Interview

Anna Kraft hat Multiple Sklerose: "Und plötzlich war mein Körper mein Feind"

2021 hat Sportmoderatorin Anna Kraft öffentlich gemacht, dass sie an Multipler Sklerose leidet. In der AZ spricht sie über die Schock-Diagnose und ihr Leben mit MS. "Ich will die Krankheit entmystifizieren."
| Matthias Kerber
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
6  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen
Anna Kraft.
Anna Kraft. © imago images / Pakusch

Anna Kraft (36) war mehrfache Deutsche Meisterin im Staffellauf, nach ihrer aktiven Karriere studierte sie Sportwissenschaften mit dem Schwerpunkt Medien und Kommunikation. Als Sportmoderatorin begleitete sie viele Sportformate, zuletzt die Olympischen Spiele 2021 in Tokio für Eurosport, für RTLplus moderiert sie die Europa-League-Sendung „Matchday“. Sie ist seit Jahren mit Fußball-Kommentator Wolff-Christoph Fuss liiert, das Paar hat zusammen zwei Töchter. Im August machte sie ihre Multiple-Sklerose-Erkrankung öffentlich.

Erst Topsprinterin, dann Sportmoderatorin: Anna Kraft (2.v.r.) mitMareike Peters, Anne Kathrin Elbe und Angela Dies (v.l.).
Erst Topsprinterin, dann Sportmoderatorin: Anna Kraft (2.v.r.) mitMareike Peters, Anne Kathrin Elbe und Angela Dies (v.l.). © imago/Chai v.d. Laage

AZ: Frau Kraft, Sie haben gerade erst den 16. Dezember hinter sich gebracht. Ein Datum, das Ihr Leben fundamental verändert - ja, auf den Kopf gestellt - hat, oder?
ANNA KRAFT: Zweifelsohne. Es ist ein Tag, den ich in meinem Leben sicher nie vergessen werde. Wenn ich im Kalender dieses Datum sehe, muss ich mich kurz kneifen und mir sagen: Dieser 16. Dezember vor sechs Jahren hat mein Leben und meine Einstellung zum Leben verändert. Es war der Tag, an dem ich ins Krankenhaus gegangen und 14 Tage nicht wieder rausgekommen bin. Ich weiß noch genau, dass es ein Mittwoch war. Tags darauf habe ich dann die Diagnose erhalten: Multiple Sklerose.

Bein-Kribbeln und Haut-Empfindungsstörungen: Anna Kraft fährt in die Ambulanz

Dabei sollte dieser 16. Dezember eigentlich ein schöner Frauen-Verwöhntag werden.
Stimmt. Ich hatte einen Termin beim Friseur und dafür den ganzen Vormittag eingeplant - wenn man lange Haare hat und auch noch ein bisschen mit Farbe arbeitet, kann das bei uns Frauen etwas dauern (lacht). Als ich aufgestanden bin, um zu zahlen, hat mein Bein so komisch gekribbelt. Ich dachte noch, ich muss mir beim langen Sitzen einen Nerv eingeklemmt haben, wie blöd, weil ich am nächsten Tag einen Dreh in Frankfurt hatte. So hätte ich nicht zehn Stunden arbeiten können, also wollte ich zu meinem Orthopäden. Ich dachte, der renkt mir das schnell ein, und alles ist wieder gut. Aber mittwochs hatten alle Orthopäden geschlossen. Ich bin nach Hause, wollte mir eine heiße Dusche gönnen. Ich dachte: So ein Scheiß, jetzt geht auch das Warmwasser nicht, was für ein Tag. Bis ich feststellte, dass ich die Hitze nur auf der einen Körperhälfte nicht spürte. Da hatte ich schon diese Empfindungsstörungen auf der Haut. Obwohl ich sonst jemand bin, der eher zu spät als zu früh zum Arzt geht, erst jedes Rezept von Mama oder Oma ausprobiert, bin ich in die Ambulanz gefahren.

