Ex-Berlinale-Chef Moritz de Hadeln stirbt mit 85 Jahren

Die internationale Filmwelt trauert um einen ihrer einflussreichsten Strippenzieher. Moritz de Hadeln, der die Berlinale zwei Jahrzehnte lang leitete und auch die Festivals von Locarno und Venedig prägte, ist tot. Der gebürtige Engländer starb am Samstag (4. Juli) im Alter von 85 Jahren in einem Krankenhaus im schweizerischen Nyon, nahe seines Wohnorts. Wie sein Biograf Christian Jungen, Direktor des Zurich Film Festivals, dem "Hollywood Reporter" bestätigte, erlag de Hadeln den Komplikationen nach einem kürzlich vorgenommenen medizinischen Eingriff.
Es war ebenjener Jungen, der de Hadeln den Beinamen "Mr. Film Festival" verpasste. Über Jahrzehnte hinweg führte er gleich drei der bedeutendsten Filmfestivals Europas an.
Vom Dokumentarfilmer zum Festivalgründer
Geboren 1940 in England, begann de Hadelns Karriere zunächst hinter der Kamera: als Dokumentarfilmer und Fotograf. 1963 drehte er seinen ersten Spielfilm "Le Pele". In Zürich arbeitete er an der Seite von Yves Allégret als Cutter, in Berlin als Regieassistent bei den CCC-Filmstudios.
Den Grundstein für seine eigentliche Berufung legte er 1969: Gemeinsam mit seiner Frau Erika von dem Hagen rief er in Nyon ein Dokumentarfilmfestival ins Leben, das heute als Visions du Réel firmiert. Bis 1979 stand de Hadeln an dessen Spitze, ehe seine Frau die Leitung von 1981 bis 1993 übernahm.
Durchbruch in Locarno, Legendenstatus in Berlin
1972 übernahm de Hadeln das Ruder beim Filmfestival von Locarno und verhalf ihm zu internationalem Renommee. Ihm ist zu verdanken, dass Filme fortan unter freiem Himmel auf der Piazza Grande gezeigt wurden, jenem Markenzeichen, das Locarno bis heute prägt. Nach sieben Jahren folgte der Ruf nach Berlin.
Ab 1979 leitete de Hadeln die Berlinale. Als 1989 die Mauer fiel, nutzte de Hadeln die Gunst der Stunde und formte die Berlinale zu einer der wichtigsten Anlaufstellen für internationales Kino in Europa.
Nach insgesamt 21 Jahren an der Berlinale-Spitze zog es de Hadeln 2002 nach Venedig, wo er bis 2003 die Infrastruktur des Festivals modernisierte und dessen Ruf auf der Weltbühne neu aufstellte.
Über die Jahre saß de Hadeln in unzähligen internationalen Jurys, unter anderem in Karlovy Vary, Venedig, Moskau, Montreal, Turin, Teheran, Damaskus, Kiew und Eriwan. Er war Mitglied der Europäischen Filmakademie.
Umstrittener Kommentar zu Weinstein
Nicht alles an seiner Laufbahn war unumstritten. 2018 sorgte de Hadeln für Aufsehen, als er in der Schweizer Wochenzeitung "Die Weltwoche" einen Gastbeitrag zur Verteidigung des in Ungnade gefallenen Filmmoguls Harvey Weinstein verfasste. Er bezeichnete Weinstein darin als einen der wenigen Hollywood-Produzenten, "die das Kino wirklich liebten", die Empörung gegen ihn nannte er "widerlich".