Freshtorge blickt auf 20-jährige YouTube-Karriere zurück: "Vermisse bei jüngeren Kollegen Fleiß"

Schon Anfang 2012 zählte er zu den zehn erfolgreichsten YouTubern Deutschlands. Mit Figuren wie "Helga und Marianne" oder "Sandra" parodierte sich Torge Oelrich (38), den viele unter seinem Künstlernamen "Freshtorge" kennen, in die Herzen seiner Fans. Seinen Kanal gibt es allerdings schon seit 20 Jahren. Zu diesem Anlass entwickelte der Streamer nun kurzerhand eine eigene Spielshow - fürs Fernsehen. In der neuen Strategie-Show kämpfen zehn bekannte Creatorinnen und Creator in zwei Teams in den schottischen Highlands um die gegnerischen Flaggen und verteidigen ihre eigenen. "Terrain - Battle of the Flags" (wöchentlich ab Donnerstag, 24. September, um 23.45 Uhr, bei ZDFneo und im Stream) soll sich dabei bewusst von klassischen Reality-Formaten abheben, wie der Social-Media-Star im Interview verrät. Denn mit dem Begriff "Influencer" könne sich der Familienvater nicht identifizieren. Warum das so ist, und was ihn an den sozialen Medien dieser Zeit stört, verrät Oelrich im Gespräch über die Schatten- und Sonnenseiten einer Karriere im Netz.
teleschau: Bei "Terrain - Battle of the Flags" geht es nicht mehr nur darum, selbst vor der Kamera lustig zu sein. Sie entwickeln ein ganzes Format. Was war schwieriger: eine gute Figur für einen Drei-Minuten-Sketch zu erfinden - oder eine Idee zu entwickeln, die eine komplette Show tragen kann?
Torge Oelrich: Es ist deutlich einfacher für mich, einen eigenen Sketch zu schreiben. Das mache ich nun ja auch schon ein Weilchen. Die ganze Show zu entwickeln - noch dazu mit mir als Torge -, war etwas völlig Neues. Es war echt fordernd, das Format zu moderieren und gleichzeitig mit der Ideengeber zu sein.
teleschau: Was war die größte Herausforderung?
Oelrich: Allein der technisch sehr aufwendige Aufbau in den schottischen Highlands war kompliziert. Hinzukam, dass es für das Format keine Vorlage gab. Anders als bei vielen anderen Produktionen konnten wir uns nicht an einem internationalen Vorbild orientieren. Deshalb mussten wir das gesamte Spiel mehrfach testen. Dazu arbeiteten wir mit Schulklassen zusammen, statteten sie mit Kameras aus und spielten verschiedene Szenarien durch. Wie groß muss die Spielfläche sein? Wie laufen Angriffe ab? Den Schülerinnen und Schülern fielen Dinge ein, an die wir vorher nicht gedacht hatten.
"Es war hügelig, nass und matschig, ich bin ständig eingesunken"
teleschau: Das hat fast den Charakter einer Forschungsarbeit - mit Ihnen als Projektleiter.
Oelrich: Ja, am schwersten ist mir dabei wohl gefallen, die Kontrolle letztlich komplett an die Gamerinnen und Gamer abzugeben. Wir mussten uns darauf verlassen, dass sie tatsächlich auf REC drücken - sonst hätten wir kein Material gehabt (lacht). Zum Glück hat alles funktioniert.
teleschau: Angesichts des enormen Aufwands, der vorab betrieben wurde, stellt sich die Frage: Wird es eine weitere Staffel geben?
Oelrich: Das wissen wir tatsächlich noch nicht. Wir wünschen es uns natürlich sehr. Schließlich gibt es noch viele tolle Länder, die sich als Kulisse anbieten würden.
teleschau: Und Erfahrungen, die Sie sammeln könnten: Hätten Sie gerne mal mit den Campern getauscht?
