Cannes-Präsidentin Iris Knobloch: "Ich bin ein Münchner Kindl"
Die Präsidentin des Filmfestivals von Cannes, das am Dienstagabend (12. Mai) feierlich eröffnet wird, ist in München geboren und aufgewachsen: Iris Knobloch ist eine der mächtigsten Frauen der internationalen Filmbranche.
Charlotte Knoblochs Tochter spricht in der AZ
15 Jahre lang leitete sie das Frankreich- und Europa-Geschäft des Hollywood-Studios Warner Bros. Ihre Liebe zum Kino verdanke sie ihren Eltern, die sie schon als Kind mit ins Kino genommen haben. Ihre Mutter Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, besucht das Festival jedes Jahr.
Im exklusiven Interview mit der AZ spricht Iris Knobloch über ihre ersten Filmerfahrungen in München, über das Kino als gesellschaftliche Kraft und über die Message des Films "Thelma & Louise", der 1991 in Cannes Premiere hatte. Die Stars des Films, Susan Sarandon und Geena Davis, zieren das Plakat des Festivals de Cannes 2026.

"Thelma & Louise" war einer ihrer Lieblingsfilme
AZ: Frau Knobloch, können Sie sich an Ihre Reaktion erinnern, als Sie "Thelma & Louise" das erste Mal sahen?
IRIS KNOBLOCH: Ja, klar, das war einer meiner Lieblingsfilme, weil er zwei Frauen zeigt, die sich ihre Freiheit nehmen, und er dieses Abenteuergefühl vermittelt. Dieser Film hat mich nie wieder losgelassen.
Sie konnten sich identifizieren?
Das Gefühl der Befreiung, mit dem habe ich mich natürlich identifiziert. Die beiden Schauspielerinnen sind Ikonen, sie jetzt in den Mittelpunkt zu stellen, das war uns wichtig.
35 Jahre sind vergangen. Ist die Message des Films noch aktuell?
Wir haben große Fortschritte gemacht. Frauen haben heute wesentlich mehr Präsenz als vor 35 Jahren. An Talent fehlt es Frauen nicht, die Chancen sind aber leider noch nicht gleich. Für mich ist das der nächste Einsatz, den wir als Frauen leisten müssen. Es ist der Kampf um Zugang zu Projekten, zu Finanzierung, zu Chancengleichheit. Dass Frauen nicht darauf warten sollen, dass man ihnen Platz anbietet, sondern dass sie das Recht haben, sich den Platz zu nehmen. Das ist die Message, die für mich noch sehr aktuell ist.
Iris Knobloch: "Im Kino kann man nicht weiterscrollen"
Hat Kino noch die Relevanz, die gesellschaftliche Wahrnehmung zu verändern?
Ich glaube an das Kino. In der heutigen Welt gibt es wenige Momente, in denen wir wirklich präsent sind. Im Kino kann man nicht weiterscrollen. Man muss hinschauen. Das ist eine Seltenheit. Kino schafft Empathie und die Möglichkeit, sich mit Personen zu identifizieren, die man gar nicht kennt, Welten kennenzulernen, die man nie besucht hat. Das ist es, was das Kino mitgibt. Dieses Gefühl, dass man manchmal alleine hineingeht und doch etwas mehr zusammen wieder herauskommt, das hat man nur im Kino. Für mich hat Kino weiter eine große Relevanz.
Kino versus Streaming: So denkt die Cannes-Chefin über die Konkurrenz
Die große Konkurrenz des Kinos sind Streaming-Plattformen, auf denen das Publikum immer mehr Zeit verbringt.
Ein Film, der im Kino erscheint, hat die Chance, ein kulturelles Phänomen zu werden. Ein Film, der nur auf einer Plattform erscheint, wird selten in gleicher Weise zum Gesprächsthema wie ein Kinofilm. Streaming ermöglicht anschließend, dass ein Film ein noch größeres Publikum erreicht.
