Albrecht Schuch: "Menschen mit erodiertem Seelenzustand sind ein gefundenes Fressen für Hassprediger"

Das Attentat vom Berliner Breitscheidplatz kurz vor Weihnachten 2016 war einer der schwersten Terroranschläge in Deutschland. 13 Menschen starben, 70 weitere wurden verletzt - viele davon schwer. Die Serie "Breitscheidplatz 19/12" (Sonntag, 1. November, 21.45 Uhr, Das Erste, und ab 30. Oktober in ARD-Mediathek) geht einen ungewöhnlichen Weg, um Licht in die Hintergründe der Tat zu bringen: Aus Perspektive eines von Albrecht Schuch verkörperten Staatsschützers wird die Vorgeschichte des Attentäters Anis Amri und seiner - bereits länger andauernden - Überwachung erzählt. Wie funktioniert Staatsschutz und was bringt es, eine in Teilen fiktive Geschichte so zu erzählen, als wäre sie ein dokumentarisches Abbild der Ermittlungen?
teleschau: Ermittlungsarbeit wird in der Serie als zäher, wohl eher realistischer Prozess gezeigt. Sind Grübeln und Starren auf Bildschirme ein schwieriger Schauspiel-Job?
Albrecht Schuch: Wir haben die tatsächliche Ermittlungsarbeit für die Serie schon extrem "aufgepimpt". Wenn Sie sagen, das wirke realistisch, kann ich nur sagen: Tatsächliche Ermittlungen sind noch viel dröger, zäher und relativ frei von intensiven Szenen. Staatsschützer lesen, überwachen, fahren herum und warten Wochen, Monate und manchmal Jahre, bis überhaupt etwas passiert. Dazu würde meine Figur, ein Ermittlungsbeamter, niemals direkt mit seinem Informanten zusammentreffen. Das würde über eine Kontaktperson funktionieren. Echte Ermittlungsarbeit, erst recht in der Überwachung, wäre in der realistischen Film-Umsetzung stinklangweilig.
teleschau: Haben Sie sich mit echten Beamten des Staatsschutzes getroffen?
Schuch: Ich habe mich mit einem LKA-Beamten zunächst über Sprachnachrichten und Telefonate ausgetauscht. Danach haben wir uns auch zwei Tage lang getroffen. Ich durfte mit in sein Büro, wir sind durch die Straßen gefahren, waren Mittag essen. Für mich war es ein Mix aus Informationen aufsaugen und Arbeitsalltag spüren. Mich interessierte auch, wie so ein Mensch mit Stille umgeht. Diese Leute stehen enorm unter Druck, beschäftigen sich mit Menschen, die unter anderem Morde begehen, Terroranschläge planen und umsetzen. Das ist definitiv belastend. Als Krimi-Plot mag man so etwas spannend finden. Als Schauspieler interessierte mich vor allem: Was macht der ständige Fokus auf solche Vielleicht-Täter mit einem selbst?
"Über eine Serie, die so realistisch wirkt, denkt man intensiver nach ..."
teleschau: Haben Sie es herausgefunden?
Schuch: Man versucht, es im Job professionell abzufedern. Doch der Druck macht etwas mit dir. Wenn du dich zum Beispiel in einem Tresorraum auf die Lauer legst, weil man durch eine Abhöraktion erfahren hat, dass dort ein Bankraub mit sechs Tätern plus Maschinengewehren stattfinden könnte, und du sollst dort übernachten und auf die warten - solche Situationen steckt niemand einfach so weg. Der Job führt dazu, dass man immer ein bisschen in Alarmbereitschaft bleibt. Man nimmt dieses Gefühl mit nach Hause. Auch das Misstrauen anderen Menschen gegenüber, was wir in der Serie als privaten Erzählstrang meiner Ermittlerfigur auch aufgegriffen haben.
teleschau: Die Serie suggeriert, dass bei der langen Beobachtung des späteren Breitscheid-Platz-Attentäters Anis Amri seltsame Dinge passiert sein könnten. Dass der Mann vielleicht sogar von staatlichen Stellen geschützt wurde. Gibt es dafür Hinweise?
Schuch: Es gibt Hinweise, die man so lesen kann. Wir befinden uns aber in einer Fiktionalisierung und schreiben uns nicht auf die Fahne, dass wir einen Tatsachenbericht liefern.
teleschau: Trotzdem treten in der Serie auch reale Figuren wie der Attentäter mit Klarnamen auf. Weitere Figuren orientieren sich an realen Figuren, andere sind hingegen komplett fiktiv. Darf man das so machen, wenn dadurch eine spannende Serie entsteht?
Schuch: Alle Situationen und Charaktere sind unterschiedlich im Grad ihrer Fiktionalisierung. Das finde ich in Ordnung, wenn man die Erzählung als Fiktion kennzeichnet. Man hangelt sich praktisch an einer Realität entlang. Trotzdem kann und will die Serie einen Diskurs anschieben. Einen Diskurs um Fragen wie: Darf und sollte man so vorgehen? Was ist erlaubt? Was könnte man besser machen? Und was wäre grundlegend falsch? Über eine Serie, die so realistisch wirkt, denkt man intensiver nach als über eine, die von vorne herein unglaubwürdig erscheint. Insofern gefällt mir die Machart gut, weil sie beim Zuschauen wegen dieser Echtheit etwas in dir auslöst.
"Die Serie sagt erst mal nichts über Integration aus"
teleschau: Wie geht es Ihnen, wenn Sie von Terroranschlägen hören? Speziell bei denen, die in unserer Nähe und in Deutschland stattfinden?