Hängende Gesichtshälfte: Zunächst Verdacht auf Schlaganfall 

Dort dachte man aber noch nicht an Multiple Sklerose.
Nein, als ich die Symptomatiken geschildert habe, habe ich gleich gemerkt, dass alle plötzlich so hektisch werden. Ich hatte auch eine hängende Gesichtshälfte, der Mundwinkel war nach unten gezogen. Ich habe da nichts gespürt, hatte Wortfindungsschwierigkeiten. Die Ärzte befürchteten, dass ich einen Schlaganfall erlitten hätte. Es wurde sofort ein MRT gemacht, da konnte zumindest das recht schnell ausgeschlossen werden. Aber nach mehreren weiteren Untersuchungen - Nervenwasserentnahmen und so - war am nächsten Tag die Diagnose klar: MS, Multiple Sklerose.

Ein Befund, den die meisten von uns nicht genau einordnen können. Man weiß nur, dass es ernst ist.
Es war ein tiefer Schock, als mir die Ärztin mitteilte, dass es nicht heilbar ist, dass diese Krankheit nicht einfach wieder weggehen würde. MS, das sind zwei Buchstaben, die mich gefühlt erschlagen haben. Ich war nach diesen Worten Multiple Sklerose auch gar nicht mehr aufnahmefähig, alle Worte der Ärztin danach waren nur noch wie ein Rauschen in meinem Kopf. Sie hat noch gesagt, man kann heute ganz gut damit leben. Ich habe ein paar Broschüren von Pharmazie-Unternehmen in die Hand bekommen. Was mich am meisten schockiert hat, war, dass auf dem Cover, aber auch den Seiten danach, eine junge Person zu sehen war, die im Rollstuhl sitzt. Die Diagnose an sich war schon schlimm, aber fast zeitgleich diese Broschüren in der Hand zu halten, die einem suggerieren, das ist meine Zukunft, dass mein Leben im Rollstuhl enden wird, war brutal. Ich, die Leistungssport gemacht hatte? Die fünf Mal die Woche im Fitnessstudio war? Bei dem Sport nicht nur im Berufsleben, sondern eben auch privat einen so großen Platz im Leben eingenommen hat?

Partner von Anna Kraft: "Ach du Scheiße!"

Wie gingen Sie in dem Moment damit um?
Ich wollte noch im Krankenhaus ins Internet und googeln, was MS bedeutet, aber das Netz war so schlecht, dass ich keine Verbindung gekriegt habe. Ich habe dann meine Mama angerufen, die so geschockt war, dass sie gar nichts sagen konnte und das Telefon gleich an den Papa weitergereicht hat. Der meinte: "Wir kommen sofort." Dann habe ich meinen Freund Wolff (Sportkommentator Wolff-Christoph Fuss, d. Red.) angerufen. Der meinte: "Ach du Scheiße!" Die Reaktionen der anderen, die so schwer, so krass waren, haben mir noch mal verdeutlicht, wie ernst es ist. Und sie zeigen halt auch, wie tief dieses Bild "MS gleich Rollstuhl" im Bewusstsein der Gesellschaft verankert ist.

"Ich war halbseitig gelähmt. Die ersten zehn Tage waren schlimm"

Für die nächsten Tage wirkte dieses Szenario für Sie aber leider sicher sehr, sehr real.
Ja, ich war halbseitig gelähmt. Die ersten zehn Tage waren schlimm. Ich war für die einfachsten Dinge auf Hilfe angewiesen. Sich waschen, auf die Toilette zu gehen, ohne Gehhilfe aufs Klo zu kommen, war undenkbar. Ich musste das Gehen erst wieder lernen. Wie ein kleines Kind. Nur, dass ich mir als Einjährige wahrscheinlich leichter getan habe. Die eine Hälfte des Körpers funktionierte, die andere reagierte nicht auf die Impulse, die vom Gehirn an die Muskeln gingen. Das mit dem Gehen ging relativ bald, aber die Spastik in meiner rechten Hand dauerte sehr lange an. Ich war bei einer Ergotherapeutin, da hatte ich, wie in der ersten Klasse, diese Bilder, mit denen ich Buchstaben nachmalen musste. Das war irgendwie sehr erniedrigend. Meine Schrift war nie schön, aber jetzt ist sie grausig, das kam nie wieder zurück. Einen Schönschreibe-Wettbewerb werde ich in diesem Leben nie gewinnen (lacht).

