel auch über Beratungs- und Hilfsangebote. Wichtig ist außerdem, für die betroffene Person da zu sein und ihr zu zeigen, dass sie nicht allein ist. Manchmal hilft schon eine Umarmung. Gleichzeitig braucht es Präventionsmaßnahmen, um Mobbing zu stoppen - hier sind vor allem Lehrkräfte und Eltern gefragt.
Als Content Creator erleben Sie die sozialen Medien auch aus nächster Nähe. Tun die Plattformen und die Politik aus Ihrer Sicht genug, um insbesondere junge Menschen vor Cybermobbing zu schützen?
Eberhardt: Ich bin kein großer Fan von einem Social-Media-Verbot. Social Media ist nun mal Teil unserer Realität. Außerdem bieten soziale Medien einen Raum, um Themen sichtbar zu machen, Menschen eine Stimme zu geben und zu informieren. Dennoch braucht es mehr Medienkompetenz. Junge Menschen müssen lernen, sich verantwortungsvoll im digitalen Raum zu bewegen. Deshalb sind Präventions- und Aufklärungsmaßnahmen in Schulen so wichtig, denn dort erleben viele Kinder und Jugendliche täglich Mobbing oder Ausgrenzung. Das Internet ist kein rechtsfreier und gefühlloser Raum - hinter jedem Kommentar steht ein Mensch. Natürlich sollten die Plattformen daher mehr Verantwortung übernehmen und konsequent bei Beleidigungen eingreifen. Zudem sollten die Gesetze, die ein Fehlverhalten im Netz bestrafen, häufiger und besser angewendet werden.
Wie häufig begegnen Ihnen selbst noch Vorurteile aufgrund Ihrer Hörbehinderung?
Eberhardt: Selten bis gar nicht. Seit "Germany's Next Topmodel" bekomme ich überwiegend positive Resonanz. Ich muss aber auch ehrlich sagen, dass ich einen Filter für Hasskommentare eingeschaltet habe. Unter manchen Interviews haben Menschen kommentiert, ich würde wie eine Ente sprechen oder mir abgesprochen, ins Fernsehen zu gehören. Solchen Beleidigungen möchte ich unter meinen Beiträgen keinen Raum geben.
Vom Gehörlosen-Nationalspieler im Handball über das Modeln bis ins Finale von "Germany's Next Topmodel": Wie viel bedeutet es Ihnen, heute für viele ein Vorbild zu sein, das Ihnen als Jugendlicher vielleicht selbst gefehlt hat?
Eberhardt: Das ist eine besondere Rolle! Ich möchte meine Reichweite nutzen, um über Themen wie Mobbing zu sprechen und Menschen eine Stimme zu geben. Indem ich meine Geschichte teile, hoffe ich, etwas verändern zu können.
Was haben Sie für sich mitgenommen aus Ihrer Zeit bei "Germany's Next Topmodel"?
Eberhardt: "Germany's Next Topmodel" hat viele Menschen mit ganz unterschiedlichen Charakteren und Geschichten zusammengebracht. Deshalb habe ich vor allem gelernt, wie gewinnbringend Vielfalt sein kann. Besonders schön fand ich, dass Vorurteile innerhalb der Gruppe kaum eine Rolle gespielt haben. Im Vordergrund standen die Persönlichkeit, die Leistung und das Talent der einzelnen Menschen. Diese Erfahrung hat mich sehr geprägt.
Wie sehr hat sich Ihr Leben seit "Germany's Next Topmodel" verändert - beruflich, aber auch privat?
Eberhardt: Es hat sich einiges verändert. Ich bekomme viele positive Nachrichten von Zuschauern und Zuschauerinnen, Lehrkräften, Eltern sowie Kindern und Jugendlichen, die sich in meiner Geschichte wiederfinden und mich darin unterstützen, so offen über meine Erfahrungen zu sprechen. Gleichzeitig habe ich heute die Möglichkeit, meiner Leidenschaft als Model beruflich nachzugehen und mich für Themen einzusetzen, die mir am Herzen liegen.
Reizt Sie nach dieser Erfahrung eine weitere TV-Teilnahme? In welchem Format könnten Sie sich gut vorstellen?
Eberhardt: Ich bin offen für neue Herausforderungen und kann mir eine weitere TV-Teilnahme sehr gut vorstellen. "Let's Dance" wäre cool! Ich liebe Tanzen, weil es etwas Emotionales ist und Gefühle zum Ausdruck bringt. Gleichzeitig würde ich mich über Formate freuen, in denen ich meine persönliche Geschichte, das Thema Inklusion und meine Erfahrungen mit Mobbing noch stärker einbringen kann.
Wenn Sie fünf Jahre nach vorne schauen: Wo möchten Sie dann beruflich und persönlich stehen?
Eberhardt: In fünf Jahren möchte ich vor allem gesund sein und mir meine positive Energie bewahrt haben. Vielleicht habe ich bis dahin ein eigenes Buch zum Thema Mobbing veröffentlicht oder sogar ein eigenes Format entwickelt. Außerdem möchte ich weiterhin mit Kindern, Jugendlichen und Menschen mit Behinderung arbeiten und mich für mehr gesellschaftliche Teilhabe einsetzen. Auch ein Engagement im politischen Bereich kann ich mir vorstellen. Aber mal schauen - das Leben hält oft Überraschungen bereit.
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