Oelrich: Als wir alles aufgebaut haben, hatte ich richtig Lust, selbst drei Tage in diese Welt einzutauchen - ohne Handy, nur dieses Spiel spielen. Dann bin ich einmal die vielleicht 400 Meter von "Camp Hirsch" zu "Camp Adler" gelaufen und war danach völlig fertig (lacht). Es war hügelig, nass und matschig, ich bin ständig eingesunken. Ich komme vom flachen Land an der Nordsee, solche Bedingungen kenne ich nicht. Beim ersten Angriff waren die Gamerinnen und Gamer so erschöpft, dass sie auf halber Strecke zusammenbrachen und ihre Kameraden per Funk informierten: "Du musst weiterrennen, ich kann nicht mehr." Da wusste ich: Nein, ich möchte nicht tauschen. Da hatte ich es während der Dreharbeiten in meinem kleinen Häuschen gemütlicher. Ich konnte sogar die WM-Spiele gucken. Es sind zwar auch Dinge passiert, die nicht lustig waren, aber unser Ärzteteam und unser Sicherheitskonzept waren sehr gut.
teleschau: Gilt das auch im Umgang mit der lokalen Flora und Fauna?
Oelrich: Ja, wir haben beispielsweise darauf verzichtet, ein echtes Feuer zu machen. In einem Gebiet hatte ein Adler zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder genistet. Selbstverständlich haben wir den Bereich sofort abgesperrt, um den Adler nicht zu stören.
teleschau: Ist "Terrain - Battle of the Flags" das, was man heutzutage noch Reality-Format nennen kann?
Oelrich: Das Format soll sich von klassischen Reality-Formaten abgrenzen. Wir haben bewusst darauf geachtet, dass es nicht zu trashig wird, mit zu viel Streit und Drama. Natürlich kommt es auch mal zu Reibereien - das ist wohl unvermeidbar, wenn man zehn Leute drei Tage lang der Kälte aussetzt. Einen gewissen Komfort gibt es aber schon. Die Spielenden haben eine warme Dusche, genug zu essen und eine angemessene Schlafsituation. Bei uns geht es nicht ums Überleben wie bei "7 vs. Wild", sondern um die Spiele. "Terrain" ist also eine Gamingshow.
"Heute ist es meiner Meinung nach deutlich schwieriger, bekannt zu werden"
teleschau: Sie begleiten Ihre Show auch mit Inhalten von YouTube. In Ihren Anfangsjahren war die Plattform auch deshalb spannend, weil vieles unperfekt und ungefiltert wirkte. Heute stehen hinter großen Kanälen teils ganze Produktionsfirmen. Ist durch diese Professionalisierung auch etwas verloren gegangen?
Oelrich: Wenn ich mich an diese Zeit zurückerinnere, war es wirklich von Vorteil, als junger YouTube-Neuling noch keine großen Vorbilder gehabt zu haben. Die Plattform wurde damals erst so richtig groß in Deutschland, und jeder musste kreativ werden, um erfolgreich zu sein. Natürlich gibt es auch heute noch coole, neue Ideen, aber nicht in dieser Masse, in so kurzer Zeit und so ungefiltert. Durch die Professionalisierung ist zwar auch die Qualität der Inhalte immer besser geworden, aber früher war alles noch mehr "hausgemacht", würde ich sagen, einfach nahbarer. Die Videos waren nicht perfekt, und die Leute auf dem Sofa vor der Kamera auch nicht.
teleschau: Hatten Sie es damals also leichter?
Oelrich: Ich glaube, das hat zwei Seiten. Einerseits hatte ich es damals schwerer, weil es weder Vorbilder noch Tutorials gab. Ich musste mir alles selbst beibringen. Wie funktioniert ein Schnittprogramm? Wie bekommt man einen guten Ton hin? Ich musste entsprechend kreativ sein. Andererseits war es deutlich leichter, Aufmerksamkeit zu bekommen. Es gab vielleicht 10, 15 oder 20 bekannte Leute und im Comedy-Bereich kaum Konkurrenz. Heute ist es meiner Meinung nach deutlich schwieriger, bekannt zu werden. Die Masse ist riesig, und vieles wurde schon gemacht.
teleschau: Sie sind seit 20 Jahren dabei. Wie schwer ist es, relevant zu bleiben?
