Eines der wichtigsten Alben aller Zeiten: Wie "Nevermind" die Musikwelt für immer veränderte
Garth Brooks, Michael Jackson, Nirvana, Billy Ray Cyrus und U2 - was stimmt an dieser Reihe nicht? Na? Eigentlich können all diese Acts zufrieden mit sich sein, sind sie doch in der Jahresendabrechnung 1992 der amerikanischen Billboard-Liste mit ihren damaligen Studioalben auf den ersten fünf Plätzen gelandet. Für Nirvana war genau das das Problem: Die verschrobene, kleine Kapelle aus dem hintersten Nordwesten der USA fand sich mit ihrem zweiten Album "Nevermind" plötzlich inmitten all dieser Mainstream-Künstler und Gruppen wieder. Das in etwa musste ihr schüchterner Chef Kurt Cobain empfunden haben, denn damit hatte er am allerwenigsten gerechnet, geschweige denn darauf abgezielt. Letztendlich brachte ihn dieser unwahrscheinliche und brutal zuschlagende Erfolg zur Strecke.
Die Musikwelt indes feierte den Millionenseller "Nevermind", der vor genau 35 Jahren, am 24. September 1991 erschien, als bahnbrechende Platte - was sie ja auch war: Das Album, angetrieben von der Übersingle "Smells Like Teen Spirit", krempelte das Business komplett um. "'Nevermind' kam genau zur rechten Zeit", schreibt Nirvana-Biograf Michael Azerrad in seinem Buch "Come As You Are: The Story Of Nirvana" (1993). "Diese Musik war von, für und über eine gänzlich neue Gruppe junger Menschen, die bisher übersehen, ignoriert oder herablassend behandelt wurde." Soll heißen: Die Generation der damals 20-Jährigen schwang sich auf und forderte den Musikgeschmack der nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen Generation heraus.
Die Folge: Das Spartengenre Grunge war mit einem Schlag salonfähig, Dutzende neue Bands fanden über Nacht nicht mehr nur auf lokalen Underground-Sendern statt, sondern im Mainstream-Radio. Aus Nirvanas Heimatstadt Seattle waren dies allen voran Pearl Jam, Soundgarden und Alice In Chains, unter anderem starteten auch Hole (die Band von Cobains Ehefrau Courtney Love) und die Stone Temple Pilots durch. Gleichzeitig bedeutete die Grunge-Welle für viele der großen Rock-Gruppen der 80er-Jahre, dass sie nicht mehr angesagt waren. Hair- und Glam-Metal (gerne auch Cock-Rock genannt), wie ihn Bands à la Bon Jovi, Mötley Crüe, Warrant und Nightranger zu fabrizieren pflegten, standen plötzlich auf dem Abstellgleis.
Erste "Nevermind"-Aufnahmen entstanden ohne Dave Grohl
"Nevermind" ist also fraglos ein Mythos. Und da ein Mythos gehegt, gepflegt und gefeiert werden will, ist es nur konsequent, dass das Werk auch immer wieder neu veröffentlicht wurde. 2011 - zum runden Geburtstag - erschien die bislang wichtigste Neuauflage des Klassikers: Die "Limited Super Deluxe Edition" enthielt vier CDs, eine DVD inklusive Originalalbum, Demo- bzw. Alternativ-Versionen sowie einen Live-Mitschnitt.
Wichtig deshalb, weil das Bonusmaterial viel von der "Nevermind"-Geschichte erzählt. Acht der enthaltenen Demo-Versionen entstanden bei jener Session, als Produzent Butch Vig die Jungs von Nirvana zum ersten Mal traf: Es war im April 1990, als die drei Gestalten mit einem Van bei Vigs Studio in Madison, Wisconsin, vorfuhren. Damals war noch nicht einmal Dave Grohl in der Band, stattdessen saß noch Chad Channing hinter der Schießbude. "Wir hatten uns in einem Motel eingemietet und liefen jeden Tag zu den Smart Studios", verriet Nirvana-Bassist Krist Novoselic im Gespräch mit dem "Rolling Stone". Mit "jeden Tag" meint er insgesamt fünf Tage, danach ging Nirvana das Geld für Vigs Studio aus. Doch die entstandenen Aufnahmen (unter anderem von "Lithium" und "In Bloom") verhalfen der aufstrebenden Truppe letztendlich zu einem Deal mit Geffen Records.
Bei einer Bandprobe im Frühling 1991 war Grohl bereits an Bord. In Tacoma prügelten Cobain & Co. weitere Demos ein - ein Ghettoblaster schnitt unter anderem "Come As You Are" und "Smells Like Teen Spirit" mit. "Diese Tonaufzeichnungen klingen schrottig, schmutzig, trashig und absolut ursprünglich", zeigte sich Vig damals begeistert. Auch diese Songentwürfe haben Grohl, Novoselic, Vig und Vertreter von Cobains Erben auf die 2011er-Deluxe-Version von "Nevermind" packen lassen.
Novoselic: "Gingen sehr konzentriert ans Werk"
Im Mai 1991 war es schließlich soweit: Nirvana und Vig nahmen in Los Angeles jene Tracks auf, die im Herbst veröffentlicht wurden und in die Musikszene krachten wie ein Dampfhammer. "Wir gingen sehr konzentriert ans Werk", entsinnt sich Novoselic, "wir haben keinen Unfug getrieben. Unsere Studiozeiten waren von elf bis 21 Uhr." Reglerdreher Vig erinnert sich etwas anders. Nach seiner Aussage blieben Cobain, Novoselic und Grohl immer bis in die Puppen auf, nahmen Drogen, hingen am Strand von Santa Monica ab und schauten erst nachmittags im Studio vorbei. Im Nachhinein gönnte er ihnen jedoch diesen "Moment der Freiheit": "Das waren spaßige Zeiten, noch bevor alles so abging."
Die Arbeit im Studio hätte harmonischer verlaufen können - vor allem als es ans Mischen ging, offenbarten sich Philosophie-Differenten, wie Vig preisgibt: "Ich habe das Schlagzeug und die Gitarren ausbalanciert, aber Kurt wollte dauernd, dass ich die hohen Töne rausnehme: 'Ich will, dass es mehr wie Black Sabbath klingt.' Er ging mir total auf die Nerven." Manchmal braucht es eben ein bisschen Reibung, um ein Feuer loszutreten, wie es letztlich "Nevermind" entfacht hat. Dieses Feuer löschen konnte Chef-Zündler Kurt Cobain, der bekanntlich am 5. April 1994 aus der Welt trat, nicht mehr, auch wenn er es gerne getan hätte: "Berühmt sein, ist das Letzte, was ich sein sollte", sagte er Nirvana-Biograf Azerrad.
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