"Wenn man mit 36 feststellt, dass die Blase mal nicht so funktioniert"

Es war sicher für eine einstige Leistungssportlerin erstmal schwer, zu akzeptieren, dass der Körper streikte.
Nicht nur erstmal. Das bleibt. Als Sportlerin kann man gut in seinen Körper reinhören und reinfühlen. Auch seit der Diagnose habe ich ihn ganz gut im Griff. Aber ich bin nie wieder so leistungsstark geworden und mein Körper ist auch einfach nicht mehr so steuerbar. Ich kann nicht mehr genau sagen, wann mein Körper erschöpft ist, kann längere Belastungen nicht mehr so aushalten. Wobei ich mir sehr bewusst bin, dass wir in meinem Fall noch von Luxusproblemen reden, weil mich die Krankheit in normalen Alltag meist nicht groß einschränkt. Die Beeinträchtigungen kommen beim Sport. Da muss ich leider kleinlaut zugeben, dass ich nicht mehr länger als 20 Minuten in einem bestimmten Tempo joggen kann. Oder dass mir mein Körper nach einer Stunde bei einer zweistündigen Bergwanderung sagt, dass ich mich übernommen habe. Es ist für mich ein stetiger Prozess zu verstehen, zu akzeptieren, dass mein Körper nicht mehr mein Freund ist. Früher war er das. Jetzt ist er eher mein Feind. Es ist nicht toll, wenn man mit 36 feststellt, dass die Blase mal nicht so funktioniert. Oder andere Dinge, die richtig ätzend sind. Und trotzdem sage ich mir immer mit Blick auf die Zukunft: Hoffentlich bleibt es nur dabei.

"Er hat mich die ganze Zeit so krass, so bedingungslos unterstützt", sagt Kraft über ihren Freund, Fußball-Kommentator Wolff-Christoph Fuss.
"Er hat mich die ganze Zeit so krass, so bedingungslos unterstützt", sagt Kraft über ihren Freund, Fußball-Kommentator Wolff-Christoph Fuss. © imago images / Future Image

Es gibt...
...gute und schlechte Tage. Die schlechten nenne ich Dämonentage. Das ist oft an ekligen Wettertagen, so klassische Frauen-Migränentage (lacht). Föhn, Schmuddelwetter, das merke ich gleich. Da ist es bei mir dann doppelt heftig. Aber das weiß ich eben jetzt - und kann mich darauf einstellen.

Wie lange haben Sie gebraucht, dass die Angst, die mit dieser Krankheit einhergeht, nicht mehr Ihr ganzes Leben und Denken bestimmt?
Zwei Jahre würde ich sagen: Am Anfang war es besonders schwer. Dann hat ein bisschen das Verdrängen eingesetzt. Da war ich aber mit den Medikamenten noch nicht so gut eingestellt, hatte mehrere heftige Schübe. Aber so nach zwei Jahren hatte ich mich von der Angst ziemlich befreit.

"Das letzte, was ich wollte, war Mitleid"

Dann haben Sie sich entschieden, Ihre Krankheit öffentlich zu machen. Sicher auch ein schwerer Schritt, denn die Öffentlichkeit kann ja gerade in diesen Zeiten der Sozialen Medien unglaublich brutal sein.
Ja, das kann sie ohne Frage. Leider. Es war ein sehr schwieriger Prozess, über den wir als Familie sicher ein Jahr lang diskutiert haben, denn von der Öffentlichmachung war ja nicht nur ich betroffen, sondern sie alle. Das letzte, was ich wollte, war Mitleid. Es war für mich sehr hart, mich so zu offenbaren, ja, Schwäche zu zeigen. Ich bin von meinem Naturell her jemand, der es nicht mag, Schwäche zu zeigen. Oder ich kann es einfach nicht. Egal, ob es im Sprint war, beim Mensch-ärger-dich-nicht-Spielen oder als Reporterin beim EM-Finale: Ich kann Niederlagen oder Fehler nur sehr, sehr schwer eingestehen. Das ist in meiner DNA verankert. Sich dann den Menschen mit meiner Krankheit zu zeigen, war nichts, was mir leicht gefallen ist. Aber ich habe mir gedacht: Die MS, sie ist da, sie wird nicht mehr weggehen. Sie wird immer ein Teil meines Lebens und von mir bleiben. Dieser Schritt, sich zu offenbaren, war für mich am Ende eine große Befreiung. Wobei ich zugeben muss: Ich hätte diesen Schritt vor fünf Jahren wahrscheinlich noch nicht gewagt.

