Désirée Nick zieht zum 70. Geburtstag Bilanz: "Prostitution ist leichter"

Es ist ein sonniger Nachmittag, als die AZ im Wintergarten-Varieté auf Désirée Nick trifft. Das Theater in Berlin-Tiergarten hat für die Künstlerin eine besondere Bedeutung, denn dort steht sie seit mehr als 30 Jahren auf der Bühne. Doch natürlich ist sie auch für ihre Auftritte in diversen Reality-Formaten bekannt. Bei einem Glas Sprudelwasser reflektiert Désirée Nick ihr langes (Über-)Leben in der Showbranche – und verrät in der AZ, worauf sie sich mit 70 am meisten freut.
Désirée Nick wird 70: "Gibt eigentlich keinen Geburtstag"
Ihren 70. Geburtstag, der offiziell am 30. September ansteht, begeht Désirée Nick nicht nur einmal. Vom 25. September bis zum 4. Oktober spielt sie zehn Vorstellungen ihrer großen Jubiläumsshow "Reflection" im Wintergarten-Varieté. In der AZ verrät sie erste Details – und packt auch über das Älterwerden und die Schattenseiten der Unterhaltungsbranche aus.
AZ: Liebe Frau Nick, wie denken Sie über Ihren bevorstehenden runden Geburtstag?
DÉSIRÉE NICK: Für mich ist dieser Geburtstag ein Arbeitstag. Die Leute fragen immer: "Wie feierst du Geburtstag?" Wenn ich an diesem Tag im Berliner Wintergarten-Varieté meine Show spiele, heißt das nicht nur Arbeit an diesem Tag, sondern auch an den Tagen davor und danach. Es gibt eigentlich keinen Geburtstag. Damit stehe ich nicht alleine da, denn dieses Gefühl kennt jeder, der einen ernstzunehmenden Job am Theater hat.
Können Sie das weiter ausführen?
Ein Orchestermusiker, ein Schauspieler, ein Performer oder eine Balletttänzerin würden wohl kaum sagen: "Ich komme heute nicht, weil ich Geburtstag habe." Einen Krankenhausdienst kann man vielleicht noch tauschen, vielleicht auch als Polizist oder Feuerwehrmann. Ein Künstler kann nicht tauschen, das wäre hoch unprofessionell. Ich spiele zehn Vorstellungen meiner Geburtstagsshow, die sich genau um dieses Thema ranken. Von daher wird in gewisser Weise auch zehnmal mein Geburtstag gefeiert – aber mit Publikum und auf der Bühne. Das ist der Unterschied.

Was können Sie über "Reflection" verraten?
Der geniale Titel sagt ja eigentlich schon alles. Ich habe viele tolle Shows gehabt, aber dieser Titel ist wirklich fantastisch. Erstens bleibt er sofort hängen, und "Reflection" bedeutet: Ich schaue in die Vergangenheit, nehme die Zukunft ins Visier, und es wird alles widergespiegelt. Aber auch: Wie stehe ich zu dem, was ich im Spiegel sehe? Von daher ist es ein geniales Programm, in das ich völlig neue Formen der Unterhaltung einbaue.
Zum Beispiel?
Natürlich als Diseuse, ganz im Sinne einer Lotte Lenya und einer Helen Vita, also Sprechgesang. Oder im Sinne einer Marlene Dietrich, die ich auch personifiziere in meiner Show. Ich habe mir auch neue Bereiche der Artistik zu eigen gemacht. Das ist eine Überraschung, die zu einem Gesamtkunstwerk zusammengeführt wird. Ich würde damit sehr gerne im Zirkus Krone gastieren. Die Leute wären begeistert und würden sich überschlagen.
Frust bei Désirée Nick: "Das Business ist in eine Schräglage gekommen"
Was ist das Schönste am Älterwerden – und was das Nervigste?
Mir fällt nur Schönes ein. Bis ich Mitte 30 war, ging es mir prinzipiell nämlich sehr schlecht und dann ging es mir durch die Berufsfindung besser. Ich arbeite allerdings in einer Branche, von der ich jedem nur abraten kann. Das ist auch das größte Reward des Schicksals, dass mein Sohn nie den Drang hatte, sich als Künstler berufen zu fühlen. Ich sage es mal so: Prostitution ist leichter.
Ist das so?
Da weiß man, was man dafür kriegt, man kann seine Arbeitszeiten anpassen und hat eine ziemlich klare Erwartungshaltung zu erfüllen. Ich finde, das ist gar kein schlechter Beruf im Vergleich zu dem, was ich mache. Ich selber rangiere mich weit unter Prostitution ein, weil es in meinem Metier nur Unfairness, überhaupt keine Standards und sehr viel völlig unbezahlte Arbeit gibt. Vor allem die Amateure im Reality-TV haben die Preise in diesem Business ruiniert. Man weiß ja in Deutschland schon gar nicht mehr, was Entertainment überhaupt ist.
Können Sie das konkretisieren?
Man bekommt teilweise konsternierte Antworten, wenn man es wagt, nach Geld zu fragen. Das kommt daher, dass Amateurclowns, die nichts gelernt haben, sich im Reality-Bereich als Diva, Icon, Legend und Star ausgeben und den Produktionsfirmen erzählen: "Ich mache es umsonst." Ihr Lohn ist, wenn sie neue Follower bekommen. Dadurch ist das gesamte Business in eine Schräglage gekommen.

