Danger Dan will sich nicht auf ein Leben ohne Augenlicht vorbereiten

Danger Dan (43) macht sich über seine Zukunft keine Illusionen. "Ganz brachial runtergebrochen: Entweder sterbe ich, bevor ich erblindet bin, oder ich erblinde irgendwann daran", sagt der 43-jährige Musiker im Interview mit dem "stern". Er leidet an Retinitis pigmentosa, einer Degeneration der Netzhaut. Für seine Verlaufsform gebe es nach seinem Wissen derzeit keine wissenschaftlich belegte Heilungsmöglichkeit.
Wie sich die Krankheit anfühlt, beschreibt der Künstler, der bürgerlich Daniel Pongratz heißt, mit einem anschaulichen Bild. Sein Sichtfeld schrumpfe stetig, es sei, als schaue man durch eine Klopapierrolle. Dazu kämen Nachtblindheit und eine starke Blendempfindlichkeit. Vor allem im Herbst, wenn es früh dunkel wird, spüre er den Unterschied zum Vorjahr. Den Humor hat er dabei nicht verloren: Dass er nach oben besonders schlecht sehe, liege wohl daran, dass es heute mehr Schlaglöcher als Flugdinosaurier gebe.
Ein Neonkreuz auf dem Klavierhocker
Seinen Alltag bewältige er bislang ganz gut, Auto fahren dürfte er allerdings nicht mehr. Auf der Bühne helfen kleine Kniffe. Ein heller weißer Streifen markiere den Bühnenrand, damit er nicht hinunterfalle. Auf seinem schwarzen Klavierhocker klebe ein Neonkreuz, weil er den Sitz im Gegenlicht auf dem dunklen Boden sonst nicht immer finde.
Im Dunkeln bemerkten andere durchaus, wie wenig er sehe. "Ich laufe sehr viel Händchen haltend durch die Welt", sagt er dem "stern". Schon im Interview mit dem "Tagesspiegel" hatte er Ende September erzählt, dass ihm hinter der Bühne inzwischen häufig jemand mit einer Taschenlampe den Weg leuchten müsse.
"Überhaupt keinen Bock"
Auf ein Leben ohne Augenlicht bereitet sich Danger Dan bewusst nicht vor. Andere Betroffene würden ein Mobilitätstraining absolvieren oder Blindenschrift lernen. "Aber ich habe überhaupt keinen Bock, mich damit auseinanderzusetzen." Die Vorstellung, eines Tages blind am Klavier zu sitzen, sei für ihn völlig abstrakt. Wenn befürchtete Dinge einträten, arrangiere man sich eben.
Seine erste Reaktion auf die Diagnose war Aufbruch. Er kündigte einen ungeliebten Job, arbeitete in Ostafrika und reiste nach Armenien, Georgien und Aserbaidschan. War das Flucht? Vielleicht beides, meint er: Verdrängung, aber womöglich auch schon Auseinandersetzung. Sein Lebenshunger habe wohl mit der Krankheit zu tun. Wenn jemand vorschlage, noch in die nächste Kneipe weiterzuziehen, sei er fast nie derjenige, der Nein sage.
Ein Lied über die schöne Welt
Verarbeitet hat der Musiker seine Lage im Song "Dass es hier so schön ist" von seinem neuen Album "Keine Angst", das am 2. Oktober erscheint. Er habe lange gewusst, dass er dieses Lied schreiben müsse, und dass es nur ein einziges Mal gehe. Die Wendung zum Schluss, die von der Schönheit der Welt erzählt, hätte er direkt nach der Diagnose noch nicht hinbekommen. Inzwischen hätten sich unglaublich viele Betroffene gemeldet. Sie zeigten Angehörigen das Lied und das Video, um den Verlauf der Krankheit greifbar zu machen.
Im "stern"-Gespräch äußert sich das Mitglied der Antilopen Gang auch zum angekündigten Aus von Jan Böhmermanns "ZDF Magazin Royale". "Ich fand das eine gute und wichtige Sendung, gerade als Ort für unbequeme Kunst und politische Satire", sagt er. 2021 hatte er dort mit dem Pianisten Igor Levit "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" gespielt, das gleichnamige Album erreichte später Platz eins der Charts. Schon damals soll es beim ZDF Streit darüber gegeben haben, ob das Lied überhaupt laufen dürfe.
In der 100. Ausgabe von "Die Anstalt", die sich mit Radikalisierung und der Wehrhaftigkeit der Demokratie befasst, sollten der Rapper und der Starpianist zuletzt gemeinsam das neue Lied "Keine Angst" präsentieren. Kurz vor der Aufzeichnung nahm das ZDF die Nummer aus dem Programm, weil der Text als Aufruf zu Gewalt verstanden werden könne. Als Ersatz traten die beiden im Berliner Columbiatheater auf.