Warum?
Zum Teil weil ich die ganze Situation für mich selber erst annehmen musste. Ich musste erst diese Stärke haben, zu dieser Schwäche stehen zu können. Ich brauchte eine gewisse Reife, musste wahrscheinlich erst Mutter sein, damit ich zu dieser Entscheidung zu 1.000 Prozent stehen kann. So, wie ich es jetzt tue. Es war meine eigene, freie Entscheidung, keiner hat mich darauf angesprochen, mich gezwungen. Ich musste wohl erst 35 sein, um das tun zu können. Früher hätte ich es wohl nicht gekonnt - zumindest nicht gewollt.

"Ich will dazu beitragen, diese Krankheit zu entmystifizieren"

Sie wollen der Krankheit ein Gesicht geben, den Horror nehmen.
Ich will dazu beitragen, diese Krankheit zu entmystifizieren. Wenn man heute diese Diagnosen erhält, heißt es eben nicht, dass es vorbei ist. Klar, es ist die Krankheit der tausend Gesichter. Jeder hat andere Symptome, sie kann sich bei jedem anders ausprägen und entwickeln. Man muss aber nicht im Rollstuhl landen, und selbst wenn man mal eine Gehhilfe braucht, ist das nicht das Ende des Lebens. Ich will dieser Krankheit ein bisschen den Schrecken nehmen. Ich habe selber vor ein paar Jahren erlebt, wie überwältigend genau dieser Schrecken ist. Damals dachte ich: Oh, mein Gott, mein Leben ist vorbei. Aber so ist es nicht! Ich kann wieder gehen, wieder schreiben, mein Gesicht hängt wieder da, wo es sein soll. Ich habe zwei gesunde Kinder zur Welt gebracht. Gut, ich werde keinen Marathon mehr laufen, und ob ich je meinen großen Traum erfüllen kann, den Mount Everest zu besteigen, ist mehr als fraglich. Leistungssportlerin werde ich sicher nicht mehr - oder ich müsste die Sportart wechseln. Vielleicht Schachweltmeisterin - wobei: Das ist noch unwahrscheinlicher (lacht).

Anna Kraft hat eine hochaktive Multipler Sklerose

Wie hart war es, diese Vorbildrolle, die man ja eigentlich nie haben wollte, zu übernehmen?
Ich weiß einfach, wie gut es mir damals getan hätte, wenn ich ein Gesicht zu dieser Krankheit gehabt hätte. Wenn es mehr Bücher, mehr Artikel, die ich hätte aufsaugen können, gegeben hätte. Wenn man Fragen wie "Kann man Kinder kriegen?" gut und klar beantwortet bekommen hätte. Ich denke, dass noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden kann und muss. Ich habe mich gerade im ersten Jahr sehr extrem mit der Krankheit auseinandergesetzt. Und man liest nur über die schlimmen Dinge, aber es geht eben auch anders. Wobei man zugeben muss, dass ich in einem guten Zeitfenster diagnostiziert wurde. Wäre es zehn Jahre früher gewesen, wäre es ziemlich sicher nicht so gut verlaufen. Ich habe eine sehr starke - man sagt hochaktive - MS. Ich erhalte alle vier Wochen Medikamente durch eine Infusion, die es vor zehn Jahren nicht gegeben hat. Ich hatte in dem Sinne noch Glück. Ich will Hoffnung geben und vielleicht ein paar Antworten. Die Botschaft ist: Es geht alles. Ich hätte mir damals gewünscht, dass ich die Antworten auf all diese Fragen, die dich regelrecht erdrücken, leichter gefunden hätte. Du kannst weiter arbeiten. Du kannst Kinder kriegen und so weiter. Ich sehe das jetzt so: MS zu haben, ist wie ein ungeliebtes Familienmitglied zu haben, das aber auf der einen oder anderen Familienfeier doch dabei ist - und vielleicht auch sein muss. MS ist meine ungeliebte Freundin, die ich bei einer Party schnellstmöglich in einer Ecke zurücklasse. Aber das ändert nichts daran, dass sie da ist. Sie muss ja nicht dauernd um mich herum sein.

