"Eine wunderbare Straße, sie hält das Land zusammen": Mythos Route 66
Es gibt andere Traumstraßen in den USA. Zum Beispiel den Pacific Coast Highway, jenen romantischen Highway 1, der sich mit seinen unzähligen Kurven und atemberaubenden Ausblicken an die steile, grüne kalifornische Westküste schmiegt und nach Lupinen, Goldmohn und frischer Meeresbrise duftet. Ein Traum mit dem Cabrio. Die Route 66 ist eher nichts für Cabrios. Sie stinkt nach Staub, Öl und Asphalt, führt auf endloser Strecke durch einsame Fels- und Wüstenlandschaften, macht Station in heruntergewirtschafteten Nestern, in denen die Zeit stehengeblieben scheint. Und doch ist sie der Mythos schlechthin. Warum? - "Es ist ein Roadtrip, mitten ins Herz der USA", heißt es vielsagend gleich zu Beginn dieses neuen Dokumentarfilms bei ARTE über die wohl berühmteste Fernstraße der Welt: "100 Jahre Route 66" feiert den 1926 eröffneten Highway nicht nur, der Film fühlt unterwegs von Chicago nach Santa Monica auch den Puls der in die Jahre gekommenen Ost-West-Verbindung.
Filmemacher Tom Noga findet in seinem 90-minütigen Beitrag das richtige Maß: Er porträtiert diese eigentümliche Straße mit ihrer 100-jährigen Geschichte genauso wie die oft nicht minder skurrilen Anwohner. Er trifft Geschäftsleute, Künstler, Historiker und Autoren, Motorrad-Touristen, Rednecks und Hippies, auch manch lebende lokale Legende. Und nicht zuletzt geht es auf dieser abwechslungsreichen Reise durch acht Bundesstaaten immer wieder durch die kargen Siedlungsgebiete der Native Americans. Die "Route 66" soll auch ihnen gehören - so zumindest das Narrativ, das man den unzähligen Besuchern aus der ganzen Welt gerne vermitteln würde.
"Eine Art Lebewesen"
Sie galt ab 1926, abgesehen vom Lincoln Highway, als eine der ersten durchgehend befestigten Straßenverbindungen zur Westküste. 85 Prozent der Originalstraße sind noch oder wieder befahrbar. "Es ist eine wunderbare Straße. Sie hält das Land zusammen", sagt ein Straßenhändler, der Emailleschilder mit dem berühmten "Route 66"-Emblem verkauft. Die Autorin Susan Croce Kelly geht tiefer, greift aber, was das Pathos angeht, noch höher: "Die Route 66 verspricht dir ein neues Leben, wenn du es brauchst." Rhys Martin, Präsident der "Oklahoma Route 66 Association" erklärt gar, die Straße sei "eine Art Lebewesen. Sie entwickelt sich ständig weiter, bleibt aber fest in ihrer Geschichte verwurzelt."
Natürlich dreht sich in diesem Film vieles um die Geschichte dieser sehr langen Fernverbindung. Es geht um Werte und Wandel. Um Erinnerungen und Hoffnungen. Und um Identität. Weiche Begriffe, die on the road und am Straßenrand allmählich scharfe Konturen bekommen. Alle, die hier herkommen, suchen etwas - wahrscheinlich das Gefühl eines idealisierten Amerikas. "Highway der Träume?" - So lautet nicht umsonst der Titel der Doku - also mit Fragezeichen. Aber wovon träumen die, die schon da sind, oft ihr ganzes Leben lang?
Auf der Suche nach Antworten führt die Reise durch das sogenannte "Heartland", typisch amerikanische Gegenden, die in Zeiten der Flugreisen schon längst als "Fly Over States" abqualifiziert werden: Staaten, in denen überwiegend Trumps Republikaner die Wahlen gewinnen. Republikaner oder Demokraten - im Film sind es alles Amerikaner, die zu Wort kommen, stolz, nachdenklich und auch liebenswert. Auf tiefergehende Debatten zur aktuellen Politik lässt sich das Roadmovie lieber nicht ein, und das ist eigentlich nichts Verkehrtes. Denn nachdenklich wird man in diesen 90 Minuten auch so ...
Und dann kommt irgendwann Los Angeles, ein belebtes, grünes Kalifornien, das sich nach der langen Reise durch spektakuläre, aber eben auch trockene, heiße Landschaften in der Tat fast wie das Paradies anfühlt. An der Kreuzung Olympic-/Lincoln-Boulevard endet er, der Highway, der für viele die Welt oder wenigstens die USA bedeutet. "Route 66 lebt von Nostalgie", sagt Rhys Martin am Schluss des Films. "Doch die große Frage ist, was passiert, wenn diese Nostalgie verschwindet oder nichts mehr bedeutet." Aber am Ende der knapp 4.000 Kilometer langen Fahrt lautet der Befund: Es gibt noch Hoffnung, an und auf der Straße pulsiert noch erstaunlich viel Leben.
100 Jahre Route 66 - Do. 13.08. - ARTE: 20.15 Uhr
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