Die Kessler-Zwillinge wären heute 90 geworden: Selbst der Tod konnte sie nicht trennen

Alice und Ellen Kessler hätten am heutigen 20. August ihren 90. Geburtstag gefeiert. Die berühmten Zwillinge waren Weltstars – und blieben bis zu ihrem Tod unzertrennlich. Beide entschieden sich für assistierten Suizid.
von  AZ/(ln/obr/spot)
Alice und Ellen Kessler waren mehr als 60 Jahre lang gemeinsam auf den großen Showbühnen zu Hause. Am 20. August wären die berühmten Zwillinge 90 Jahre alt geworden.
Alice und Ellen Kessler waren mehr als 60 Jahre lang gemeinsam auf den großen Showbühnen zu Hause. Am 20. August wären die berühmten Zwillinge 90 Jahre alt geworden. © imago/Future Image / Barbara Insinger

Immer zu zweit, ein Leben lang. 89 Jahre waren Alice und Ellen Kessler unzertrennlich. Selbst aus dem Leben schieden die berühmten Zwillinge gemeinsam - vor nicht einmal einem Jahr. Am 20. August hätten Alice und Ellen Kessler ihren 90. Geburtstag gefeiert. Einige Freunde werden ein Gläschen auf die beiden trinken und an ein Paar denken, das selbst in der Welt des Glan­zes und des Glamours einmalig werden kann.

Als weltberühmte Showgirls begeisterten Alice und Ellen Kessler mehr als 60 Jahre lang ihr Publikum. Sie traten im Pariser Lido und in Hollywood auf und wurden zu internationalen Stars. In einem im Magazin "Emma" veröffentlichten Gespräch mit dem Journalisten Manfred Otzelberger blickten die Zwillinge im Sommer 2024 noch einmal auf ihr bewegtes Leben zurück. Dabei sprachen sie offen über ihre Karriere, ihr Männer, die schwierige Kindheit, das Alter und auch den Tod.

Unvergessen ist das Bild der Zwillinge, wie sie mit ihren langen Beinen elegant eine große Showtreppe hinabschreiten. Was dabei so leicht und mühelos wirkte, war das Ergebnis jahrelanger harter Arbeit. Neben ihrem Talent war es vor allem ihre große Disziplin, die die Schwestern prägte und zu einem Markenzeichen ihrer außergewöhnlichen Karriere wurde.

Eine schwierige Kindheit in Sachsen

Die eineiigen Zwillinge kamen 1936 im sächsischen Nerchau bei Leipzig zur Welt, ihre beiden älte­ren Brüder starben bereits im Kindes- beziehungsweise Jugendalter an Gelbsucht und Typhus. Die Eltern waren beide musisch interessiert und schickten die Mädchen mit sechs in den Ballettunter­richt, 1947 wurden sie Mitglieder des Kinderballetts der Oper Leipzig.

Doch die Kindheit der Zwillinge war alles andere als unbeschwert. Ihr Vater, ein Maschinenbauingenieur, war alkoholabhängig und wurde gegenüber seiner Frau gewalttätig. "Er war ein Tyrann und hat unsere Mutter wie eine Sklavin behandelt", erinnerte sich Alice Kessler später im Gespräch mit dem Journalisten Otzelberger für dessen Buch "Goldene Jahre".

Von Düsseldorf auf die Pariser Showbühne

1950 floh der Vater aus der DDR nach Düsseldorf. Zwei Jahre später besuchten ihn seine Töchter mit einem Besuchervisum - und blieben im Westen. Ihre Mutter, die zunächst noch in Sachsen lebte, folgte wenig später. In Düsseldorf verschaffte der Vater den damals 16-Jährigen ein Engagement als Tänzerinnen im Revuetheater Palladium.

Dort nahm ihre Karriere entscheidend Fahrt auf: Im Publikum saß eines Tages Pierre-Louis Guérin, Direktor des berühmten Pariser Varietés Lido an den Champs-Élysées. Er wurde auf Alice und Ellen aufmerksam und engagierte die damals 18-jährigen Zwillinge für seine Bühne in der französischen Hauptstadt.

Das Pariser Publikum liebte die beiden Kesslers, die man so schwer auseinanderhalten konnte. Gleichzeitig drehten die Mädchen in Deutschland, Italien und Frankreich ihre ersten Filme, nahmen Schallplatten auf, von denen vor allem die mit Peter Kraus (87) erfolgreich waren.

Von Paris bis nach Hollywood

Der Ruhm der Deutschen drang bis in die USA, das US-Magazin "Life" druckte eine Titelstory über die Kess­ler-Zwillinge ("The Sensation of Germany"), es folgten Auftritte in Amerika. Vor allem die Männerwelt Hol­lywoods lag ihnen zu Füßen. In ihrer Autobiografie "Eins und eins ist eins" schil­derten die beiden, wie sie ganze Heerscharen von Verehrern in die Wüste geschickt haben, Banki­ers, Prinzen, Stars wie Harry Belafon­te, Tony Curtis oder John Wayne.

Nur einer wurde erhört. Burt Lancaster (1913-1994). "Er wollte uns mit einem Freund bei einer Vierer­party verführen." Ellen, damals 19, wurde schwach. "Ich fand den gar nicht sooo schön, aber er war halt ein großer Star, und ich habe mich nicht getraut, Nein zu sagen. Es war nur ein ver­krampftes Vergnügen." Nach dem One-Night-Stand behauptete Lancaster, es wäre wie "Sex mit einer Statue" gewesen. Ellen Kessler hat es abgehakt.