Was hält Sie dennoch in Ihrem Job?
Das Schönste an meinem Beruf ist die Treue des Publikums, das 3D-Live-Erlebnis und die Authentizität. Gerade in Zeiten von KI ist das Theater nicht hoch genug einzuschätzen, weil es die letzte reale, authentische Bastion ist. Es gibt nichts Authentischeres als einen Künstler, der auf eine Bühne geht. Egal, welches Kostüm man anhat: Das Einzige, was die Leute sehen, ist das Talent. Und leider stelle ich fest, dass das zu einer Rarität geworden ist.
"Ein einziger Opfergang": Désirée Nick rechnet mit Branche ab
Was würden Sie jungen Leuten raten, die vom Showgeschäft träumen?
Es lohnt sich nur, sich für diesen Beruf zu entscheiden, wenn man infiziert ist. Wenn man so hoffnungslos davon besessen ist, dass man sagt: Entweder ich mache genau das oder ich sterbe. Parallel zum Talent und der dazugehörigen Portion Wahnsinn braucht man auch eine große Fähigkeit zur Opferbereitschaft. Wenn ich zurückblicke, war mein ganzes Leben ein einziger Opfergang.
Inwiefern?
Privatleben, Freizeit, bürgerliches Leben blieben auf der Strecke und es gab keinerlei Sicherheit. Ein Zahnarzt weiß, was er in elf Jahren in der letzten Juliwoche bis zur letzten Augustwoche macht. Er kann sich ausrechnen, wann er sich ein Segelboot kaufen kann. Wahrscheinlich kann das auch ein Lehrer oder Studienrat. Bei mir gibt es diese Sicherheit nicht. Man muss sehr viele Fähigkeiten mitbringen, die in anderen Berufen eigentlich gar nicht gewürdigt werden. Aber all das ist auch das Schöne. Denn an meiner Person und an diesem ganzen Berufsbild scheitert die KI. Wir sind safe, was KI anbetrifft. Esprit, Charme, Humor, Personality und alle diese Dinge – da hat sie keine Chance.

