Ex-"Frühstücksfernsehen"-Moderatorin über Krankheit ihres Sohnes: "Jedes Kind ist wertvoll"

Es ist ein Satz, an den sich Annika Lau noch heute erinnert, als wäre er gestern gefallen: "Ihr Kind ist anders", sagt ihr vor Jahren die Erzieherin ihres damals dreijährigen Sohnes Baz. Ab diesem Zeitpunkt beginnt für die Moderatorin und Frau von Schauspieler Frederick Lau (u. a. "Der perfekte Urlaub") eine Tortur zwischen Arztbesuchen, Therapie – und der ständigen Angst, als Mutter versagt zu haben.
Doch die 47-Jährige beschließt, mit ihren Erfahrungen, der Scham und Ausgrenzung nicht mehr alleine zu sein, und will mit ihrem Buch "Ihr Kind ist anders – Wie wir lernten, ADHS zu verstehen und als Familie daran zu wachsen" (erschienen im ZS-Verlag, 224 Seiten) andere Eltern von Kindern mit ADHS mit ins Boot holen.
Mit der AZ spricht die Autorin über die Krankheit ihres Sohnes, Herausforderungen im Familienalltag – und wie Mann "Freddy" ihr immer eine Stütze ist.
Sohn von Annika Lau hat ungewöhnlichen Namen: "Er hat sich dran gewöhnt"
AZ: Frau Lau, der Name Ihres Sohnes ist durchaus ungewöhnlich – wie kamen Sie auf Baz?
ANNIKA LAU: Ehrlich gesagt – ich weiß es nicht. (lacht) Wir waren damals in der Namensfindung und zu jedem Namen, den ich mochte, hatte Freddy etwas einzuwenden. Irgendwann kam er und sagte: "Was hältst du von Baz?" Ich hatte den Namen noch nie gehört, außer bei Baz Luhrmann (australischer Regisseur und Drehbuchautor, u. a. "Der große Gatsby", d. Red.). Aber ich mochte, wie er klingt. Auch wenn die meisten Leute nicht wissen, wie man ihn ausspricht. Aber Baz sagt, er hat sich dran gewöhnt und findet ihn super – drei Buchstaben vorne, drei hinten.
Sie schildern im Buch Momente, in denen Sie in verzweifelte Tränen ausbrechen und sich fühlen, als hätten Sie als Mutter versagt – fällt es schwer, sich seelisch so nackt zu machen?
Mein Mann und ich haben natürlich viel darüber geredet, ob und in welcher Form wir das machen. Aber schlussendlich waren wir beide der Ansicht: Wenn nicht wir uns hinstellen und schonungslos sagen, wie es läuft – wer soll es dann machen?
Erkrankung vom Sohn lässt "alle Schamgrenzen fallen"
Sie schreiben auch von gesellschaftlicher Scham und Ausgrenzung – wo ist Ihnen die im Alltag schon begegnet?
Das fängt schon beim Einkaufen an, wenn Baz vor sich hin diskutiert und macht, was er nicht machen soll. Oder wenn er im Zug über den dreckigen Boden kriecht. Wie oft wir ihm schon den Satz entgegengezischt haben "Baz, bitte benimm dich, man kennt uns hier" und wie oft Leute auch schon kopfschüttelnd weggegangen sind – nach dem Motto: Die hat es ja gar nicht drauf. Aber ganz ehrlich: Nach so vielen Jahren sind bei mir inzwischen alle Schamgrenzen gefallen. Mir ist wirklich egal, was die Leute über mich denken und das, finde ich, ist ein ganz heilsamer Prozess.
Familienleben bei Annika und Frederick Lau: "Das ist irre"
Sie haben zwei weitere Kinder, Lilo und Bruno. Wie hat sich das Familienleben verändert, seit Sie die Diagnose erhalten haben?
Bruno, der Kleinste, war damals frisch geboren, als wir die Diagnose bekamen. Ich wurde teilweise sogar gefragt, warum wir überhaupt noch ein Kind bekommen haben. Das ist irre. Wir wollten schon immer eine Großfamilie und jedes Kind ist wertvoll bei uns. Aber es hat sich natürlich viel um Baz gestrickt. Die Große ist jetzt zwölf und kommt in die Pubertät und fordert natürlich auch viel Zeit, um Mädchenthemen mit mir zu besprechen. Klar – was soll ihr auch Freddy über die Periode erzählen? (lacht) Und auch Bruno ist jetzt in die erste Klasse gekommen und fordert seinen Teil Mama ein. Das ist nicht leicht und braucht eine unheimlich gute Struktur.

