Der Bräutigam ist verschwunden - was ist geschehen?

Schockschwerenot - die ersten beiden Minuten des neuen "Wilsberg"-Krimis haben es in sich. Hochspannung erzeugende Musik und schummrige Beleuchtung. Wilde Kamerafahrten. Dann ... ein Schuss. Und eine Hauptfigur der nunmehr in dieser Form seit fast 30 Jahren laufenden Reihe sinkt getroffen darnieder. Schnitt. Per Rückblende wird die Zeit zurückgespult um zwei Tage. Ein Stilmittel, wie man es aus dem "Tatort" oder aus todernsten US-Krimis kennt. Aber bei "Wilsberg"?
"Einfach weg" heißt der 91. Film der Reihe, und die Überschrift trifft es gut. "Einfach weg" ist in diesem Fall Jan Linke (David Jakobs), einst Fußballprofi und nun AH-Trainer bei Münster-Horsthausen. Linke, ein alter Freund von Ekki Talkötter (Oliver Korittke), wollte eigentlich in vier Tagen heiraten, Ekki sollte sein Trauzeuge sein.
Doch dann steht plötzlich die Verlobte Katrin Kerkenhoff (Susanne Bormann) vor der Tür und stellt fest: Ihr Freund ist spurlos verschwunden. Bald schon taucht immerhin ein Video auf. Es zeigt Linke am Strand: "Dieses ganze Auf-ewig-treu bin ich nicht", sagt er etwas angestrengt und ergänzt trocken: "Jedenfalls bin ich jetzt auf Bali. Ich wünsche dir ein schönes Leben." Ekki und Privatdetektiv Georg Wilsberg (Leonard Lansink) wollen das alles nicht wirklich glauben und forschen nach.
Overbeck tut wieder wichtig
Derweil folgt dieser etwas verworren beginnende Krimi aus der Feder von Mariann Kaiser einer bewährten Wilsberg-Idee. Nachdem stets aufs Neue eine relativ große Zahl von Stammfiguren involviert werden muss, werden in der Story gleich eine ganze Reihe von Themen aufgemacht, die schließlich natürlich alle irgendwie miteinander zu tun haben. Diesmal geht es demnach nicht nur um den verschwundenen Bräutigam, sondern darüber hinaus um Finanzbetrug und eine rätselhafte Blutlache am Flussufer. Schwuppdiwupp sind alle integriert: von der Anwältin Dr. Tessa Tilker (Patricia Meeden) über Kommissarin Springer (Rita Russek) und ihre IT-Profi-Nichte Merle (Janina Fautz) bis hin zu Kommissar Overbeck (Roland Jankowsky), dem nach zuletzt einigen durchaus erwachsenen Auftritten wieder einmal die Rolle des naiv-törichten Wichtigtuers zufällt. Er lässt sich online verführen von Vince Grossmann (Steve Windolf), einem schmierigen Finanzbetrüger. Es braucht nicht viel Fantasie, um zu ahnen, dass dieser auch etwas mit dem Verschwinden des Bräutigams zu tun haben könnte.
Mit recht viel Tempo geht es in diesem abwechslungsreichen und streckenweise äußerst ernsthaften Kriminalfilm voran bis hin zum Finale, das dank der fulminanten Eröffnungsszene mit Spannung erwartet werden dürfte. Ein bisschen zehrend ist dabei die seit jeher eher aus Abenteuerromanen und mittelklassigen Streamingserien bekannte Strategie, so gut wie jene Szene an ihrem vermeintlichen Spannungshöhepunkt mit einem radikalen Schnitt abzubrechen und zu einem neuen Schauplatz zu wechseln. Cliffhanger alle drei Minuten ... und nicht selten fallen kurz zuvor Schüsse.
Die 100 ist in Sicht
Übrigens: Fans der Reihe dürfen sich über ein kleines Comeback freuen. Bonnie von Laer (Johanna Ingelfinger), ehemals eine Zwei-Millionen-Follower-Influencerin mit Künstlernamen, kehrt zurück. Anfang 2023 stand sie im Fokus des sehr gelungenen "Wilsberg"-Krimis "Folge mir". Nun aber hat die junge Frau der Social-Media-Welt abgeschworen, kann dem analogen Wilsberg aber noch ein paar ziemlich gute Tipps in Sachen digitaler Abzocke geben.
Die nahe Zukunft der Reihe ist derweil gesichert. Fünf weitere Filme sind in Arbeit. Es handelt sich um die Episoden 92 bis 96. Die magische Zahl 100 könnte 2028 erreicht werden.
Wilsberg - Einfach weg - Sa. 03.10. - ZDF: 20.15 Uhr