40 Jahre Bühne für Willy Astor: Deshalb steht der Kabarettist auf der "guten Seite der Macht"

Die AZ trifft Musiker, Kabarettist, Reimer, Texter, Songwriter, Komponist (u. a. 2008 die FC-Bayern-Hymne "Stern des Südens") und Vierfachvater Willy Astor (64) zum Interview und spricht mit ihm über Mut, Style und Dankbarkeit. Anlass: der begehrte Bayerische Poetentaler, mit dem der 64-Jährige jetzt ausgezeichnet wurde.
Willy Astor im AZ-Interview: Humor ist "Arbeitsauftrag" und "Mission"
AZ: Lieber Herr Astor, Humor ist, wenn man trotzdem lacht?
WILLY ASTOR: Ich sage immer: Albernheit verhindert den Ernst der Lage. Humor ist eine Lebensstrategie und die Möglichkeit, die Welt draußen zu vergessen. Ein großartiges Antidepressivum, das wir in diesen Zeiten gut brauchen können und eine großartige Waffe gegen den Stumpfsinn und gegen den Starrsinn. Ich bezeichne meine Kollegen und mich immer als "die gute Seite der Macht".
Inwiefern?
Ich bin seit über 40 Jahren auf der Bühne und einfach nur dankbar, dass ich das noch machen kann, was ich mache. Als ich vorher hier durch den Innenhof marschiert bin, hatte ich ein Déjà-vu. Denn hier hatte ich mit 16 meinen ersten Tanzkurs, das war für mich der erste Kontakt zur Frauenwelt und dadurch spannend. (lacht) Und dass ich jetzt hier ausgezeichnet wurde, hat mich sehr angerührt und bewegt. Poetentaler beinhaltet ja das Wort Poesie – und ich bin im Kielwasser von Reinhard Mey aufgewachsen. Das ist für mich tatsächlich der Mann im Poeten-Olymp.
Sind Sie privat auch lustig oder eher zurückhaltend?
Je nach Tagesform! Und der Humor stellt sich ja ein, wenn man vielleicht auch mal das entsprechende Gegenüber hat oder man lacht auch mal mit sich selbst, weil man vielleicht eine lustige Idee hat, die man dann aufschreibt. Aber das Leben beinhaltet einfach auch so viele ernsthafte Momente, dass man sich natürlich schon verpflichtet fühlt, den Menschen humorvolle Abende zu bieten, damit man ihnen den Alltag vergessen lässt, das ist mein Arbeitsauftrag, meine Mission. Und solange man ein Feuer im Publikum entfachen kann, ist man auf einem guten Weg.

Karrierebeginn von Willy Astor: Kabarettist über wichtigste Vorbilder
Mal ein kleiner Rückblick in Ihre Anfänge.
Das Reimen hat mich schon früh begeistert, schon als ich in der Hauptschule war, und über meine Mutter bekam ich schon früh Kontakt zu Otto Waalkes, wir sind bis heute befreundet, er ist ein wichtiger Mentor und, neben Dieter Hildebrandt und Gerhard Polt, eines meiner großen Vorbilder. Ich war Werkzeugmacher bei BMW, bin Hauptschulabgänger ohne Quali und da weißt du nicht, wohin der Wind dich bläst.
Und dann?
Ich habe meine Erleuchtung gehabt, als ich vielleicht Anfang 20 war. Da wusste ich, ich kann nicht bis ich Rentner bin, im Maschinenbau bleiben, habe nur dieses eine Leben und will daraus was machen. Damals war ich wirklich emotional sehr intelligent, dass ich mich das getraut habe.
Und mutig! Haben Sie es je bereut?
Nein! Natürlich erfordert das Mut und der verlässt einen manchmal, wenn man das Gefühl hat, jetzt fällt einem nichts mehr ein. Damit muss man auch rechnen. Man muss als Künstler mit einer großen Fallhöhe rechnen. Meine Furcht, dass ich irgendwie wieder zurück muss zum Maschinenbau, hat mich jeden Morgen aus dem Bett geschmissen. Erich Kästner sagte mal: Wer keine Angst hat, hat keine Fantasie – ich schreibe meine Texte selber, bei mir gibt es keine KI, bei mir kommt der Humor noch direkt vom Erzeuger.

"Schlimmster Moment in meinem Künstlerleben": Willy Astor erinnert sich
Können Sie das weiter ausführen?
Der schlimmste Moment in meinem Künstlerleben war tatsächlich der, nachdem ich meinen ersten großen Erfolg vor circa 30 Jahren hatte und zum ersten Mal im Circus Krone vor 2000 begeisterten Leuten gespielt habe. Ich dachte mir: Was soll da noch kommen? Ich hatte tatsächlich eine wahnsinnige Angst vor dem Fall. Es war mein Herzschlag, der mich ständig daran erinnert hat, schreibe, schreibe, schreibe! Wer schreibt, der bleibt. Mein Credo ist dabei das Gleiche wie bei meiner Kleidung.
Wie lautet denn Ihr Credo?
Farbenfroh! Also alles andere als eintönig und grau. Ich halte mich da an den "Bauhaus"-Erfinder, den Walter Gropius, der gesagt hat: "Meine Lieblingsfarbe ist bunt". Und meine künstlerische Seite ist ja auch farbig. Ich hätte es immer schon langweilig gefunden, nur Comedian zu sein, nur lustige Sachen zu schreiben. Ich brauche die Musik, ich brauche die Vielfalt, ich brauche einfach den Fächer.

Private Einblicke bei Willy Astor: "Bin einfach nur dankbar"
Am 6. September werden Sie 65. Wie feiern Sie?
Ich habe eigentlich jedes Jahr gar nichts vor, weil ich immer in den Sommerferien Geburtstag habe und da bin ich in der Regel mit meinen Kindern irgendwo im Urlaub und das ist eine relativ entspannte Angelegenheit.
Also ist dieser Geburtstag jetzt kein einschneidendes Erlebnis?
Ich denke gar nicht darüber nach! Letztendlich ist es tatsächlich, auch wenn es ein bisschen klischeebehaftet klingt, das, was man unterm Brustbein spürt, das ist dein wahres Alter, das dich fühlen lässt. Das ist bei mir ungefähr 35! (Lacht) Ich habe den Schabernack und den Schalk noch im Nacken und unterm Herzen. Und, das ist das Wichtigste, dass man einfach empathisch bleibt, dass man nicht irgendwie verkrustet, und keine Hornhaut ums Herz bekommt. Nicht zu vergessen: auf die Leute zu schauen, denen es nicht so gut geht! Helfen, die Hand ausstrecken, junge Kollegen unterstützen. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Ich habe so viel Glück gehabt in meinem Künstlerleben, bin da gelandet, wo ich bin – und ich bin einfach nur dankbar.