"Der Kopf brauchte manchmal mehr Hilfe als der Körper"

Das klingt alles unglaublich positiv. Ist das der Schlüssel, um mit dieser unheilbaren Krankheit zu leben?
Man darf nicht nach dem Warum fragen, man muss das Wie annehmen. Das ist das Credo. Ich kann das offen zugeben: Die ersten Jahre waren sehr schwer für mich und sicher gar nicht positiv. Der Druck, weil ich nicht wollte, dass es in der Arbeit gemerkt wird, war enorm. Ich wollte nicht, dass jemand feststellt, dass ich nicht mehr so leistungsfähig bin. Ich habe mich auch mit der Krankheit fast zu Tode gegoogelt, immer neue Symptome gelesen, und dann hört man in sich rein, verkrampft. Das war eine Zeit, die von sehr viel Angst geprägt war. Jetzt, wo ich mich nicht mehr verstecken muss, geht es mir viel besser.

Anna Kraft über die Schübe der Krankheit MS

Und der Traum den Mount Everest zu besteigen, lebt immer noch in Ihnen?
Das ist so tagesformabhängig. Ich war gerade im Skiurlaub. Schnee und Eis sind einfach mein Element, seit ich vor elf Jahren nach Bayern gezogen bin. Manchmal gibt es diese Momente, wo ich sage: Ich werde es allen zeigen, werde diesen Berg bezwingen. Aber dann kommt der nächste Tag, und die Welt sieht anders aus. Also - ich glaube nicht wirklich, dass ich das noch schaffen werde, weil ich zum einen einfach gesehen habe, dass körperliche Belastungen mich doch zu schnell außer Gefecht setzen können. Zum anderen hat sich auch vieles verändert. Ich kann zum Beispiel Hitze nicht mehr nicht ertragen und auch Kälte nicht mehr so gut. Aber so abgedroschen es klingt: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht kommt ja noch die Phase, dass ich einige Jahre keine Schübe, keine Symptome habe, sich mein Körper neutralisiert. Der Mount Everest reizt mich unglaublich. Ich bin noch nicht bereit, das Thema ganz zu beerdigen. Sagen wir so: Die Idee ist noch nicht durch. Nicht jeder Traum muss realistisch sein, deswegen ist es ja ein Traum.

Ihren Traum eine Familie zu gründen, haben Sie verwirklicht. Sicher eine Entscheidung, die viel Gedankenarbeit und Seelensuche voraussetzt.
Nach der Diagnose hatten wir natürlich erst mal andere Probleme, aber mit der Zeit kam das Thema auf. Es war ein Thema, mit dem ich mich intensiv beschäftigt habe - intensiv beschäftigen musste. Es gab für mich ganz viele Fragen, die geklärt sein mussten. Kann ich das verantworten? Ist es eine Erbkrankheit, die ich mit all ihren Ängsten, Problemen und Leiden an meine Kinder weitergeben kann? Was macht eine Schwangerschaft mit mir? Was macht sie mit meinem Körper? Setze ich mich einer Gefahr aus? Schwäche ich mich weiter und kann für meine Kinder nach der Geburt vielleicht nicht die Mutter sein, die ich sein will, die sie brauchen? All dies habe ich intensiv mit meinem Neurologen diskutiert. Und wissen Sie was?

Schwangerschaft trotz Multipler Sklerose

Was?
Die Schwangerschaften waren die besten Zeiten meines neuen Lebens! Mein Köper hatte nicht ein einziges Zipperlein. MS hat sich die ganze Zeit nicht gemeldet. Mein Arzt hat dann zu mir gesagt: "Frau Kraft, wir wissen jetzt, was zu tun ist! Möglichst viele Kinder bekommen!" (lacht). Es ist mir wichtig, öffentlich zu machen, dass MS - Stand jetzt - eben keine klassische Erbkrankheit ist. Es ist noch nicht alles bis ins letzte Detail erforscht, aber es sieht alles danach aus. Ich habe selber zwei gesunde Kinder zur Welt gebracht - das war so eine Erleichterung. Denn am Anfang war ja nicht nur die Sorge wegen einer Vererblichkeit der Krankheit, sondern auch die Frage, was meine Medikamente anbetrifft, denn das sind ziemliche Hämmer. Ich musste erst Gewissheit haben, dass die sich nicht in irgendeiner Weise auf mein ungeborenes Kind auswirken können. Nach dem vierten Monat wurden die Medikamente bei mir abgesetzt, weil dann der Körper einer Schwangeren einen so guten Eigenschutz aufgebaut hat.