Gibt es auch Momente, in denen Ihnen das alles zu viel wird?
Ja. Manchmal bin ich so müde. Ich gehe abends ins Bett, bin traurig und denke mir: Was zum Henker hast du heute wieder verkehrt gemacht? Dabei ist das total falsch. Ich müsste eigentlich denken: Was habe ich heute wieder geschafft? Das misslingt mir an manchen Tagen.
Wer ist Ihnen in solchen Situationen eine Stütze?
Freddy. Er ist immer da – auch wenn er nicht da ist, weil er natürlich auch viel unterwegs ist und dreht. Aber er nimmt sich immer Zeit für mich, weil er weiß, wie anstrengend es teilweise für mich ist. Dafür liebe ich meinen Mann über alles.
"Wir sagen ganz viele Events einfach ab"
Findet man als Paar in so einem vollen Familienalltag überhaupt noch seine Auszeiten?
In letzter Zeit tatsächlich nicht so oft, weil wir so viel zu tun hatten und unterwegs waren. Aber ich finde nichts schöner als den Fall, wenn wir beide aus den Zimmern der Kinder kommen – alle drei schlafen und wir haben noch zwei Stunden einfach für uns. Entweder wir essen noch etwas zusammen oder entspannen auf der Couch. Diese zwei, drei Stunden Paarzeit abends sind für uns das Wichtigste. Daher sagen wir auch ganz viele Events einfach ab.
Was weiß Ihr Sohn denn selbst über seine ADHS?
Alles. Ich habe mich dazu entschieden, ihm immer transparent alles zu erklären. Wie soll man sonst einem Sechsjährigen verklickern, warum er schon wieder beim Arzt sitzt oder es für ihn zur Ergotherapie statt ins Freibad geht? Und auch was das Buch angeht – es gibt Menschen im Netz, die meinen: Was soll denn der Sohn mal über das Buch denken, wenn er größer ist? Baz kennt jedes Kapitel und hat mir beim Schreiben sogar mit seinen Erinnerungen geholfen.
Welchen Rat würden Sie Eltern geben, die am Anfang der ADHS-Reise ihres Kindes stehen?
Ruhig bleiben. Ich bin total hektisch geworden und das hat sich auf die gesamte Familie übertragen. Das war keine schöne Zeit. Je ruhiger man als Mutter ist, desto besser. Diese Kinder müssen einfach als das wahrgenommen werden, was sie sind – faszinierende Persönlichkeiten.
Schauspieler Frederick Lau: "Ist schwierig für mich"
Er unterstützt seine Frau trotz Dreh-Stress und Premieren-Rummel: Als die AZ Schauspieler Frederick Lau bei der München-Premiere von "Der perfekte Urlaub" auf das Buch seiner Frau Annika anspricht, gerät der 37-Jährige ins Schwärmen: "Ich bin superstolz auf sie und glaube, dass es auch für andere Eltern total wichtig ist, zu wissen, dass man nicht alleine ist."

Lau spricht aus Erfahrung. Der 37-Jährige hat selbst ADHS, wie er der AZ verrät. Blitzlichtgewitter am roten Teppich? "Schwierig", gibt der Schauspieler zu. "Ich höre immer alle Gespräche gleichzeitig. Beim Drehen ist das etwas anderes, da ist Ruhe, sobald das Stichwort 'Action' gefallen ist."
Und auch mit Stille hat der "4Blocks"-Star so seine Probleme: "Ich brauche immer etwas, das im Hintergrund läuft. Aber mittlerweile habe ich mich etwas daran gewöhnt." Umso besser kann der 37-Jährige seinen kleinen Sohn verstehen: "Das ist das Gute! Mit ihm kann ich immer etwas machen", sagt Lau und lacht.