Schuch: Ich finde es schwierig, diese Frage zu beantworten. Dazu ist jedes Ereignis zu unterschiedlich. Auch die Reaktion meiner Figur Frank Laudin und meine private wären sehr unterschiedlich insofern, als ich solche Ereignisse viel emotionaler bewerte. Ein Staatsschutz-Profi muss Dinge analysieren, einordnen und Maßnahmen ergreifen. Ich kann und muss so etwas nicht tun und es einfach nur als Mensch verarbeiten.
teleschau: Ist es eigentlich Zufall, dass "Breitscheidplatz 19/12" ein eher graues, kaltes und abweisendes Bild von Deutschland zeichnet?
Schuch: Interessanterweise fand unser Dreh hauptsächlich im Hochsommer und vorwiegend in Wien statt. Es ist die Kunst des Kameramannes im Zusammenspiel mit dem Regisseur, dass Bilder einen bestimmten Look erhalten. Unsere Handlung trägt sich oft in der Nacht oder in dunklen Räumen zu. Das Attentat fand wenige Tage vor Weihnachten statt. Man kann Bilder in der Nachbearbeitung verdüstern und farblich verändern. Die Ermittlungsarbeit streckte sich weit über ein Jahr hinaus - mit entsprechend wechselnden Jahreszeiten. Auch das haben wir versucht abzubilden.
teleschau: Ist die Serie ein Kommentar zu gescheiterter Integration?
Schuch: Die Serie sagt erst mal nichts über Integration aus. Klar, man könnte an ihr bestimmte Zustände ablesen, aber es wird nichts zu diesem Thema in Dialogen gesagt oder explizit gezeigt. Es wäre auch vermessen, dies zu tun, denn Integration oder gescheiterte Integration sind nicht das Thema der Serie.
"Verallgemeinerungen sind nie gut. In der Regel entstehen so auch keine guten Filme."
teleschau: Aber schimmert es nicht doch durch, wenn gezeigt wird, wie gut sich die jungen Männer, die als Kämpfer rekrutiert werden sollen, in ihren islamistischen Kreisen aufgehoben fühlen?
Schuch: Ich finde jede Verallgemeinerung bei diesem Thema ausgesprochen schwierig. Deshalb würde ich mich lieber exakt an jenen Menschen aus der Erzählung orientieren. Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte, eigene Wunden und eine eigene Disposition, auf Verlust, Trauma oder Einsamkeit zu reagieren. Der Attentäter Anis Amri hatte schon vor seinem Leben in Deutschland einige Stationen durchlaufen, die zu seiner Radikalisierung beitrugen: Erlebnisse in der Kindheit, aber auch die Tatsache, immer auf der Flucht zu sein und niemals irgendwo anzukommen. Dazu kommen noch viele andere Faktoren.
teleschau: Sie warnen davor, Tätergeschichten zu pauschalisieren?
Schuch: Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich Schauspieler bin, aber ich will jeden Menschen, jeden Charakter für sich verstehen. Verallgemeinerungen sind nie gut. In der Regel entstehen so auch keine guten Filme. Wenn man hingegen viele gute Charaktere schreibt, spielt und inszeniert, kann man eine Art Fiktionalität schaffen, die einen über unsere Realität, unsere Zeit, unser Leben nachdenken lässt. Für mich wird so ein Schuh draus, nicht anders. Trotzdem ist klar: Menschen mit erodiertem Seelenzustand, die schon viel Schlimmes mitmachen mussten, sind ein gefundenes Fressen für Hassprediger und andere Verführer, die so tun, als würden sie diese Leute auffangen und ihnen Zuneigung und Wertschätzung geben.
"Auch die Helfer sind Opfer"
teleschau: Sprechen wir in Filmen zu viel über Täter und zu wenig über Opfer?
Schuch: Ja, das finde ich meistens schon. In "Breitscheidplatz 19/12" gibt es immerhin einen Handlungsstrang dazu. Es sind nicht nur 13 Todesopfer, die Verletzten und Angehörigen des Anschlages. Auch die Helfer sind Opfer. Über 150 Menschen, die rund um den Breitscheidplatz 2016 aktiv waren, mussten wegen ihrer Erlebnisse dort behandelt werden.
teleschau: Sie sind einer der gefragtesten deutschen Schauspieler Ihrer Generation. Es scheint so, als würden Sie mit jeder Rolle etwas machen, das sich von ihrer letzten Arbeit unterscheidet, auch vom Genre her ...
Schuch: Ich entscheide nach verschiedenen Kriterien. Ein wichtiges Kriterium ist in der Tat, was ich vorher gemacht habe. Auch wie es mir gerade geht, spielt eine wichtige Rolle. Natürlich spielen auch Angebote eine entscheidende Rolle. Oft habe ich Lust, mit bestimmten Leuten zu arbeiten wie diesmal mit der Schauspielerin Bayan Layla oder mit dem Regisseur David Nawrath, mit dem ich mich sehr gut verstehe, seit wir vor zehn Jahren den Film "Atlas" gemacht haben. Auch würde ich nicht von einem Psychopathen zum nächsten springen. Oder zweimal hintereinander einen Nazi spielen. Ich begreife meinen Beruf so, dass ich als Ausbildung eine tolle Werkzeug-Box mit auf den Weg bekommen habe. Ich will einfach alle Werkzeuge in dieser Box nutzen und dabei unterschiedliche körperliche und geistige Erfahrungen sammeln. Solange ich das Glück habe, dass mich die Leute in meinen Rollen unterschiedlich lesen, möchte ich das so fortsetzen.