Haben Sie je über eine alternative Karriere nachgedacht?
Ich hätte wahnsinnig gerne einen anderen Beruf ergriffen. Mit dem, was ich heute weiß, hätte ich etwas ganz anderes gemacht, wäre gerne auf Bildung gegangen. Ich würde heute PPE studieren, Philosophie, Politik, Economics, möglichst in Oxford. Da werden aber nur sehr wenige genommen. Und wenn ich nicht genommen worden wäre – wobei sie mich bestimmt genommen hätten –, wäre ich sehr gerne Psychologin geworden und hätte eine Praxis aufgemacht.
Noch etwas?
Leider kam ich aus einem zu künstlerischen und geisteswissenschaftlich-humanistischen Haushalt, sonst wäre ich auch gerne Scheidungsanwältin geworden. Wenn irgendwo ein bisschen Kreativität und Cleverness vorhanden wäre, hätte mir doch jemand eine Serie schreiben müssen, in der ich die Scheidungsanwältin bin und jeden Freitagabend um 20:15 Uhr beim MDR oder beim ZDF ein neuer grauenvoller Fall zur Sprache kommt. Aber das Leben wollte, dass ich nun mal Theologin bin.
Image von Désirée Nick: "Fernsehen ist keine Theaterbühne"
Fühlen Sie sich im Fernsehen manchmal auf Ihre spitze Zunge "reduziert"?
Das muss im Fernsehen so sein, weil ich dort ja keine Bühne für zwei Stunden habe. Da müssten sie mir meine eigene Late Night geben. Dass sie das nie gemacht haben, ist übrigens ein Riesenfehler, denn ich bin die Einzige, die das jemals gekonnt hätte. Man muss natürlich wissen, bei welchem Medium man sich befindet und zu welcher Veranstaltung man gebeten wird. Wenn ich ins Reality-TV eingeladen werde, weiß ich: Hier sind ganz andere Qualifikationen gefragt. Wenn ein Koch eine Currywurstbude führt, braucht er den Leuten ja auch nichts über Filet Mignon erzählen.

Das stimmt wohl.
Natürlich bin ich Profi genug, um zu wissen, was von mir verlangt wird. Man darf ein Medium auch nicht überfordern, das Fernsehen ist keine Theaterbühne und muss formatieren. Fernsehen ist außerdem Teamarbeit: Du gibst dich ein, aber formatiert, geschnitten und zu einer Show gemacht wird es durch andere. Der Sender hat das Sagen, dazu kommen die Sponsoren und Werbepartner. Schon geht die Kunst flöten. Das ist ein ganzes Konglomerat. Gehe ich auf eine Bühne, bestimme ich – gemeinsam mit dem Regisseur. Man hat viel mehr Kontrolle im Theater als im TV. Und ich kann nachvollziehen, warum das gesendet wird, was die stärkste Schlagzeile bringt.
Haben Leute manchmal Angst vor der Begegnung mit Ihnen?
Ich bin so froh, dass Leute Angst vor mir haben. Das ist das Beste, was ich mir erarbeitet habe. Denn wer Angst hat, hat diese Angst aus gutem Grund. Genauso gibt es Leute, die keine Angst haben. Und umso größer ist die Überraschung, wenn sie mir dann privat begegnen. Ich kann die Gedanken in den Köpfen anderer Leute nicht kontrollieren, deshalb mache ich mir darüber keine Gedanken. Aber das dürfte bei Leuten, die einen gewissen Humor und Horizont haben, eigentlich auch nicht vorkommen. Natürlich haben die Leute Angst, die sich etwas haben zuschulden kommen lassen. Da denke ich in erster Linie an Kollegen. Dann ist es ja auch gut begründet – und es ist Feigheit, wenn es nicht ausgetragen wird.

