Der Ring des Nibelungen

Jäger verlorener Schätze, ein vielleicht nur scheinbar überholtes Konzept der Fernseh- und Kinounterhaltung, waren 2023 mit der Wiederkehr des damals 80-jährigen Harrison Ford als Indiana Jones in aller Munde. Aus dem gleichen Jahr stammt auch der "Tatort: Gold", in dem die Ludwigshafener Kommissarinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) einer Kostbarkeit hinterherjagen. Sie kann mit den bei "Indy" bespielten Kinomythen mithalten: Es ist der legendäre Schatz der Nibelungen. Einst soll er durch Hagen von Tronje im Rhein versenkt worden sein, und tatsächlich nahmen und nehmen einige Forscher an, dass dieser Schatz real existiert. Auf eine Spur führt die Ermittlerinnen der verschwundene Filialleiter einer Bank, zudem ein Mittelalter-Fan, in dessen zurückgelassenem Wagen sich Goldmünzen befinden, die zum "Rheingold" gehören könnten.
Das Ludwigshafener Team, in dem diesmal auch die 2024 ausgeschiedenen Gerichtsmediziner Becker (Peter Espeloer) und Mitarbeiterin Edith Keller (Annalena Schmidt) einiges an Spielzeit erhalten, findet heraus, dass der Verschwundene seinen letzten Abend offenbar im Deidesheimer Weingebiet verbrachte. Dort hat auch Susanne Bartholomae (Ulrike C. Tscharre), die sich mit dem später Verschwundenen in einem Hotel traf, ihr Weingut. Albert Dürr (Heino Ferch), Direktor des Wormser Nibelungen-Museums, ist sich fast sicher: Die Sage rund um das im Rhein versenkte, mystische Gold könnte zu neuem Leben erweckt werden. Vielleicht hat jemand den im Wortsinne sagenumwobenen Nibelungenschatz gefunden - was jedoch, wie im Nibelungenlied beschrieben, zur Abkehr von der Liebe und Hinwendung zu Mordideen geführt haben könnte.
Tatsächlich tritt bald eine Schmuckhändlerin (Marie Bonnet) auf den Plan, die ebenfalls über die Maßen an einem "Schatz" interessiert ist. Und dann wäre da noch die abgestürzte Ex-Frau des Verschwundenen (Pheline Roggan), die ebenfalls eine wichtige Rolle in dieser mit Humor unterfütterten Krimi-TV-Oper spielen könnte ...
Weltbekannte Mythen aus Rheinland-Pfalz
Auf der Suche nach Mythen ist man in der Nordostregion des SWR-Sendegebietes nun beim "Ring des Nibelungen" angekommen - dem aus vier Teilen bestehenden Opernzyklus Richard Wagners. Die Adaption der deutschen Volkssage geriet ihm zwischen 1848 und 1874 zu einem 16-stündigen Gesamtwerk. "Tatort: Gold" (Drehbuch: Fred Breinersdorfer und Katja Röder, Regie: Esther Wenger) übernimmt nun erzählerische Motive des Nibelungenliedes aus dem frühen 13. Jahrhundert und nutzt zudem Kapitelunterteilungen wie "Das Rheingold", "Die Walküre", "Siegfried" und "Götterdämmerung", um auf Ähnlichkeiten zwischen Sage, Oper und Krimiplot hinzuweisen.
Wer nun aber glaubt, das Ganze ergäbe einen anspruchsvollen Kunstkrimi, irrt. "Gold" ist ein leichter, manchmal sogar reichlich alberner Sommerkrimi, der mehr Münster als Murot atmet und der in vielen Figuren und Erzählsträngen auch nicht wirklich geglückt ist. Dafür baut er zu wenig Spannung auf und auch der Plot wirkt nicht wirklich rund.
Trotzdem sollte es vor allem für Nibelungen- und Wagner-Fachleute eine Freude sein, Parallelen und Motive von Sage und Oper im Krimi wiederzuerkennen und sich über ihre "moderne" Interpretation Gedanken zu machen. Schließlich fasziniert die Idee unermesslichen Reichtums die Menschheit bis heute. Und noch immer fahnden Glücksjäger nach Überresten des vielleicht größten beschriebenen Schatzes der Menschheit, von dem die Sage erzählt, dass zwölf Leiterwagen vier Tage lang dreimal hin- und herfuhren, um all das Gold fortzuschaffen.
"Tatort"-Sommerpause endet am 13. September
Natürlich sind auch Liebe, Hass und Mordlust bis heute noch nicht ausgestorben, was die Bande zwischen Sage, Opernzyklus und Krimi nochmals enger knüpft. Liebevoll ist zudem der Soundtrack des SWR-Films, für den die Komponisten Robert Schulte Hemming und Jens Langbein einen Score mit klassischen Musikern einspielen ließen, der die Wagner-Opern zwar nicht direkt nutzt, aber ihre Motive an den passenden Stellen zitiert.
Indes endet die in diesem Jahr wegen der XXL-Fußball-WM extrem lange "Tatort"-Sommerpause in 14 Tagen. Maria Furtwängler wird in der ersten Premiere der "Tatort"-Saison 2026/2027 als Charlotte Lindholm ermitteln. Ihr Film "Tatort: König in Gelb" läuft am Sonntag, 13. September, um 20.15 Uhr.
Tatort: Gold - So. 30.08. - ARD: 20.15 Uhr