Désirée Nosbusch und Matthias Brandt über Filme, "die nicht lauter sein wollen als das Leben"
"Was wir mit 'Eine Nacht in Bangkok' gemacht haben, ist im Grunde ein altmodisches Format", sagt Matthias Brandt. Im Film von Rainer Kaufmann, den das Erste am Mittwoch, 23. September, um 20.15 Uhr, erstmals zeigt, spielt der 64-Jährige Hektor, einen Pfarrer, der recht orientierungslos durch sein Leben steuert. Désirée Nosbusch übernimmt die Rolle von Katharina, Hektors Ex-Frau. Die Verhaftung der gemeinsamen erwachsenen Tochter führt das Paar nach Jahren der Trennung wieder zusammen. Gemeinsam wollen sie für Lilith (Clara Vogt) da sein. Sie können nicht anders.
"Eine Nacht in Bangkok" ist die erste Zusammenarbeit der beiden Schauspielgrößen - und eine ganz besondere: In dem über weite Strecken sehr leisen Film geht es um bewegende Fragen zur Beziehung zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern. Im Doppelinterview finden Matthias Brandt, der Vater einer erwachsenen Tochter ist, und Désirée Nosbusch, deren beide erwachsenen Kinder in den USA leben, darauf ganz eigene Antworten.
teleschau: Warum heißt der Film "Eine Nacht in Bangkok", wo er doch gar nicht in Bangkok spielt?
Désirée Nosbusch: Haben Sie den Film gesehen?
teleschau: Ja, aber außer dem Song "One Night in Bangkok" kommt Bangkok gar nicht vor ...
Nosbusch: Nee, aber der Song allein ist schon Grund genug. Außerdem ist die Szene, in der er vorkommt, eine absolute Schlüsselszene des Films.
Matthias Brandt: Das ist der Grund. Es sei denn, es ist irgendwas in dem Film verborgen, was sich mir noch nicht erschlossen hat. Es ist ja ein durchaus bekannter Song. Ich finde das Lied abscheulich, aber wirkungsvoll. Und ich fand es natürlich lustig, dass der Film so heißt und die Frage gleich mitliefert. (lacht)
Nosbusch: Ich würde alles unterschreiben, was Herr Brandt gerade gesagt hat. Gleichzeitig finde ich, dass dieser Song und der Moment im Film, in dem er erklingt, eine kleine Insel bilden. Für einen Augenblick fällt alles von den Figuren ab, bevor es dann weitergeht. Deshalb finde ich es schön, dass dieser Titel erhalten geblieben ist. Es war keineswegs selbstverständlich, dass die ARD ihn übernimmt und den Mut hat, den Film so zu nennen. Ich bin sicher, dass sich viele fragen werden: "Warum heißt dieser Film so? Spielt er in Bangkok?"
Über die Sehnsucht "nach Filmen, die nicht lauter sein wollen als das Leben selbst"
teleschau: Frau Nosbusch, auf Instagram bezeichneten Sie den Film als Ihr Herzensprojekt. Warum?
Nosbusch: Dieses Projekt begleitet uns nun schon seit einigen Jahren. Es hat eine Weile gedauert, bis wir die richtigen Partner gefunden hatten - Menschen, die bereit waren, diesen Film genauso kompromisslos zu produzieren, wie wir ihn uns vorgestellt haben. Schon bei der ersten Lektüre des Drehbuchs dachte ich: Das würde ich wahnsinnig gerne machen. Ich liebe Sathyan Ramesh als Autor, und allein die Aussicht, mit Matthias Brandt spielen zu dürfen, war für mich etwas ganz Besonderes. Dazu kommt, dass der Film sich jeder eindeutigen Genrezuordnung entzieht. Er will kein klassischer Thriller und kein klassisches Drama sein - im Kern erzählt er einfach eine Liebesgeschichte. Es gab zwischendurch Momente, in denen ich die Hoffnung verloren hatte, dass dieses Projekt jemals Wirklichkeit werden würde. Umso glücklicher bin ich, dass wir jetzt tatsächlich hier sind.
teleschau: Beim Münchner Filmfest wurde der Film mit dem Bernd Burgemeister Fernsehpreis für Produzenten ausgezeichnet. Was bedeutet das für Sie als Schauspieler?