"Meine beste Zeit", sagt Kraft über ihre Schwangerschaften.
"Meine beste Zeit", sagt Kraft über ihre Schwangerschaften. © picture alliance/dpa

Wie sieht es überhaupt mit den Medikamenten aus? Die kann man nicht ewig nehmen.
Stimmt. Zum Glück tut sich in der Entwicklung immer was. Ich habe vier Jahre ein Medikament bekommen, das sehr stark war, das man nicht so lange nehmen soll, ich aber wegen der zweimaligen Unterbrechung durch die Schwangerschaften nehmen konnte. Da ich eine immer noch aktive MS habe, brauche ich die Medikamente. Dieses war sehr stark, aber zuletzt nicht mehr ganz so wirksam. Deswegen kriege ich jetzt ein neues Mittel. Das ist dann aber auch das Ende der Stärke der Medikamente, die es zur Zeit gibt. Deswegen hoffe ich natürlich immer, dass sich in der MS-Forschung etwas bewegt, damit ich mein Leben gleichbleibend bestreiten kann.

Anna Kraft und ihr Wolff: Die Liebe ihres Lebens

Woher ziehen Sie die Kraft für all das? Der Glaube an Gott?
Für mich ist es ganz klar meine Familie und mein Partner, der Wolff. Wir waren davor schon ein paar Jahre zusammen, aber mit jedem Tag merkte ich in dieser Zeit noch mehr: Das ist der Mann, mit dem ich alt werden, mit dem ich Kinder will. Er hat mich in dieser Zeit so krass, so bedingungslos unterstützt, das war unglaublich, fast unmenschlich. Er hat sich für mich aufgeopfert. Ich war auch vollständig auf ihn angewiesen, von ihm abhängig. Ich brauchte ihn bei jedem Toilettengang, bei jedem Zu-Bett-Gehen, beim Anziehen, gefühlt zum Überleben. Das Einzige, was ich konnte, war mir mit der linken Hand Essen aus der Tasse in den Mund schieben. Unsere Beziehung ist noch viel fester, stärker geworden, unerschütterlicher. Für mich war nicht der Glaube der Anker, sondern mein Partner, meine Familie.

Wie sehr hat sich nicht nur Ihr Leben durch die Krankheit verändert, sondern auch die Werte in diesem Leben?
Sehr, sehr stark. Der Zusammenhalt in der Familie bedeutet mir jetzt alles. Dieses Band, das uns alle verbindet. Ich war auf ihre Unterstützung, Rückhalt, Zuspruch angewiesen - und ich habe all das immer gekriegt. Nicht nur körperlich, sondern gerade mental. Der Kopf brauchte manchmal mehr Hilfe als der Körper. Und auch das klingt unglaublich abgedroschen: Ich habe gelernt, den Moment zu genießen. Das hat lange gedauert, sagen zu können: Das Jetzt ist schön, es ist gut. Ich habe gerade keine Zipperlein, die MS ärgert mich momentan nicht. Ich lebe, ich genieße, ich liebe den Moment. Das war etwas, was ich nie konnte. Als ich den Deutschen Titel gewonnen habe, war ich vielleicht einen halben Tag glücklich. Schade, dass ich erst durch die Krankheit gelernt habe, den Moment zu genießen, sagen zu können: Es ist gut, wie es ist.

Anna Kraft: MS ist eine Krankheit, keine Schwäche

Haben Sie noch eine Botschaft zum Abschluss?
Ich möchte nur allen sagen: MS ist eine Krankheit, ja. Aber es ist keine Schwäche, es bedeutet nicht Rollstuhl, es ist nicht der Tod. Das Leben geht weiter - und es geht auch gut weiter.

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
6 Kommentare
Bitte beachten Sie, dass die Kommentarfunktion unserer Artikel nur 72 Stunden nach Veröffentlichung zur Verfügung steht.
Ladesymbol Kommentare