Chester Bennington: Die Stimme, die Millionen bewegte

Nu-Metal-Fans verehrten ihn, andere Sänger beneideten ihn. Chester Bennington (1976-2017) galt als eine der bedeutendsten Stimmen des Genres. Mit seinem mehr als drei Oktaven umfassenden Organ sang er sich in den Mainstream, ohne sich oder seine Vergangenheit zu verstecken. Die Texte über Sucht, Trauma und psychische Probleme sang er bis zu seinem Tod auf der großen Bühne. Heute wäre der langjährige Sänger von Linkin Park 50 Jahre alt geworden.
Traumatische Kindheit und Jugend
Bennington verarbeitete vieles aus seiner Kindheit später in den Songs. Als Kind und Jugendlicher wurde er von einem älteren Freund missbraucht. "Ich wurde verprügelt und dazu gezwungen, Dinge zu tun, die ich nicht tun wollte. Das hat mein Selbstbewusstsein zerstört", sagte er 2016 im Interview mit "Louder". In der Schule wurde er gemobbt und auch die Scheidung seiner Eltern belastete ihn. Um all das zu bewältigen, griff er bereits als junger Teenager zu Drogen wie Meth, Kokain und LSD. Mit seinem Marihuana-Konsum löste er sich von den harten Drogen, seine Alkoholsucht blieb bestehen. Erst später sollten ihn seine Bandkollegen zu einem Entzug bewegen.
Bevor er sich Linkin Park anschloss, gründete er mit seinem Freund Sean Dowdell eine Tattoostudio-Kette und schloss sich dessen Band an. 1993 riefen sie ihre eigene Gruppe Gray Daze ins Leben, mit der sie bis zur Auflösung im Jahr 1998 zwei Alben einspielten. Für Bennington schien die Zukunft ungewiss. Zu seinem 23. Geburtstag erhielt er jedoch ein besonderes Geschenk: Er wurde zum Vorsingen für die Band Xero eingeladen. So wurde er der neue Sänger der Gruppe, die sich 1999 zu Hybrid Theory und wenig später zu Linkin Park umbenannte.
Durchbruch und private Turbulenzen
Der Erfolg kam bereits mit dem ersten Album. Das 2000 veröffentlichte "Hybrid Theory" landete in vielen Ländern auf den Top-Plätzen der Charts, als Single war vor allem "In The End" erfolgreich. Ihren ersten Grammy gewannen sie jedoch mit "Crawling", das bis heute zu ihren bekanntesten Songs zählt. Mit dem Folgewerk "Meteora" (2003) festigten sie ihren charakteristischen Sound, geprägt von Mike Shinodas (49) Rapgesang und Benningtons kraftvollen Vocals.
Während die Band kommerziell durchstartete, war Benningtons Privatleben im Umbruch. 2005 ließ er sich von seiner ersten Ehefrau Samantha Olit scheiden und heiratete noch im selben Jahr Talinda Bentley. Ihre Patchworkfamilie umfasste später sechs Kinder. Derweil belasteten seine Drogenprobleme zunehmend seine Bandkollegen. Nach einer Intervention begab er sich in Therapie. "Im Jahr 2006 stand ich vor der Wahl: entweder mit dem Trinken aufzuhören oder zu sterben", machte Bennington im "Louder"-Interview deutlich.
Seine persönlichsten Zeilen
Frisch zurückgekehrt, lieferte er 2007 mit Linkin Park "Minutes to Midnight" ab, das zweite Nummer-eins-Album. Zum Fanliebling avancierte "Given Up" mit Benningtons ikonischem 17-Sekunden-Scream. Der Song spiegelte Benningtons innere Kämpfe wider. "Stuck in my head again / Feels like I'll never leave this place / There's no escape / I'm my own worst enemy", lauten einige Zeilen.
Noch persönlicher wurde Bennington nur auf Songs seines Nebenprojektes Dead By Sunrise. "Out of Ashes" von 2009 gilt als offenster Einblick in seine Gedanken, blieb jedoch das einzige Album der Band. "Ich schreibe Songs über dunkle Themen, darüber, missbraucht zu werden, drogenabhängig zu sein und mich selbst zu hassen", beschrieb Bennington das Album in einem "Metal Hammer"-Interview und schilderte auch seine Depressionen. Sein Gehirn tauche "einfach immer wieder in die beschissenen Schatten ab! Manchmal geht es zwar ans Tageslicht, schreit dann aber und verzieht sich ganz schnell wieder nach drinnen."
Abschied mit "One More Light"
Die Öffentlichkeit sah davon nichts: In Interviews scherzte Bennington gerne, er ging weiterhin auf Tourneen, sang daneben kurzzeitig bei der Rockband Stone Temple Pilots und schrieb neues Songmaterial. Das letzte Linkin-Park-Album "One More Light" mit Bennington erschien im Mai 2017. Am 20. Juli 2017 nahm er sich das Leben. An diesem Tag wäre sein enger Freund Chris Cornell 53 Jahre alt geworden. Der ehemalige Frontmann von Soundgarden und Audioslave hatte wenige Monate zuvor im Mai 2017 Suizid begangen. Bei der Beerdigung performte Bennington noch "Hallelujah".
Nach seinem eigenen Tod trauerte die gesamte Musikwelt um ihn - von Rihanna über Justin Timberlake bis hin zu seinen Bandkollegen. Seine Ehefrau Talinda erklärte, sie wisse nicht, wie sie weitermachen solle. Dennoch sei sie sich sicher, "dass ihr alle dazu beitragen werdet, die Erinnerung an ihn lebendig zu halten". Im Oktober 2017 widmeten Linkin Park ihrem verstorbenen Frontmann ein Gedenkkonzert, zu dem über 17.000 Menschen erschienen.
Heute hält die Band sein musikalisches Erbe mit Sängerin Emily Armstrong (39) lebendig. Den Fans wird zudem immer Chester Benningtons Musik bleiben, die Trost spendet und Halt in schweren Zeiten gibt. Das war immer Benningtons Ziel gewesen.
Hilfe bei Depressionen und Suizidgedanken bietet die Telefonseelsorge unter der kostenlosen Rufnummer: 0800/111 0 111