Andreas Hock: "Nicht jede Saftnase verdient ein 'Like'"

Andreas Hock ist überzeugt: Unsere Gesellschaft verdummt durch Smartphones, Facebook & Co. Was den Autor am meisten nervt, lesen Sie hier.
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Von Facebook genervt: Andreas Hock
Sven Grundmann Von Facebook genervt: Andreas Hock

Andreas Hock ist überzeugt: Unsere Gesellschaft verdummt durch Smartphones, Facebook & Co. Was den Autor am meisten nervt, lesen Sie hier.

Berlin - Vom Taschenrechner über den C64 bis zum iPhone: Journalist und Ghostwriter Andreas Hock (39, "Von nix kommt nix: Voll auf Erfolgskurs mit den Geissens") sieht in der fortschreitenden Digitalisierung nicht nur Vorteile - eher im Gegenteil. In "Like mich am Arsch" (Riva Verlag, 14,99 Euro) zeichnet er dezent polemisch das Bild einer Gesellschaft, die beim ständigen Starren auf den Bildschirm verblödet. "Das wird uns alles einmal um die Ohren fliegen", erklärt Hock der Nachrichtenagentur spot on news.

Vor den Gefahren des Fortschritts warnt Andreas Hock in "Like mich am Arsch"

Die digitale Welt scheint Ihnen nicht fremd zu sein. Wodurch wurden Sie zum Kritiker?

Andreas Hock: Weil ich zunehmend genervt bin von Leuten, die denken, ihre 500 Facebook-Kontakte wären wirklich ihre Freunde. Weil ich es satt habe, dass jeder Teller Nudeln, alle Arten von Babygrimassen oder laszive Strandbilder von Mittvierzigerinnen sofort gepostet werden. Und weil ich glaube, dass wir einfach zu viele Daten ins digitale Universum blasen, ohne uns Gedanken zu machen, was damit passiert. Und wenn es nur das Foto vom Eimersaufen auf Malle ist, das irgendwann dem Personalchef des Unternehmens in die Hände fällt, bei dem man sich gerade beworben hat...

Auf welche der in Ihrem Buch angesprochenen Geräte und Medien können Sie selbst nur schwer verzichten?

Hock: Ich bin tatsächlich durchaus stolzer Besitzer eines iPhones, eines iPads und sogar eines echten Computers! Und ich benutze natürlich auch das Internet, zum Beispiel zur Recherche für dieses Buch. Die Frage ist nur: Wie viel Zeit verbringe ich damit - und welche Informationen gebe ich von mir preis? Darüber sollten wir uns einfach mehr Gedanken machen.

Sie holen zum Rundumschlag gegen die Auswüchse der digitalen Gesellschaft aus. Welchen davon finden Sie am schlimmsten?

Hock: Dass jeder menschliche Abgrund durch die Tiefen des Internets in vielfältigster Weise bedient wird. Dass wir unserer Umwelt im Minutentakt jede Nebensächlichkeit mitteilen. Und dass wir glauben, durch unsere virtuelle Präsenz am echten Leben teilzunehmen, obwohl wir uns in Wirklichkeit davon immer weiter entfernen: Im Schnitt verbringt jeder Facebook-Nutzer drei Stunden täglich in seinem Account. Diese Zeit fehlt dann natürlich woanders! So werden wir immer einsamer, ohne es zu bemerken.

Die Menschen sind auch schon vor dem Fernseher vereinsamt, Sex und Gewalt waren für Jugendliche in jedem Medium immer am interessantesten, und Boris Becker ist auch in Buchform nicht erträglicher als auf Twitter: Wird die Digitalisierung nicht auch ein Stück weit zu Unrecht verteufelt?