Nosbusch: Alle Filme, die in diesem Jahr für den Preis nominiert waren, sahen schon in den Trailern großartig aus. Umso schöner fand ich es, dass am Ende eine eher kleine, leise Geschichte gewonnen hat. Und das meine ich überhaupt nicht wertend. Ich glaube, das sagt etwas über die Zeit aus, in der wir gerade leben - darüber, wonach sich viele Menschen im Moment sehnen und welche Geschichten sie berühren.
teleschau: Was genau meinen Sie?
Nosbusch: Die Konzentration auf Gefühle, auf menschliche Geschichten, auf das, was sich in uns abspielt. Vielleicht ist genau das etwas, wonach wir uns im Moment wieder mehr sehnen - nach Filmen, die nicht lauter sein wollen als das Leben selbst, sondern ihm aufmerksam zuhören.
"Die Leute sind selten deckungsgleich mit ihrer gesellschaftlichen Rolle"
teleschau: Katharina besitzt im Film ein Yogastudio, Hektor ist Pastor: Inwiefern könnten Sie mit den jeweiligen Berufen auch im echten Leben etwas anfangen?
Nosbusch: Ich habe tatsächlich noch nie in meinem Leben Yoga gemacht. Leider! Ich glaube, das würde mir richtig guttun. (lacht)
Brandt: Ich bin ja nun aus dem Alter für Berufswechsel heraus. Ich weiß nicht, ob das Aussicht auf Erfolg hätte, also abgesehen von Eignung oder nicht. Aber ich fand es erzählerisch lustig, dass Hektor ein ziemlich orientierungsloser Mensch ist, der sich ausgerechnet einen Beruf ausgesucht hat, in dem er anderen Orientierung geben soll. Vielleicht ist er auch schon sein ganzes Leben orientierungslos. Das war ein schöner Gegensatz, der spielerisch reizvoll war, und das mochte ich gerne.
Nosbusch: Bei Katharina ist es ähnlich: Sie ist Kettenraucherin, rast mit ihrem kleinen Flitzer durch die Gegend und verkörpert eigentlich alles andere als Gelassenheit. Genau dieser Widerspruch - dass ausgerechnet sie ein Yoga-Studio leitet - hat mich an der Figur gereizt.
Brandt: Bei Sathyan Ramesh stecken die Figuren oft in solchen Widersprüchen. Von außen sieht das schnell nach moralischer Schwäche aus. Tatsächlich ist es Lebensnähe: Die Leute sind selten vollkommen deckungsgleich mit ihrer gesellschaftlichen Rolle.
"Meine Kinder und ich leben in verschiedenen Zeitzonen"
teleschau: Der Film handelt viel von den Sorgen der Eltern um ihre erwachsene Tochter. Sie sind selbst beide Eltern. Hört man jemals auf, sich um das eigene Kind zu sorgen?
Brandt: Eltern bleiben Eltern. Das Kind kann 50 oder 60 sein, und man empfindet es noch immer als das eigene Kind - vorausgesetzt, man erlebt das noch. Nur der Einfluss wird geringer. Oder sollte es werden. Konflikte entstehen oft dort, wo Eltern das nicht rechtzeitig bemerken und von ihren erwachsenen Kindern in die Schranken gewiesen werden müssen. Das Grundgefühl bleibt. Bei diesen ganzen Plattitüden oder Stereotypen wie "meine Kinder saßen doch gestern noch im Sandkasten" habe ich selbst früher noch die Augenbrauen hochgezogen. Aber heute entspricht das meiner Empfindung: Wenn ich heute mein Kind anschaue, dann freue ich mich, dass sie so ein toller erwachsener Mensch geworden ist. Gleichzeitig wundere ich mich aber auch: "Wann ist denn das passiert?"