Wie entstand Ihre Liebe zum Kino?
Ich habe das Glück, dass meine Eltern mich schon früh immer wieder ins Kino mitgenommen haben und mir beigebracht haben, dass das Kino eine wichtige Funktion hat, um Erinnerung lebendig zu halten. Das Kino hat mich von Anfang an gelehrt, aus der Vergangenheit zu lernen. Wenn Sie die Filmselektion des Festivals in diesem Jahr ansehen, zieht sich dieser Gedanke wie ein roter Faden durch - insbesondere in den Filmen über Kriege.
Diese Münchner Kinos besuchte Iris Knobloch mit ihren Eltern
Ihre ersten Erfahrungen mit dem Kino sammelten Sie in München?
Ja, ich bin ein Münchner Kindl!
Welche Kinos besuchten Sie?
Wir waren oft im Sendlinger Tor, das gibt es leider nicht mehr, das hat mich traurig gemacht.
Welche Filme haben Sie gesehen?
Der erste Film, der mir im Gedächtnis geblieben ist, war "Die Blechtrommel" von Volker Schlöndorff. Wir haben viele deutsche Filme gesehen - das deutsche Kino war eine sehr lebendige Filmlandschaft. Der deutsche Film "Heimsuchung" (Regie: Volker Schlöndorff, d. Red.) wird dieses Jahr in Cannes gezeigt. Er ist sehr bewegend.
Iris Knobloch über Mutter Charlotte: "Seit ich Präsidentin bin, kam sie jedes Jahr"
Ihre Mutter ist offenbar ein Filmfan, wird sie das Festival besuchen?
Seit ich Präsidentin bin, kam sie jedes Jahr und auch dieses Jahr kommt sie. Das lässt sie sich nicht nehmen. Für mich ist das immer der schönste Moment des Festivals. Das ist ein gemeinsames Erlebnis. Für meine Mama ist es etwas Besonderes, über den roten Teppich zu gehen, die Treppe hinaufzugehen und mich dort oben zu sehen. Und ich sehe ihren Blick zu mir - das sind unvergessliche Momente. Das ist das größte Geschenk.

Was für Frankreich Cannes ist, ist für Deutschland die Berlinale. Dort gibt es immer wieder Einwürfe von politischer Seite. Machen Sie ähnliche Erfahrungen in Cannes?
Unsere Haltung ist ganz klar: Die Botschaften, die Filmemacher vermitteln wollen, befinden sich auf der Leinwand. Dort geht es um Macht, um Menschlichkeit, darum, wie unsere Welt heute aussieht und morgen aussehen könnte. Diese schöpferische Freiheit muss geschützt werden. Unser Auswahlkomitee ist vollkommen unabhängig. Das Einzige, was zählt, ist die künstlerische Exzellenz. Darüber wache ich sehr.
Nach Berlinale-Debatte: So steht Iris Knobloch zu Tricia Tuttle
Die Leiterin der Berlinale, Tricia Tuttle, stand im Februar kurz vor ihrer Ablösung, es wurde ihr die Unterstützung antisemitischer Stimmen vorgeworfen.
Ich kann nur sagen, ich stehe voll hinter Tricia Tuttle. Die Berlinale ist sehr, sehr wichtig und es wäre schade, wenn man sie schwächt. Die Festivals, die heute in Europa existieren, haben einen noch wichtigeren Platz als je zuvor. Alles was Festivals schwächt, schwächt die Kultur
Cannes steht auch für Mode und Glamour. Der rote Teppich ist eine Inszenierung für sich. Wie wichtig ist das für das Festival?
Die Eleganz ist sehr wichtig, aber nicht im oberflächlichen Sinne, sondern in dem Sinne, dass es ein Zeichen von Respekt ist, sich elegant zu kleiden. Respekt vor dem Filmemacher, Respekt vor dem Film. Dieses Ritual ist eine Hommage an das Kino.
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