Abschied vom "Tatort": Schuld, Sühne und Ringelhahns Ende
Im Vorspann des letzten Falles von Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) passiert etwas sehr Ungewöhnliches. Zum Sound von Barry McGuires berühmtem Weltuntergangs-Song "Eve Of Destruction" von 1965 sieht man kurze, schwarz-weiß verfremdete Szenen aus den knapp 90 Minuten, die danach folgen. So etwas macht man normalerweise nicht beim "Tatort". Man sieht Menschen, die schreien, weinen, mit Pistolen wedeln, knien oder fallen. Man darf sich also auf etwas gefasst machen. Dabei geht der "Tatort: Trotzdem" (2024) danach so schön los ...
Kommissar Voss (Fabian Hinrichs) verabschiedet sich von seiner fast schon überirdisch liebevollen Freundin, der "Honigfrau" (Maja Beckmann), und steigt in den Wagen seiner Kollegin Paula. Wie man aus den letzten neuneinhalb Jahren ihrer Zusammenarbeit weiß, gehen auch diese beiden achtsam und, ja, liebevoll miteinander um. Die beiden Franken-Kommissare würden jedoch nicht gerufen, wenn nichts Schlimmes passiert wäre. Und so hat einen das Böse in diesem zehnten und letzten gemeinsamen Voss & Ringelhahn-Fall bald wieder eingeholt.
Der 25-jährige Lenni wurde vor drei Jahren für den gewaltsamen Tod einer jungen Frau verurteilt. Nun hat er sich im Knast umgebracht. Alle mochten Lenni und glaubten an seine Unschuld, selbst die Wärter. Vor allem seine Schwestern Maria (Anne Haug) und Lisa (Mercedes Müller) sind vom Tod des Bruders zutiefst geschockt. Weil Polizeipräsident Dr. Kaiser (Stefan Merki) ein schlechtes Gewissen in der Angelegenheit hat, wird der Fall noch einmal neu aufgerollt. Die zahlreichen Ex-Freunde und sexuellen Kurzzeit-Bekanntschaften der Ermordeten müssen noch mal ins Präsidium zum Verhör. Dann ereignet sich ein weiterer Todesfall, der mit den neuen Ermittlungen zu tun haben könnte. Es hat einen der drei Söhne des wohlhabenden Unternehmers Karl Dellmann (Fritz Karl) und seiner Frau Katja (Ursina Lardi) erwischt.
Nach dem letzten Fall des Duos Ringelhahn/Voss vom Oktober 2024 ermittelte Schauspieler Fabian Hinrichs im "Tatort: Ich sehe dich" 2025 alleine. Mit Rosalie Thomass bekommt er nun eine neue Partnerin. Die 38-Jährige wird als neue Hauptkommissarin Emilia Rathgeber im Herbst 2026 den ersten gemeinsamen Fall "Tatort: Gottesgarten" lösen. Die lange Sommerpause mit Wiederholungen alter "Tatort"-Folgen endet demnächst. Maria Furtwängler wird in der ersten Premiere der "Tatort"-Saison 2026/2027 als Charlotte Lindholm ermitteln. Ihr Film "Tatort: König in Gelb" läuft am Sonntag, 13. September, um 20.15 Uhr.
Dagmar Manzels "The Sound of Silence" als Trost
Zurück zum Ringelhahn-Abschied im "Tatort: Trotzdem". Darin stoßen die Franken-Ermittler auf die aus Krimis bekannte Mauer des Schweigens, die hier aber ziemlich laut nach dem Krieg zweier Familien schreit. Um seinen toten Sohn zu rächen, hat Karl Dellmann sogar einen Profi engagiert: Hans Drescher (Gerhard Liebmann) ist seinem "Chef" zu Dank verpflichtet und soll für ihn einen Job übernehmen - auch wenn er ihm diesen am liebsten ausreden würde ...
"Der Himmel ist ein Platz auf Erden", der erste "Tatort" aus Franken, hatte bei seiner Ausstrahlung am 12. April 2015 eine großartige Einschaltquote: Über zwölf Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer sahen sich den Film von Regisseur Max Färberböck an, der sich den Fall mit Drehbuch-Partnerin Catharina Schuchmann auch ausgedacht hatte.
Max Färberböck, Erfinder des Franken-Duos und regelmäßiger Autor sowie Regisseur, stellt in seinen Versuchsanordnungen mit Krimi-Plot stets großen Fragen: Wie und warum wird ein Mensch schuldig? Gibt es Erlösung für Täter, Opfer und Angehörige? Und wenn ja, auf welche Weise kann man diese Erlösung bekommen? Auch wenn Religion bei Färberböck selten eine explizite Rolle spielt, ihre großen Themen schwingen fast immer mit. Zum Abschied von Paula Ringelhahn wird noch einmal das ganz große Erzählbesteck ausgepackt: Der "Tatort: Trotzdem" gleicht einer griechischen Tragödie und erzählt von Trauer, Wut und Rachegefühlen, die sich kaum bändigen lassen. Und das, obwohl jeder weiß - selbst die von den Rachegefühlen direkt Betroffenen -, dass all das ziemlich übel enden wird.
Nicht nur "Eve Of Destruction", Barry McGuires Folk-Weltuntergangesshymne wird im "Tatort" gespielt, sondern zwei weitere Lieder, die aus dem Jahr 1965 stammen oder damals populär wurden: Bob Dylans "It's All Over Now, Baby Blue" in einer Coverversion zu einer ziemlich gewalttätigen Szene und dann - vorgetragen von Dagmar Manzel, die ja auch Sängerin ist - Simon & Garfunkels "The Sound Of Silence" in einer A-cappella-Version auf dem Polizeipräsidium. Dass das Franken-Duo Manzel/Hinrichs 2024 endete, kann man nicht genug bedauern. Die beiden Klasse-Schauspieler lieferten über zehn Filme mit das Klügste und oft auch Berührendste, was der deutsche Fernsehkrimi in der letzten Dekade zu bieten hatte.
Tatort: Trotzdem - So. 23.08. - ARD: 20.15 Uhr
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