Nosbusch: Das Gefühl kenne ich auch. Es gibt so eine Phase, in der ich den Eindruck habe, meine Kinder seien von zwölf auf 25 Jahre gesprungen. Plötzlich waren sie erwachsen. Meine Mutter ist 88 und fragt mich noch immer: "Hast du genug gegessen? Du bist so spitz geworden." Und ich ertappe mich dabei, meinen Kindern am Telefon genau dieselben Sätze zu sagen. Diese Liebe und diese Sorge um die eigenen Kinder verändern vielleicht ihre Form, wenn sie erwachsen sind. Weniger sichtbar werden sie aber nie. Sie verschwinden nicht. Meine Kinder und ich leben in verschiedenen Zeitzonen. Deshalb rechne ich ständig im Kopf mit: "Okay, jetzt stehen sie auf." Oder: "Jetzt gehen sie schlafen." Und wenn ich nichts von ihnen höre, denke ich: Das ist ein gutes Zeichen.
"Ich habe immer so eine Riesenfaszination gehabt für das perfekte Verbrechen"
teleschau: Wie würden Sie reagieren, wenn eines Ihrer Kinder plötzlich verhaftet würde?
Nosbusch: Meine Devise als Mutter ist ganz einfach: Ich bin immer da - egal, was eines meiner Kinder getan hat. So verstehe ich meine Aufgabe: da sein, unterstützen und gemeinsam nach einem Ausweg suchen. Im Grunde ist das genau das, was wir im Film erzählen. Denn ist es nicht genau das, was Eltern tun?
Brandt: Ja, das ist auch ein nicht zu unterschätzender Vorteil von guten Drehbüchern: dass man sich diese Frage nicht unbedingt stellen muss, was man jetzt privat da machen soll, weil es einfach gut geschrieben ist und weil es sozusagen einleuchtend ist. Das ist manchmal auch total uninteressant, wie ich mich privat dazu verhalten würde. Stattdessen gucke ich, ob das plausibel ist, was da steht, und ob ich mich da reinfinden kann.
teleschau: Eine der stärksten Szenen im Film ist, wenn Katharina zeigt, wie schnell ein Diebstahl manchmal gelingen kann. Haben Sie selbst vielleicht versteckte kriminelle Talente?
Brandt: Also ich bin, glaube ich, nicht geeignet, einfach weil ich mich verraten würde. Ich wäre viel zu nervös. Auch das ist ja eine Begabung! Ich habe immer so eine Riesenfaszination gehabt für das perfekte Verbrechen, wo Leute nicht zu Schaden kommen. Zum Beispiel, als die Täter in Berlin vor ein paar Jahren unbemerkt einen Tunnel in den Tresorraum einer Bankfiliale gegraben haben. Das hat für mich fast etwas Sportliches. Ich selbst würde vermutlich schon beim Kauf der Schaufel auffallen. (lacht)
Nosbusch: Oder aus so einem Knobeltrieb heraus: Wie haben sie das bloß gemacht? Ich bin einfach wahnsinnig streng katholisch erzogen!
Brandt: Aber ihr könnt doch beichten?
Nosbusch: (lacht) Aber nicht so! Mich nervt das manchmal selbst: Wenn ich ein Zehn-Cent-Stück auf der Straße finde, sagt mir mein Aberglaube, ich soll es aufheben und einmal draufspucken. Und im nächsten Moment frage ich mich schon: Wem könnte das Geldstück gehören? Und wo müsste ich es eigentlich hinbringen? Insofern käme ich mit dem Klauen nicht besonders weit. Trotzdem habe ich eine große Faszination dafür. Vor allem wundere ich mich immer, dass die Leute glauben, sie kämen damit durch. (lacht)
"Das Normalste überhaupt, dass man sich selbst in Frage stellt"
teleschau: "Du bist anstrengend, Katharina!", sagt Hektor relativ zu Beginn des Films zu seiner Ex. Diese antwortet: "Frag mich mal!". Kennen Sie das Gefühl, sich selbst auf die Nerven zu gehen?
