Nach 21 Jahren bei "Sturm der Liebe": Dirk Galuba weint beim Abschied

Das Lehel gefällt Dirk Galuba. Die alten Häuser, das gewachsene München, dazwischen das Neue – diese Mischung hat es dem Schauspieler angetan. Dabei ist München für den 86-Jährigen erst mit den Jahren zu einer Art Heimat geworden. Galuba, geboren im pommerschen Schneidemühl, hat sich sein Leben lang ein Stück weit als Gast gefühlt. Und doch ist München die Stadt, in der seine große Karriere begann und die schließlich "ein bisschen Zuhause" wurde.
Zum Gespräch mit der AZ treffen wir Galuba im Lehel. Er erzählt von fast 60 Jahren als Schauspieler, von "Derrick" und Horst Tappert, von Liebschaften statt Freundschaften, seiner Ehe mit Enrica – und davon, warum er vor dem Älterwerden und dem Tod keine Angst haben will.
AZ: Herr Galuba, wann haben Sie gemerkt: München ist nicht mehr nur der Ort, an dem ich arbeite – München ist mein Zuhause?
DIRK GALUBA: Also, ein eigentliches Zuhause habe ich nie gehabt. Ich bin ja in Schneidemühl in Pommern geboren. Mein Großvater war dort pensionierter Bahnhofsvorsteher und hat im letzten Moment noch einen Zug mit Güterwaggons organisiert, sodass wir noch rauskamen. Ich war damals vier Jahre alt, habe aber immer noch sehr viele Erinnerungen. Dieses Heimatgefühl Schneidemühl ist nie aus mir rausgegangen. Überall, wo ich war, war ich innerlich immer nur Gast. Aber München ist ein bisschen Zuhause geworden. Die ersten Drehangebote kamen aus München, und ich bin dorthin gezogen.
Wenn Sie an Ihr persönliches München denken: Welchen Ort vermissen Sie?
Das alte Schwabing. Die Kaserne war in der Nähe, in der Infanteriestraße. Aber ich bin immer zu Fuß nach Schwabing gegangen. Das hat mich fasziniert. Auch auf der Leopoldstraße die ganzen Ausstellungen, die Bilder, die Leute, die dort ihre Kunst ausgestellt hatten.
Egomanen unter sich: Warum Galuba keine Kollegen-Freunde hat
Was wäre eigentlich aus Dirk Galuba geworden, wenn die Schauspielerei nicht dazwischengefunkt hätte?
(lacht) Eine verkrachte Existenz. Ich habe nichts anderes gekonnt. Mich hat auch nichts anderes interessiert. Was hätte ich machen sollen? Auf dem Bau arbeiten oder was? Für mich gab es nur die Schauspielerei.
Fast 60 Jahre in diesem Beruf: Was wissen Sie heute über die Schauspielerei?
Ich habe immer dafür gesorgt, dass die Schauspielerei mich nicht so eingeengt hat, dass ich das Leben vergessen habe. Dieser Austausch zwischen Leben und Schauspielerei war für mich sehr wichtig. Weil ich mir gesagt habe: Im Grunde genommen kann ich ja nur das ausdrücken, was ich erlebt habe.
Wenn Sie aus fast 60 Jahren Schauspielerei eine Begegnung noch einmal erleben dürften: mit wem?
Mit Fritz Umgelter.
Warum?
Weil das ein wahnsinnig guter Regisseur und ein toller Mensch war. Jemand, der den Schauspieler geschätzt hat. Ich weiß noch, bei einem Fernsehfilm hakte es mit der Zeit. Da wurde immer gedrängt und gedrängt. Und da hat er gesagt: "Jetzt hört ihr mal auf. Der Schauspieler bestimmt das Tempo." Das habe ich nie vergessen.

Haben Sie in diesem Beruf enge Freundschaften zu Kollegen knüpfen können?
Gar nicht. Gut, es gab ein paar Liebschaften, aber es waren dann Liebschaften. Ich glaube, es ist sehr schwer, in dem Beruf eine echte Freundschaft zu haben. Wir sind ja alle Egomanen letztendlich. Egozentriker. Am Theater bist du schon längere Zeit zusammen. Aber beim Fernsehen ist das anders.
Von viereinhalb Monaten zu 21 Jahren: Wie eine Rolle zum Schicksal wurde
Kommen wir zu "Derrick". Ist dieses Kapitel für Sie abgeschlossen?