Oelrich: Ich habe das Glück, dass auf meinen Kanälen nicht Torge der Star ist, sondern meine Figuren. Ich kann immer wieder neue erfinden und dadurch Abwechslung schaffen. Ich kann dabei immer ich bleiben. Die Figuren hingegen dürfen sich verändern. Am Ende ist es aber vor allem viel Arbeit: lange Tage, manchmal lange Nächte. Bei manchen jüngeren Kolleginnen und Kollegen vermisse ich gelegentlich Tugenden wie Verlässlichkeit, Pünktlichkeit und Fleiß. Wer das langfristig als Beruf machen möchte, muss professionell herangehen und auch mal Dinge machen, auf die man gerade weniger Lust hat.
"Meinen ganzen Blödsinn lasse ich bei der Arbeit im Büro raus"
teleschau: Mit welcher Ihrer Figuren identifizieren Sie sich am meisten?
Oelrich: Oh Gott, ich hoffe, mit keiner. Ich werde das öfter gefragt und lande immer wieder bei Marianne aus "Helga und Marianne". Sie ist sehr lieb, ein bisschen verträumt und vielleicht auch mal etwas naiv. Von all meinen Figuren ist sie wahrscheinlich noch am wenigsten gestört (lacht). Bei den anderen hoffe ich sehr, dass ich nicht allzu viele ihrer Eigenschaften habe.
teleschau: Spielen Sie auch mal für Ihre beiden Söhne oder Ihre Familie?
Oelrich: Nein, das wäre mir total unangenehm. Wenn meine Söhne mal sagen: "Mach kurz Sam", mache ich das für einen Moment und finde es lustig. Aber auf einer Familienfeier eine neue Figur vorzuführen und nach Feedback zu fragen? Da würde ich im Boden versinken. Das trenne ich ganz klar. Meinen ganzen Blödsinn lasse ich bei der Arbeit im Büro raus. Privat bin ich eher ausgeglichen und ruhig. Viele denken, mit mir feiern zu gehen müsse wahnsinnig lustig sein, weil ich so ein verrückter Typ bin. Aber eigentlich bin ich eher ruhig - laut und verrückt bin ich vor allem, wenn ich arbeiten darf.
"Mit dem Begriff 'Influencer' kann ich mich nicht identifizieren, da er für mich oft negativ besetzt ist"
teleschau: Sehen Sie sich denn selbst als klassischer Influencer?
Oelrich: Mit dem Begriff "Influencer" kann ich mich nicht identifizieren, da er für mich oft negativ besetzt ist. Die Bezeichnung "Influencer" würde mich auch einschränken. Ich habe das Glück, mittlerweile sehr unterschiedliche Dinge machen zu dürfen: Dazu gehören Online-Sketche, die Arbeit mit dem ZDF, "Terrain" und meine Bühnenshows. Deshalb trifft "Entertainer" am besten das, was ich mache.
teleschau: Was macht Ihrer Meinung nach einen echten Influencer aus?
Oelrich: Ich glaube, das Wichtigste ist Authentizität. Das sieht man zum Beispiel an Knossi: Er ist, wie er ist, macht Fehler und ist definitiv nicht der perfekte Moderator. Aber genau das macht ihn authentisch - und deshalb feiern ihn die Leute. Wir müssen alle ehrlich mit unseren Zuschauern sein. Ein Influencer sollte vor allem kreativ sein und lieber mit sechs Ideen scheitern, wenn dafür die siebte richtig gut wird. Jeder, der in der Öffentlichkeit steht oder auf Social Media aktiv ist, bietet aber zunächst sehr viel Angriffsfläche.
"ARD und ZDF brauchen nicht den 70. oder 80. Krimi, sondern mehr Musik und kreative, jüngere Formate"
teleschau: Hatten Sie auch schon Berührungspunkte mit Kritik oder gar Hass im Netz?
Oelrich: Kritik im Netz lässt sich wohl nicht ganz vermeiden. Bei mir ist sie glücklicherweise sehr selten. An wirklich schlimme Kommentare, die ich löschen musste, kann ich mich kaum erinnern. Konstruktive Kritik finde ich gut, daran kann ich wachsen. Ich habe das große Glück, eine sehr wohlwollende Community zu haben, die Gags gut einordnen und differenzieren kann - selbst bei polarisierenden Themen. Während der Corona-Zeit habe ich mit Helga und Marianne Sketche übers Impfen gemacht. Dabei haben die beiden unterschiedliche Positionen vertreten, ohne zu sagen: "Ihr müsst euch impfen lassen oder lasst es sein." Entscheidend ist: egal, wie unterschiedlich ihre Ansichten sind, am Ende lachen sie miteinander. Gerade heute erleben wir oft, dass andere Meinungen nicht mehr ausgehalten werden und Freundschaften oder Familien daran zerbrechen. Das ist einfach schade.
teleschau: Lange wurden YouTuber für kurze Clips dieser Art vom klassischen Fernsehen belächelt. Heute entwickeln Creator jedoch selbst Formate für große Sender und Streamingplattformen. Was kann das Fernsehen von YouTube lernen - und umgekehrt?