Promi-Kriege: So denkt Désirée Nick wirklich über Thomas Gottschalk & Co.
Sind Ihre öffentlichen Fehden mit anderen Promis zum Teil auch Marketing?
Nein, ich bin ehrlich, denn es gibt dafür ja Gründe. Es gibt in diesem Metier sehr viele Frauenhasser, das darf man nicht vergessen, und ich habe feinste Antennen. Und ich muss auch ganz ehrlich sagen: Als Künstlerin, die für ihre Shows gefeiert wird und an diversen Staatstheatern über Jahrzehnte Engagements hatte, finde ich es befremdlich, dass ich überhaupt mit Amateuren performen muss. Aber daran sieht man eben, was für eine Lotterie dieses ganze Geschäft ist.
Haben Sie ein Beispiel parat?
Na ja, das ist so, als wenn Sie zu Hause eine alte Geige herumliegen haben und jemand setzt Sie in die Philharmonie und sagt: "Jetzt spiel doch mal mit." Diese Leute, die eigentlich vorgeben, eine Boutique zu führen oder sich gar Designer nennen, treten plötzlich im Bereich Unterhaltung in Erscheinung. Sie liefern Zero, lassen sich aber für Geld als Faktotum vorführen. Das Niveau ist Panoptikum, aber nicht Performance.
Das müssen Sie näher erläutern.
Ich finde mich in einem Umfeld wieder, das weit unter meiner Würde ist. Und wenn die Leute dann noch frech werden, kann sich ja wohl jeder selbst erklären, warum ich nicht amüsiert bin. Ehrlichkeit ist ein wunderbares Mittel. Ich finde es auch traurig, dass man heutzutage mit Ehrlichkeit aus dem Rahmen fällt. Es sollte doch die Norm sein. Aber nein, die Leute sagen: "Ja, Frau Nick, warum sind Sie so ehrlich?" Da kann ich nur sagen: Es ist eine Schande, dass die Lüge als die Norm empfunden wird. Es müsste umgekehrt sein: Die Ehrlichkeit müsste die Norm sein.
Wie stehen Sie heute zu Thomas Gottschalk?
Zu diesem Thema sage ich eins: Ich war viermal bei "Wetten, dass..?" zu Gast. Tragischerweise weiß die Gen Z heute gar nicht mehr, was das eigentlich bedeutet. Ich war bei "Wetten, dass..?", zusammen mit Jerry Hall, Whoopi Goldberg, Tom Cruise, und diesem wunderbaren Briten, Hugh Laurie. Davon gibt es Bilder. Also, wer kann das heute noch von sich behaupten? Niemand.

2023 kam es zum Schlagabtausch zwischen Ihnen und Thomas Gottschalk, nachdem er über Ihre "Playboy"-Fotos gesprochen hatte.
Das war kein wirklicher Schlagabtausch. Der hat ja Schlagabtausche mit jedem, und es hat dazu geführt, dass er sich zurückgezogen hat. Das muss man eigentlich nicht mehr kommentieren. Kommentieren sollte man, wie schade es ist, dass so etwas heute nichts mehr bedeutet: Viermal bei "Wetten, dass..?" – ich weiß nicht, wer das heute noch von sich behaupten kann.
Feminismus und Désirée Nick: "Man sollte bei mir den Ball flach halten"
Im Film "Was haben wir gelacht" wird Thomas Gottschalk für sein Verhalten gegenüber Frauen kritisiert. Wie stehen Sie dazu?
Also zuerst einmal muss ich sagen, dass ich den Film bislang nicht gesehen habe. Außerdem bin ich ein guter Kumpel und weiß, dass man die Sachen immer im Kontext bewerten muss. Die Ladys hätten natürlich damals die Chance gehabt zu sagen: "Bitte nicht." Wenn man das so aufdröselt, frage ich mich: Warum hat damals nicht eine Lady gesagt: "Moment mal, Herr Gottschalk, aber doch bitte nicht oberhalb des Knies. Sie werden doch wohl meine Körperlichkeit respektieren. Ich mache das bei Ihnen ja auch nicht." Die Dame hätte gleich eine Schlagzeile gehabt. Also muss man sich schon fragen: Warum haben Sie es zugelassen und sich seinen Avancen unterworfen? Weil sie karrieregeil waren, um jeden Preis!

