"Eine Hymne an das Leben": Wie sich Gisèle Pelicot neu verliebte

Gisèle Pelicot hat das Unmögliche geschafft: Sie blickt ohne Hass auf ihre Vergangenheit und liebt mit 73 Jahren wieder wie ein Teenager. Heute erscheinen ihre Memoiren "Eine Hymne an das Leben".
(ncz/spot) |
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Gisèle Pelicot veröffentlicht am 17. Februar ihre Memoiren "Eine Hymne an das Leben".
Gisèle Pelicot veröffentlicht am 17. Februar ihre Memoiren "Eine Hymne an das Leben". © imago images/ABACAPRESS/Coust Laurent

Am heutigen Dienstag erscheint das lang erwartete Buch von Gisèle Pelicot (73). Es ist das Protokoll eines beispiellosen Verbrechens, doch gleichzeitig überrascht die zur feministischen Ikone gewordene Französin mit einer Nachricht, die wohl niemand für möglich gehalten hätte: Sie hat wieder Liebe gefunden - und weigert sich, ihr Lachen zu verlieren.

"Meine Lebensfreude ist Widerstand", sagte Gisèle Pelicot Anfang der Woche in ihrem ersten Fernsehinterview in der Sendung "La grande librairie" (France 5). Wer die Französin dort sah - entspannt im Studiosessel, gelegentlich mit der Lesebrille gestikulierend -, konnte kaum glauben, dass diese Frau das Gesicht eines der aufsehenerregendsten Prozesse der letzten Jahre ist. Doch Pelicot ist "wieder aufgestanden", wie sie es selbst nennt.

Gisèle Pelicot über ihre neue Liebe und ihr neues Leben

Die wohl größte Überraschung für ihre Millionen Unterstützer: Gisèle Pelicot liebt wieder. Ihr neuer Partner, den sie Jean-Loup nennt, begleitete sie bereits diskret durch die schweren Monate im Gerichtssaal von Avignon. "Es ist wunderbar, dass ich mich neu verlieben konnte", strahlte sie im Fernsehen.

"Wir sind wie zwei Jugendliche, die einander entdecken", schwärmte sie nun in einem neuen Interview mit der "Zeit". Dass sie mit 73 Jahren trotz der jahrelangen chemischen Unterwerfung wieder Intimität und Vertrauen zulassen kann, ist für sie die ultimative Heilung und ein persönlicher Sieg über das Trauma. Ihr Körper habe "die Qualen nicht in Erinnerung behalten".

Spannend ist auch Pelicots radikaler Schnitt im Privatleben: Während sie als "Gisèle Pelicot" weltweit zur Ikone wurde, hat sie nach der Scheidung offiziell ihren Geburtsnamen Guillou wieder angenommen. In ihrem neuen Zuhause an der Atlantikküste genießt sie diese Anonymität. "Wenn ich einen Arzttermin ausmache, verwende ich meinen Mädchennamen", verrät sie der "Zeit". Den Namen Pelicot behält sie nur in der Öffentlichkeit - nicht aus Verbundenheit zu ihrem Ex-Ehemann, sondern um der Welt unter diesem Namen weiterhin entschlossen entgegenzutreten.

Buch ist ein Akt der Befreiung

Genau heute erscheint Gisèle Pelicots Lebensgeschichte unter dem Titel "Eine Hymne an das Leben. Die Scham muss die Seite wechseln" (Piper Verlag) zeitgleich in 22 Ländern. Es ist kein reiner Rachefeldzug gegen ihren Ex-Ehemann Dominique Pelicot. Vielmehr ist es der Versuch, ihre eigene Identität aus den Trümmern einer 50-jährigen Ehe zu bergen, die sich als monströse Lüge entpuppte.

Pelicot blickt dabei mit einer verblüffenden Differenziertheit auf ihre Vergangenheit. Während ihre Tochter Caroline Darian vor Wut fast zerbricht und ihr Sohn David den Kontakt abbrach, weigert sich Gisèle, die 50 Jahre Ehe mit ihrem Peiniger komplett als Lüge zu streichen: "Ich werde die schönen Momente in Erinnerung behalten. Wenn ich die guten Erinnerungen auslösche, bleibt mir nichts von meinem Leben."

Gleichzeitig gibt sich Pelicot, die sich früher nicht als Feministin sah und heute eine der wichtigsten Stimmen der Bewegung ist, auch kämpferisch: "Wir müssen den Kampf weiterführen", betont sie im Interview mit dem ZDF. "Es gibt so viele Opfer, die nicht gehört werden. Wir dürfen nicht lockerlassen." Der Umgang von Männern mit Frauen müsse immer wieder hinterfragt werden, das beginne mit Erziehung und Aufklärung.

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