Oelrich: Ich glaube, das lineare Fernsehen müsste vor allem schneller werden. Das Tolle an YouTube und Social Media im Allgemeinen ist, dass du morgens eine Idee hast und sie abends schon online sein kann. Natürlich funktioniert Fernsehen anders, aber gerade im öffentlich-rechtlichen Bereich sind die Entscheidungswege teilweise sehr lang. Beim Eurovision Song Contest hatte ich mit dem NDR einige einfache Ideen, deren Umsetzung oder Genehmigung dennoch sehr aufwendig war. Manchmal wirkt das eher wie eine Behörde als wie ein Fernsehsender, der kreativ unterhalten will. Auch die Gelder könnten anders verteilt werden. ARD und ZDF brauchen nicht den 70. oder 80. Krimi, sondern mehr Musik und kreative, jüngere Formate. Umgekehrt kann die Online-Welt viel vom Fernsehen lernen, vor allem in puncto Professionalität.
teleschau: Geht Unterhaltung heute überhaupt noch, ohne sie über verschiedene Plattformen aufzubauen?
Oelrich: Selbstverständlich kannst du dich auf eine Plattform oder ein Medium konzentrieren. Dann verlierst du allerdings automatisch einen Großteil der Leute, die du theoretisch erreichen könntest. Gerade viele junge Leute schauen gar kein Fernsehen mehr. Mit "Terrain" haben wir als YouTube-Creator nun auch die Möglichkeit, Menschen außerhalb unserer Abonnentenschaft zu erreichen. Klar, die Quoten von TV-Shows etc. gehen insgesamt zurück, aber hey, es sitzen immer noch bis zu drei Millionen Leute vor den Bildschirmen zu Hause. Da komme ich mit meinen Sachen nicht so schnell ran.
"Deshalb habe ich mir kaum Pausen gegönnt"
teleschau: Wenn Sie heute Ihrem jüngeren Ich begegnen würden, das die ersten Videos dreht: Was würden Sie diesem Torge mit dem Wissen von heute mit auf den Weg geben?
Oelrich: Wenn ich dem verpickelten 16-jährigen Torge einen Rat geben könnte, würde ich sagen: "Geh es gelassener an!" Gerade in den ersten zehn Jahren habe ich sehr viel gearbeitet, immer mit der Angst, dass es bald vorbei sein könnte. Deshalb habe ich mir kaum Pausen gegönnt. Dabei sind diese gerade bei kreativer Arbeit wichtig, um den Kopf freizubekommen. Fleiß und Arbeit sind wichtig, aber es gibt auch andere Dinge im Leben. Man sollte das Leben genießen und Zeit für Familie und Kinder haben. Seit ich vor acht Jahren Vater geworden bin, merke ich das umso mehr.
teleschau: Sie haben über viele Jahre Figuren erfunden und Menschen zum Lachen gebracht. Denken Sie auch mal ans Aufhören?
Oelrich: Ans Aufhören denke ich überhaupt nicht, dafür macht mir das viel zu viel Spaß. In der Online-Welt fehlen uns einfach noch die Beispiele von Menschen, die damit aufgewachsen sind und es bis ins Rentenalter weitermachen. Im Fernsehen kennen wir das längst: Künstler, die auch mit 80 noch auftreten. Warum sollte das online nicht genauso funktionieren? So lange die Leute Freude daran haben, ich gesund bin und es mir Spaß macht, schließe ich nichts aus. Gleichzeitig freue ich mich darauf, irgendwann einen schönen Garten zu haben und ab Mitte 60 oder 70 das Leben noch mehr zu genießen und zu reisen. Aber wer weiß - vielleicht blicke ich irgendwann auf dieses Interview zurück und denke ganz anders darüber.