Haben Sie je übergriffiges Verhalten von Männern erlebt?
Niemals. Ich kann von mir keine so grauenvollen Sachen behaupten, dass ich missbraucht oder geschlagen worden bin oder Ähnliches. Häusliche Gewalt kenne ich auch nicht. Für die Betroffenen tut es mir sehr leid – das sollte man auch nicht oberflächlich einordnen.
Wie bewerten Sie den modernen Feminismus?
Dazu kann ich nur sagen: Wir sind in meiner Familie Alleinerziehende in der vierten Generation, unfreiwillig. Das war nie das Ziel, es kam aber so. Meine Großmutter war schon eine Feministin, als es das Wort noch gar nicht gab. Von daher sollte man den Ball flach halten, wenn man mit mir dieses Thema anschneidet. Was vom Feminismus und dem Film zu halten ist, sieht man an der Tatsache, dass ich kein Teil davon war. Auch das ist natürlich eine Seilschaft. Das sind die Mädels, die sich aus Köln schon immer gut befreundet haben, vom Karneval kommen und sich damals schon beim Fernsehen ihre Filetstücke gesichert haben.
Inwiefern?
Es sind doch immer dieselben Leute. Die haben alle abgesahnt in den Achtzigern und Neunzigern. Ich bin damals Klinken putzen gegangen und war froh, wenn ich in irgendeinem Berliner Offszene-Undergroundtheater 100 Zuschauer hatte. Meine ganze Lebensbiografie ist mit deren Biografie überhaupt nicht vergleichbar. Warum helfen diese Mädels keiner anderen Frau? Sie lassen keine rein und sie lassen keine ran. Genau so bleiben die sogenannten 100 starken Frauen unter sich! Alles nur Behauptung, die Biografie erzählt etwas anderes.

Oscar Prinz von Hannover: So steht er zu Mama Désirée Nick
Ihren Sohn zieht es nicht in die Öffentlichkeit. Verfolgt er Ihre Show-Karriere?
Mein Sohn ist keine Person des öffentlichen Lebens und er wohnt in England, sieht die Dinge im TV im Original, die hier zehn bis zwanzig Jahre später kopiert werden. UK ist, was TV anbetrifft, inzwischen Lichtjahre voraus. Immer wenn man ein Projekt hierzulande vorschlägt, das in UK längst Straßenfeger ist, erhält man nie wieder eine Rückmeldung.
Wie stehen Sie und Ihr Sohn zueinander?
Ich wurde mit 40 Mutter und mein Sohn wird jetzt 30, denn wir haben zusammen Geburtstag. Das heißt, dass die große Künstlerin Nick auf den 30. Geburtstag ihres Sohnes verzichten muss, der in England lebt und niemals zu einem gemeinsamen Event gehen würde, um mit seiner Mutter fotografiert zu werden. So was ist doch Kindergarten. Seine Haltung ist nicht nur nobel und ehrenhaft, sondern es ist auch ein Bekenntnis. Da braucht man ja nicht mehr fragen: Was hält er davon? Mich würde ja interessieren, was sein Vater heute sagen würde, nachdem er immer gerne verbreitet hat, ich würde unser Kind für meine mediale Karriere nutzen. Er hat nie kapiert, dass er 17 Jahre mit einer sehr großen Künstlerin liiert war, die sich darüber hinaus auch noch selbstständig ein Vermögen aufgebaut hat. Inzwischen geht es mir besser als ihm, das ist die Ironie des Schicksals.

