Ein Schwein im Talar

Die Strände der Nordsee sind wahrhaft sagenumwobene Orte: In der Region, wo Land und Leute den Launen von Ebbe und Flut ausgesetzt sind, spielen bekannte Novellen wie "Der Schimmelreiter" von Theodor Storm oder Märchen wie jenes "Vom Fischer und seiner Frau". Bekannt ist auch die Rungholt-Sage. Diese Geschichte vom "Atlantis der Nordsee" nahm Drehbuchautorin Julia Drache als Inspiration für den ARD-Krimi "Die Toten am Meer - Tod eines Pastors" (Regie: Stephan Rick). Der vierte Teil der 2020 gestarteten Krimi-Reihe ist nun erstmals im Ersten und bereits ab Donnerstag, 24. September, in der ARD Mediathek zu sehen.
Alles beginnt mit einem Leichenfund im Watt: Der Tote ist Pastor Christian Oltmann (Patrick Kunkel). "Muss angespült worden sein", vermutet die Polizeibeamtin Ria Larsen (Marlene Tanczik), die mit ihrem Kollegen Michael Brandt (Anton Spieker) gleich zugegen ist. Gewaltspuren am Körper des Toten lassen auf ein Verbrechen schließen. Kurze Zeit später geht eine seltsame Meldung bei der Kriminalpolizei ein: Der Schweinebauer Helge Rikert (Uwe Rohde) hat auf dem Feld eines seiner Tiere gefunden - tot und mit einem übergroßen Talar kostümiert.
Die Legende einer versunkenen Stadt
Die wie so oft zufällig vorbei gekommene Ex-Ermittlerin Elisabeth Haller (Charlotte Schwab) fällt sofort eine Parallele zu der Rungholt-Sage auf: "Rungholt, die versunkene Stadt, ist im Mittelalter bei einer Sturmflut untergegangen", weiß sie. Als Erklärung für das Unglück hätten sich die Menschen eine Legende ausgedacht: "Die Rungholter haben damals anscheinend eine Sau betrunken gemacht, dann einen Pastor gerufen, der ihr die letzte Ölung geben sollte." Zur Strafe hätte der zornige Gott ganz Rungholt mit einer einzigen Sturmflut versenkt: "Nur den Pastor, den hat er verschont, weil der sich geweigert hatte, der Sau das Sterbesakrament zu geben. Gott hat ihn deshalb im Traum gewarnt, und er konnte sich aus dem Staub machen, bevor die Flut alles verschlang."
Im aktuellen Fall sieht alles danach aus, als hätte der tote Pfarrer aus dem Watt für seine eigenen Verfehlungen büßen müssen. An der privaten Eliteschule Liliencron, wo Oltmann als Religionslehrer unterrichtete, wird er zwar in den höchsten Tönen gelobt. Bei ihren Ermittlungen stoßen Larsen und Brandt allerdings auf ein eher unkeusches Leben. Viel schlimmer noch: Der Lehrer soll vor Jahren eine Beziehung zu einer damals noch minderjährigen Schülerin (Gamze Senol) geführt haben. Doch reicht all das am Ende auch für einen Mord?
"Tragen gemeinschaftlich Verantwortung für unseren Planeten"
"Die Toten am Meer - Tod eines Pastors" erzählt wie so oft eine durchweg düstere Geschichte, die diesmal vor herbstlicher Kulisse in Husum und Umgebung spielt. Die Hauptdarstellerin Marlene Tanczik und ihr Kollege Anton Spieker kannten die Rungholt-Sage nach eigenen Angaben vor Beginn der Dreharbeiten nicht. Für die Gegenwart sei die Sage durchaus relevant, meint Tanczik: "Wir müssen auch heute noch mit der Hybris mancher Menschen umgehen, die denken, über anderen und der Natur zu stehen", erklärt die 33-Jährige: "Wir tragen gemeinschaftlich Verantwortung für unseren Planeten. Ressourcen einfach immer weiter auszubeuten, ohne uns um die Folgen zu kümmern, hat noch nie funktioniert. Die Auswirkungen des Klimawandels werden jetzt nur für immer mehr Menschen deutlicher spürbar." Das habe natürlich nichts mit göttlichem Zorn, wie in der Rungholt-Sage, zu tun: "Aber auch hier spielen Maßlosigkeit und eine scheinbare Erhabenheit über die Natur eine Rolle."
Wann "Die Toten am Meer" fortgesetzt wird, ist noch nicht bekannt. Bislang lagen zwischen zwei Filmen immer rund zwei Jahre, was einen fünften Film frühestens Anfang 2028 wahrscheinlich macht.
Die Toten am Meer - Tod eines Pastors - Sa. 26.09. - ARD: 20.15 Uhr