Ausverkauf der Stars: Erinnerungen an die "letzte Elf der DDR"

Matthias Sammer lacht in die Kamera, Eduard Geyer, dem damaligen Nationaltrainer, fällt das Lächeln schon etwas schwerer. Wie der einstige DDR-Star Ulf Kirsten oder Andreas Thom, so hantieren die beiden mit zwei Nationaltrikots an Bügeln - dem blauen der Ex-DDR und dem schwarzrotgold-gestreiften Westdeutschlands. Es geht glücklicherweise locker zu und weniger traurig in dem Erinnerungsfilm "Go West! - Die letzte Elf der DDR" (ab Freitag, 18. September, im Stream) aus der Redaktion des ZDF-Sportstudios, obgleich da durchaus unterschiedliche Perspektiven aufeinanderprallen. Trauer ist nirgends in diesem tollen Beitrag, noch nicht einmal zu viel Nostalgie.
Dafür sorgt natürlich auch der damals noch füllige Reiner Calmund, Schlitzohr heute wie gestern und immer für einen kessen Spruch auf den Lippen gut. "Calli" erzählt hier erstmals frank und frei, wie er als Bayer Leverkusen-Manager just am 09. November 1989 mit seiner Strategie zur Verpflichtung der besten DDR-Fußballer begann. Mitarbeiter mussten per Holzcomputer die besten Spieler der DDR herausfiltern. Völler diente als Maßstab. Andreas Thom, vielfacher DDR-Torschütze, Ulf Kirsten und Matthias Sammer wurden zur Wahl des Augenblicks: "Unsere Nummern eins, zwei und drei."
Zwei Agenten wurden ausgeguckt, in der DDR hätte man wahrscheinlich "Kundschafter" gesagt, deren einer (Norbert Ziegler) aus der Gegenwart seriös über das Vorgehen berichtet. Der andere, inzwischen verstorben (Wolfgang Karnath), soll ein ebensolches Schlitzohr wie Calmund gewesen sein, geradezu eine Kopie desselben.
Umwerfend berichtet der ins Auge gefasste Sammer, wie er beim entscheidenden Qualifikationsspiel im Wiener Praterstadion (3:0 für Österreich) plötzlich neben ihm auf der Auswechselbank saß und ihm klarmachte, dass er und Leverkusen die ersten Anwärter für eine Übernahme seien. Alles so, wie es ihm Calli aufgetragen hatte. "Heute Abend Sportschule", so lautete das Kommando des Interessenten zur Adressenübergabe.
Nur Sammer kam zum letzten Spiel
Ohne Reiner Calmund wäre der im Nachtprogramm versteckte Film von Christoph Eder und Markus Brauckmann nur halb so interessant, keine Frage. Wenn Calmund - "Ich sprach zur Wand!" - im Berliner Edelhotel wenig später zwecks Thom-Verpflichtung lauthals gegen die Tapete spricht ("Alles legitim! Wir werden mit der Regierung und mit den Varantwortlichen sprechen!"), ist das ein schöner Kino-Effekt. Und auch sonst gibt's wenig Scheu vor dem Osten. Weil aber Kanzler Kohl behauptete: "Ein Ausverkauf kommt überhaupt nicht in Frage!", verzichtete Calmund großmütig ("Er war mein Chef!") auf die Unterzeichnung weiterer Verträge.
Während Sammer nach Stuttgart ging und Kirsten doch noch nach Leverkusen kam, grämte sich DDR-Nationaltrainer Eduard Geyer über den Ausverkauf, und er hat noch immer für Calmund das schöne Wort "Obergangster" parat. Unsportlich sei das alles, gar keine Frage.
Der endgültige Abschied der DDR-Mannschaft kam dann am 12. September 1990 in Brüssel - ein Freundschaftsspiel nur noch, ursprüglich als Qualifikation für die EM geplant. Geyer hatte 23 Spieler eingeladen, nur 14 kamen. Die meisten entschuldigten sich, teils als Verletzte, teils weil sie "bereits BRD-Bürger" waren. Sammer kam und schoss beide Tore zum 2:0-Sieg gegen Belgien. Er fühlte sich verpflichtet, weil die DDR seine "Heimat", sein "Fundament" gewesen sei, sagt er im Film.
Zum Kunstwerk taugen Sportfilme eher selten. Auch dieser wirkt in seiner Mischung aus Interviews, Spielszenen und teils schauerlicher Musik etwas konventionell. Doch das Gestern, so spürt man, wirkt heute immer noch nach. Dass das alles mit einem Augenzwinkern berichtet werden kann, stimmt jedenfalls tröstlich.
Zuerst im Stream, am 26. September auch linear
"Go West! Die letzte Elf der DDR", ein Film von Christoph Eder und Markus Brauckmann, steht ab Freitag, 18. September, 10.00 Uhr, im ZDF-Portal zum Stream bereit. Am Samstag, 26. September, 0.00 Uhr, gibt es die sehenswerte "sportstudio-Produktion" auch im linearen Programm zu sehen.
Der Film sei "eine deutsch-deutsche Geschichte über Chancen, Träume und Verlust, die weit über den Fußball hinausgeht", sagt Regisseur Christoph Eder. "Erzählt wird sie von den Menschen, die diese Umbruchszeit hautnah erlebt haben. Dabei prallen Erinnerungen, Weltanschauungen und Meinungen aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten." Die Arbeit an diesem Stoff habe ihm noch einmal vor Augen geführt, "wie prägend die wenigen Monate zwischen dem Mauerfall 1989 und der Wiedervereinigung 1990 bis heute sind - für unsere Gesellschaft, den deutschen Fußball und auch für mich ganz persönlich". Eder erklärt: "Ich bin noch in der DDR geboren, habe dieses Land aber selbst nicht mehr bewusst erlebt. In dieser kurzen Zeit wurden Weichen gestellt, über deren Folgen wir bis heute diskutieren."