Gibt es bei Ihnen Neuigkeiten in der Liebe?
Nein. Und wenn es Neuigkeiten gäbe, würde ich die für mich behalten, so wie ich es ja mit dem Vater meines Kindes auch gemacht habe. Warum? Weil ich andere Dinge vorzuweisen habe und es nicht nötig habe, mich mit Privatangelegenheiten zu positionieren. Ich habe das in 40 Jahren nicht gemacht. Warum sollte ich es in Zukunft tun? Das überlasse ich Leuten wie Natascha Ochsenknecht, Verona Pooth und wie sie alle heißen. Die, die die Rechte ihrer Kinder von klein auf an die Medien verkaufen – da gibt es ja einige.
"Political Correctness" und "Cancel Culture": So denkt Désirée Nick darüber
Finden Sie, man ist heutzutage in seiner Meinungsfreiheit eingeschränkter als früher?
Nein, im Gegenteil. Man muss heute sogar noch deutlicher werden, weil die Gen Z und auch die Millennials in einer anderen Bubble groß geworden sind. Durch Social Media hat sich die Aufmerksamkeitsspanne sehr verkürzt. Untersuchungen haben ergeben, dass gerade die Jüngeren eine Schlagzeile nicht mal mehr zu Ende lesen. Dessen muss man sich bewusst sein: Auch wenn man das nicht gut findet und es nicht 100 Prozent der Leute betrifft – es gibt Menschen, die so funktionieren. Das kann man nicht ausmerzen.
Was bedeutet das für Sie?
Man muss es einkalkulieren, wenn man sich überlegt, wie man seine Message transportiert. Das betrifft im Übrigen auch die Politik. Wer nicht mal Satire oder einen blöden Witz richtig einordnen kann, der ist ja von einer politischen Wahl vollkommen überfordert.
Was halten Sie von der sogenannten "Cancel Culture"?
Ich warte bis heute vergeblich auf das Gegenangebot dieser Menschen, die den Stab über Dramaturgie, Kunst, Kultur und Inhalte brechen. Ich frage mich: Sind das Literaten, sind es Dramaturgen, sind das Germanisten? Nein. Es ist eine nicht identifizierbare, beige-graue Masse. Wenn ich etwas wegnehme, ausradiere, die Elite negiere, muss ich ein Gegenangebot bringen. Man kann nicht nur ausmerzen und anstelle dessen nichts setzen. Das ist, wie wenn man sagt: "Autos – jedes Jahr gibt es 3.000 Unfalltote in Deutschland. Ein Auto ist ja eine Waffe, also gehören Autos verboten." Was kommt stattdessen? Gibt es jetzt nur noch Schwebebahnen?
Eine interessante Analogie.
Auf diesen Ersatz, der die Lücke füllen soll, warte ich bei der "Cancel Culture" bis heute vergeblich. Erstaunlicherweise kommt das alles immer aus derselben Ecke. Die Germanisten, Literaten, Dramaturgen und Autoren verdrehen nur die Augen. Die, die ausmerzen, bleiben eine Antwort schuldig. Und vor allem sehen alle so trostlos und unerlöst aus. Was inzwischen so sehr auf der Strecke geblieben ist, ist ja wohl der Humor. Deutschland ist sowieso weltweit als das humorloseste Land verschrien und braucht nun nicht auch noch "Cancel Culture".

Zukunftsträume: Désirée Nick über die bevorstehenden 70er
Worauf freuen Sie sich im neuen Lebensjahrzehnt?
Auf die dicken Schecks. Ich habe in meinem Leben niemals über andere Geld eingenommen – schon gar nicht über Ehemänner. Ich habe sehr früh angefangen, Kunst zu sammeln, Werke bildender Künstler, bevor sie entdeckt wurden. Ich bin eine vermögende Frau und kann mich von daher in Zukunft nicht unter Wert verkaufen. Aber die Leute haben vom Künstler keinen Respekt mehr.
Inwiefern?
Die Interpretation, wer oder was ein Künstler ist, ist völlig nebulös. Man kann auch ein Gärtner und ein Künstler sein und niemand weiß es. Andere nennen sich Künstler und haben nur eine gestörte Selbstwahrnehmung. Von daher werde ich in Zukunft natürlich für das Geld arbeiten, das mir angemessen ist. Die Leute zahlen entweder – oder sie müssen Schlampen engagieren, tut mir leid. Ich rede hier aber vom TV, nicht vom Theater. Dort überlebt man nicht, wenn man keine Qualität hat.
Gibt es noch unerfüllte Träume in Ihrem Leben?
Ja, mehr Spaß haben. Ferien haben, wenn andere Ferien machen, entscheiden können: Wo feiere ich Weihnachten? Feiere ich überhaupt? Ganz einfach: mehr Freizeit. Und vielleicht in meinem Alter mal in die Toskana, nach Capri oder in die Provence fahren. Was die anderen Leute eben so machen, denn das kenne ich alles nicht. Allerdings habe ich dafür eine Karriere aufgebaut.