Barbara Becker über Rassismus: "Man wird anders behandelt, das ist eine Tatsache"

Ihr ganzes Leben lang hatte sie in Deutschland unangenehme Erlebnisse aufgrund ihrer Hautfarbe, erzählt Barbara Becker: "Man wird anders behandelt, das ist eine Tatsache."
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Barbara Becker bei einem TV-Auftritt.
Barbara Becker bei einem TV-Auftritt. © imago images/Fotostand

Ihre beiden Söhne Noah (27) und Elias (21) sind aus dem Haus: Die Designerin und Fitness-Expertin Barbara Becker (54) hat zusammen mit der Journalistin Christiane Soyke ein Buch über das Empty-Nest-Syndrom geschrieben - "Mama allein zu Haus" (Verlag Gräfe und Unzer). Im Interview verrät die 54-Jährige, wie es ihr nun allein in ihrer Walheimat Miami ergeht.

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Fühlen Sie sich zu Hause in Miami nicht manchmal einsam?

Barbara Becker: Zum Glück nicht, denn ich habe meine Freundinnen, die mich auch schon unterstützt haben, als meine Kinder klein waren. Außerdem lenke ich mich ab mit allen möglichen Projekten wie meine neue Faszien-App. Ich habe auch nach 20 Jahren Pause wieder angefangen, einmal in der Woche morgens mit anderen Frauen aus dem Beirat des Bass-Museums Golf zu spielen. Beim ersten Mal hatte ich noch meine uralten Schuhe mit den Spikes an und erntete verwunderte Blicke, denn es gab tatsächlich Leute, die noch nie solche Golf-Schuhe gesehen hatten. Das Schöne ist, dass einige meiner Freundinnen gerade in der gleichen Lebensphase sind. Wir feiern das Leben und den Moment - so wie neulich mit einer sehr lauten Inaugurationparty bei mir zu Hause.

Sie meinen den Tag der Amtseinführung von Joe Biden?

Becker: Ganz genau. Ich habe morgens gleich mein Sportprogramm inklusive Seilspringen erledigt, damit wir mittags schon auf den neuen Präsidenten und vor allem auf Vizepräsidentin Kamala Harris mit Champagner anstoßen und richtig feiern konnten. Wir haben den großen Fernseher auf die Terrasse gestellt, ein kleines Buffet angerichtet und dort habe ich mir mit fünf Freundinnen stundenlang die Zeremonie angesehen, wobei vier von ihnen über 70 und bereits geimpft sind. Wir haben alle wie Kamala Harris eine Perlenkette und Chucks als Zeichen der Solidarität zu ihr getragen. Vor allem aber haben wir uns gegenseitig erzählt, was unsere schwarzen Väter oder Großmütter gesagt hätten, wenn sie das erlebt hätten: eine schwarze Frau als Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten.

Was bedeutet das für Sie ganz konkret?

Becker: Ich hatte mein ganzes Leben lang mit der Gewissheit des Rassismus' um mich herum zu kämpfen. Mir ist sehr bewusst, was eine dunkle Hautfarbe für viele Menschen bedeutet: nämlich, dass wir in der zweiten Reihe zu stehen haben. Und jetzt ist eine Frau in die US-Regierung gewählt worden, die so aussieht wie wir. Das ist ein historischer Sieg, der Hoffnung macht. Meine Großmutter hat das noch erlebt, dass sie nicht in den gleichen Bus wie die Weißen einsteigen durfte. Sie wurde angespuckt, bedroht, beleidigt. Und jetzt stand da diese schwarze Frau vor dem Capitol, legte die Hand auf die Bibel, um ihren Amtseid abzulegen. Das war ein unglaublich starkes Symbol von Gleichheit und eröffnet bisher ungeahnte Möglichkeiten für Frauen auf der ganzen Welt.

Wie fanden Sie den Auftritt der jungen Dichterin Amanda Gorman?

Becker: Wir haben sie so gefeiert und uns ihr Gedicht dreimal angehört, weil ihre Worte so stark waren. Man nennt dieses Poem "spoken word" und wahrscheinlich ist diese Form für viele Menschen hier ungewohnt, denn die Worte reimen sich ja nicht, es ist ein bestimmter Rhythmus aus der Tradition der schwarzen Kultur. Es geht darum, wie die Worte ausgesprochen und miteinander verbunden werden. Dadurch entsteht dieser ganz spezielle Sing-Sang, der eine Vorform des Rap ist. Amanda hatte als Kind einen Sprachfehler und musste immer wieder üben, Worte richtig auszusprechen. Das hat ihr Gefühl für Sprache geprägt. Ihr Gedicht ist ein Symbol für diese Zeit - im Rückblick der letzten Jahre, aber auch für die Zukunft. Wenn ich mir die Generation der 20-Jährigen anschaue, habe ich die große Hoffnung, dass die USA sich im Anblick der Welt wieder die Würde und den Respekt von früher zurückholen können. Die Jugend wird unsere Welt wieder in die richtige Richtung drehen. Das ist meine große Hoffnung.

Sie hatten eine Zeitlang mit dem Gedanken gespielt, die USA zu verlassen. Fühlen Sie sich jetzt wieder wohler in Florida?

Becker: Ich spüre eine Veränderung und liebe es, in Miami zu leben. Auf der anderen Seite sind die Leute ja noch da, die das Capitol gestürmt haben. Es ist jetzt nicht plötzlich alles eitel Sonnenschein. Ich habe vor der letzten Wahl oft das Gespräch gesucht mit Trump-Befürwortern, aber mit vielen kann ich nicht reden, weil sie mich nicht als gleichberechtigt ansehen. Dieses Problem gibt es weltweit, ich bemerke Wellen eines ansteigenden Rassismus und leider ist die Bewegung "Black Lives Matter" noch immer nicht in allen Köpfen angekommen. Auch nicht in Deutschland, obwohl die Rechte aller Menschen, ob weiß oder schwarz, im Grundgesetz als gleich verankert sind. Wir müssen uns alle bemühen, uns gegenseitig mit Respekt und Empathie zu begegnen und zuzuhören.

Hatten Sie in Deutschland unangenehme Erlebnisse aufgrund Ihrer Hautfarbe?

Becker: Mein ganzes Leben lang. Da wird mir eine Tür vom Pförtner nicht geöffnet, mein Gepäck am Flughafen mal wieder durchsucht oder der Taxifahrer nimmt mich nicht mit. Freunde von mir, die in Berlin leben, erzählen, dass sie bespuckt und beleidigt werden. Man wird anders behandelt, das ist eine Tatsache. Dass ich heute trotzdem so leben kann, wie ich will, habe ich Menschen zu verdanken, die ihre Freiheit geopfert haben, die gekämpft haben für die Gleichberechtigung aller Menschen ohne Ansehen der Hautfarbe. Das ist mir sehr bewusst und dafür bin ich unendlich dankbar.

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