Nosbusch: Ja, total!
teleschau: Wird das mit den Jahren besser oder schlimmer?
Nosbusch: Eher schlimmer, weil man inzwischen auch noch laut mit sich selbst spricht. (lacht)
Brandt: Ja, aber das hat ja auch damit zu tun, an sich selbst zu zweifeln. Und ganz ehrlich: mir sind Leute, die das nicht tun, total unheimlich. Ich will mit denen eigentlich nichts zu tun haben. (lacht)
Nosbusch: Deswegen verstehen wir uns so gut. (lacht)
Brandt: Ja, weil ich mich frage, wie kann denn das sein? Das ist doch das Normalste überhaupt, dass man sich selbst in Frage stellt.
"Im Ausland wird oft ganz anders gearbeitet"
teleschau: Katharina und Hektor sind im Film seit zehn Jahren geschieden. Ihre Tochter Lilith war damals noch ein Kind. Macht es einen Unterschied für ein Kind, ob sich Eltern früh oder spät trennen?
Nosbusch: Ich glaube, jedes Kind wünscht sich - ganz gleich, wie alt es ist -, dass die Familie zusammenbleibt. Es sei denn, es gibt Gewalt oder andere schwerwiegende Gründe. Dann ist das etwas völlig anderes. Aber wenn Sie mich persönlich fragen: So unterschiedlich meine Eltern in vielerlei Hinsicht auch waren - ich fand es immer schön, als erwachsener Mensch an einen Ort kommen zu können, an dem meine Eltern zusammen sind.
teleschau: Sie sagten, Sie haben die Zusammenarbeit sehr genossen. Besteht die Chance auf eine weitere, wenn sich die Möglichkeit bietet?
Brandt: Das liegt ja nicht an uns. Da werden ja die Möglichkeiten von Schauspielerinnen und Schauspielern oft deutlich überschätzt. Wir sitzen wie in der Tanzschule am Rand und hoffen, dass uns jemand auffordert.
Nosbusch: Das ist ein schönes Bild. Genauso ist es. Und hoffentlich werden wir dann auch mit den richtigen Dingen aufgefordert. (lacht)
teleschau: Was würden Sie gerne mal spielen?
Brandt: Ich halte nichts von Wunschrollen. Denn da liegt dann oft so ein Ehrgeiz drauf, der der eigentlichen Arbeit oft gar nicht guttut.
Nosbusch: Das ist ein bisschen wie mit Fortsetzungen. Oft heißt es: "Diese Idee hat so gut funktioniert, da setzen wir jetzt noch eins drauf." Aber das führt nicht automatisch zu einem guten Ergebnis. Da muss man sehr vorsichtig sein. Ich glaube, es ist oft spannender, etwas Neues zu schaffen.
Brandt: Das hängt auch damit zusammen, dass im Moment der Hang zum Seriellen so ausgeprägt ist. Was wir mit "Eine Nacht in Bangkok" gemacht haben, ist im Grunde ein altmodisches Format, das ich aber sehr gerne mag. Ich sehe im Moment viele Serien, bei denen ich sage: Die wären als Film besser gewesen. Gerade weil es im Moment so viele Serien gibt, wird einem bei den wenigen richtig guten klar, was für eine irre Leistung damit verbunden ist, über fünf, sechs Staffeln hinweg so ein Niveau zu halten. Bei "Sopranos" oder "Breaking Bad" zum Beispiel. Meine Bewunderung vor der Autorenleistung ist da noch mal total gewachsen.
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