Auch Elvis Presley (1935-1977) war hinter den Zwillingen her. Er hatte sie bei einer Lido-Show gesehen und spontan ausgerufen: "Ich liebe eure Popos!" Ellen erzählte später, dass sie nach der Show mit ihm essen waren. "Er hatte Probleme mit den Käsefäden in der Zwiebelsuppe. Und erwartete wohl, dass wir ihm wie andere Frauen zu Füßen lagen. Wir mochten aber eher Jazz als Rock'n'Roll. Und Elvis war erstaunlich verklemmt. Ich erinnere mich noch an seinen grässli­chen Designerpullover mit Löchern. Als ich ihn fragte: 'Trägt man das Ding, um aufzufallen oder zur Kühlung?' war sei­ne Humorgrenze er­reicht."

Männer kamen und gingen, die Schwester blieb

Natürlich hatten die Kesslers auch längere Beziehungen mit Männern. Alice war mit dem französi­schen Sän­ger Marcel Amont (1929-2023) zusammen, später vier Jahre lang mit dem italienischen Filmregisseur und Schauspieler Enrico Maria Salerno (1926-1994). Ellen war 20 Jahre lang mit dem italienischen Schauspieler Umberto Orsini (92) verlobt, worüber ihre Schwester frotzelte: "Du warst 20 Jahre mit einem Mann beschäftigt, ich ein Jahr mit 20 Männern." Über ihren Verlobten sagte Ellen: Er glaubte, dass ihm als Italiener und Künstler viele Frauen zu­stünden. Da schmiss ich ihn raus, er betrog mich mit einer Frau, die 26 Jahre jünger war."

Die Zwillinge hatten kein besonders positives Männerbild. Und letztendlich lag es an den Män­nern, dass die Zwillinge für immer zusammenblieben. "Wir waren nie erpicht darauf zu heiraten. Und wir haben uns geschworen: Das, was unserer Mutter passiert, geschieht uns nicht. Und wir wussten, Eigenständigkeit gibt es für uns nur zu zweit. Des­halb beschlossen wir unsere Zweisamkeit."

Ein gemeinsames Leben mit eigenen Freiräumen

Natürlich waren sie auch mal getrennt. Ellen hatte eine Wohnung in Rom, Alice eine in Kitzbühel, dann wie­derum lebten beide 24 Jahre (bis 1986) gemeinsam in Italien, bevor sie zusammen nach Grünwald bei Mün­chen zogen. Dort wohnten sie zusammen in einer Villa - in zwei identischen Wohnungen, nur getrennt durch eine Schiebetür. Frühstück separat, Abendessen gemeinsam.

Auch für den italienischen "Playboy" kamen die Kessler-Zwillinge nur gemeinsam infrage. Mit 40 Jahren ließen sie sich für das Magazin fotografieren, die Ausgabe war schnell ausverkauft. Selbst im hohen Alter standen Alice und Ellen noch auf der Bühne. 2015 teilten sie sich im Berliner Theater des Westens die Rolle der Maria Wartberg in Udo Jürgens' Musical "Ich war noch niemals in New York". 2016 folgten weitere Musicalauftritte in Wien.

Gemeinsam bis ins hohe Alter

Es folgte eine be­schauliche Zeit in Grünwald, die sie sehr genossen haben. Golfspielen, Freunde treffen, ab und zu ins Theater, Beine hochlegen. Und jeden Tag waren sie zusammen. Alice sagte mal: "Wir kennen es nicht anders. Der Vorteil des Zwillinglebens ist: Wir waren nie allein. Der Nachteil: Wir waren nie allein. Was will denn eine von uns allein machen?"

Dann kamen Krankheiten. Herzprobleme, Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns, Ellen er­litt einen Schlaganfall. Da wurde ihnen die Endlichkeit des Seins bewusst - mit der Erkenntnis (wie Alice es sagte): "Leider können wir beide wohl nicht am gleichen Tag sterben, da nutzt die Eineiigkeit nichts. Es wird furcht­bar sein, plötzlich allein zu leben. Aber wir haben alles geregelt."

Auch den Abschied planten sie gemeinsam

Am 17. November 2025 starben Alice und Ellen Kessler in ihrem Haus in Grünwald durch assistierten Suizid. Eine Ärztin und ein Jurist der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben begleiteten sie dabei. Von engen Freundinnen hatten sich die Zwillinge zuvor mit persönlichen Briefen und Geschenken verabschiedet. Die ehemalige TV-Moderatorin Carolin Reiber (85) erhielt ein Päckchen mit Schmuckstücken der Schwestern.

Auch ihren Nachlass hatten Alice und Ellen Kessler geregelt. Ursprünglich sollte ihr Vermögen vollständig an Ärzte ohne Grenzen gehen, 2023 änderten sie jedoch ihr Testament. Auch die Christoffel-Blindenmission, UNICEF, das Paul Klinger Künstlersozialwerk und die Deutsche Stiftung Patientenschutz sollten bedacht werden. Wie groß ihr Vermögen tatsächlich war, ist nicht bekannt.

Bis über den Tod hinaus wollten die Zwillinge zusammenbleiben. Sie wünschten sich, dass ihre Asche gemeinsam mit der ihrer Mutter Elsa und ihres Pudels Yello beigesetzt wird. "Im Tode vereint. So hätten wir es gern", erklärten sie 2024. Eine gemeinsame Urne für die beiden Schwestern war allerdings rechtlich nicht möglich. Ende November 2025 wurde bekannt, dass ihre getrennten Urnen im Grab ihrer Mutter auf dem Waldfriedhof Grünwald beigesetzt werden sollten.

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