Hock: Ohne Fortschritt geht es nicht, und das ist ja auch gut so. Sonst würden wir immer noch in unserer Höhle sitzen und warten, bis der Häuptling von der Jagd wiederkommt. Da hat ja auch keiner Lust mehr drauf. Aber die Digitalisierung hat unsere Gesellschaft in einer so unglaublichen Geschwindigkeit verändert, dass wir noch gar nicht absehen können, wie sehr uns das alles einmal um die Ohren fliegt. Und durch das Internet - zumal das mobile - sind wir rund um die Uhr online und können dabei alles, wirklich alles finden. Ich glaube nicht, dass Kinder und Jugendliche früher so leicht an Porno- und Gewalt-Videos gekommen sind wie heute. Um Freddy Krueger aus der Videothek auszuleihen, mussten wir mit 16 noch unseren Perso fälschen und einen auf erwachsen machen. Wenn das ein 12-Jähriger heute hört, lacht der uns aus!

Die "Aufschrei"-Debatte und das Aufdecken von Plagiaten durch Blogger scheinen für Sie in eine Kategorie zu gehören wie Flashmobs und ausartende Facebook-Partys. Bringt das Internet in Ihren Augen gar nichts Gutes hervor?

Hock: Klar hat das Internet gute Seiten. Die Welt ist transparenter geworden, Wissen ist für viel mehr Menschen zugänglich. Und ich weiß an jedem Ort auf der Erde, wie es beim 1. FC Nürnberg gerade steht, was für mich existenziell wichtig ist. Aber Wichtigtuer und Aufschneider haben eben auch ganz andere Möglichkeiten als früher, ihren Unsinn kundzutun. Früher hätte vielen Idioten einfach keiner zugehört - jetzt können diese Leute zum Beispiel einen Shitstorm auslösen, der Menschen oder Unternehmen um ihre Existenz bringen kann.

Sie kritisieren, dass sich die Menschen in Spielen die Erfolgserlebnisse holen, die ihnen im realen Leben verwehrt bleiben. Treibt unsere heutige Gesellschaft diese Menschen vor den PC?

Hock: Die Menschen setzen sich schon freiwillig ständig an ihren Facebook-Account oder spielen zehn Stunden am Stück World of Warcraft. Aber die Gesellschaft hinterfragt auch nicht, ob ein solcher Mensch womöglich ein kleines Problem hat. Wer etwa andauernd von seinen Hunderten "Freunden" Nachrichten lesen muss, wie toll deren Leben gerade ist, der wird sicher nicht fröhlicher werden, wenn er selbst gerade emotional angeschlagen ist. Der wird sich stattdessen noch weiter zurückziehen!

Sie trauern dem "Evolutionsdruck" der prä-digitalen Ära nach. Hat sich der nicht einfach verschoben: Wer den Datenstrom in den Griff kriegt, wird der nächste Zuckerberg, der Rest spielt "Farmville" und lässt sich durchleuchten?

Hock: Das Buch soll ja auch unterhalten und die Leser zum Lachen bringen, insofern sind viele Dinge sehr zugespitzt dargestellt. Aber es stimmt schon: Wir können uns in ein paar Millisekunden alles ergoogeln, was man früher noch lernen musste. Schlauer werden wir damit insgesamt sicher nicht. Und wenn ein junger Mensch aus der Generation SMS einen Brief schreiben soll, hat der meistens kabarettistische Züge, so schlecht klingt das! Wenn da zufällig ein neuer Johann Wolfgang von Goethe drunter sein sollte, reißt es das in der Masse auch nicht raus!

Ihr Lösungsansatz zum Schluss: Einfach mal abschalten. Ist es wirklich so einfach - wie gering sollte Ihrer Meinung nach der Teil unseres Lebens sein, der durch die Digitalisierung bestimmt wird?

Hock: Das muss jeder selbst entscheiden. Wichtig ist, dass wir Herr zumindest unserer intimsten Daten bleiben - und unser Leben eigenständig bestimmen. Nicht alles, was uns widerfährt, muss gleich gepostet werden. Nicht jede Saftnase verdient ein "Like". Und jeder kann mal einen Selbsttest machen und beispielsweise einen Tag auf sein geliebtes Smartphone verzichten. Wer das Gefühl hat, dass es in der Hosentasche vibriert, obwohl das Gerät daheim am Schreibtisch liegt, der sollte sich mal Gedanken machen.

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