Abgeschlossen. Die "Derrick"-Zeit war sehr schön. Aufgrund dieser ersten Folge ging eigentlich meine Fernsehkarriere los. Ich bin sehr dankbar für die vielen Folgen, die ich machen durfte. Aber passé. Für mich sind Sachen vorbei. Ich kann ganz gut abhaken.
Sie waren in 22 Folgen dabei. Warum hat man ausgerechnet Ihnen so gerne etwas Böses und Abgründiges zugetraut?
Weiß ich nicht. Aber ich sage ja immer: Ein Schauspieler kann am besten das spielen, was er nicht ist. Weil er nie das Gefühl hat: Ich verrate mich. Ich bin kein böser Mensch. Also konnte ich nach Herzenslust böse sein, wie ich wollte.
Hätten Sie nicht manchmal lieber jemanden gespielt, dem man das Böse gar nicht zutraut?
Das habe ich ja in einigen Rollen bei "Derrick" schon auch gemacht. Da wurden die Zuschauer absichtlich in die Irre geführt. Fünf-, sechsmal war ich auch nicht der Böse. Aber ich kann schon sagen: Ich war Derricks Lieblingsmörder.
Wie war Horst Tappert wirklich?
Er war sehr von sich überzeugt.
Trotzdem hat es zwischen Ihnen beiden offenbar nie gekracht.
Nee, nie. Mit Siegfried Lowitz kam ich auch blendend aus, obwohl viele gesagt haben: Der ist unerträglich. Ich habe akzeptiert, dass da Leute vor mir standen, die mit Recht eine Karriere gemacht haben.
2005 kam Hotelchef Werner Saalfeld in der Telenovela "Sturm der Liebe" in Ihr Leben. Haben Sie gedacht, dass dieser Mann Sie mehr als 20 Jahre begleiten würde?
Nein, nein. Ich bin ja Schauspieler. Wenn du ein gutes Angebot kriegst, dann nimmst du es an. Es war nur für viereinhalb Monate geplant. Da dachte ich mir: Du wirst älter, die Rollen werden nicht mehr so zahlreich. Klar mache ich das. Es war ja die Hauptrolle.
Und dann hat es dermaßen eingeschlagen.
Da habe ich natürlich gesagt: Ich mache weiter. Ich kann ja jederzeit aufhören. Ich konnte meine Eigentumswohnung in Augsburg abzahlen. Das ist ja auch Schauspielerleben. Und deswegen gab es für mich keinen Grund aufzuhören. Mein Gott, da war ich 70, 75 – warum soll ich aufhören?
Sanfte Glut statt großer Flamme: Wie Liebe mit 86 tickt
Wo hörte Werner Saalfeld auf und wo begann Dirk Galuba?
Ich glaube, ich habe den Charakter des Werners doch ein bisschen zu sehr inhaliert. Das sagt meine Frau. Ich bin ein bisschen unflexibler geworden im Umgang mit Menschen. Weil ich ja den Patriarchen spielen musste, der dafür sorgen musste, dass alles läuft. Vielleicht bin ich dadurch zu bestimmend geworden.
Was war nach 21 Jahren schwerer: die Figur loszulassen oder die Menschen?
Na ja, ich bin ja nicht ganz ausgestiegen. Ich wurde auch gefragt, ob ich wiederkommen würde. Da sage ich: Ja, natürlich komme ich wieder. Ich will nur diesen stetigen Ablauf nicht mehr. Ich schlafe eigentlich immer sehr gerne lange. Also genieße ich es, auszuschlafen. Aber das Angebot ist da: Wenn sie mich brauchen, kann ich wiederkommen.
Gab es bei Ihrem letzten Drehtag einen Moment, an dem es Ihnen die Kehle zugeschnürt hat?
Ja, ich habe geheult. Das war ein schmerzhafter Abschied. Es gab eine schöne Abschiedsfeier im Studio. Da flossen auf einmal die Tränen.
Ihre Frau Enrica ist Italienerin. Glauben Sie, dass man Liebe mit zunehmendem Alter anders erlebt als mit 30 oder 40?
Ja, die Liebe verschiebt sich ein bisschen. Es ist nicht mehr diese große Flamme, dieses intensive Gefühl, das einen auffrisst, sondern es wird eine sanfte Glut. Wichtig ist, dass einfach das Liebesgefühl bleibt.
Sie haben offen darüber gesprochen, dass Sie gerne Kinder und Enkel gehabt hätten. Ist das ein Punkt, den Sie im Rückblick gerne anders gehabt hätten?
Ich weiß nicht, ob ich ein sehr guter Vater geworden wäre. Weil ich doch eigentlich immer gemerkt habe, dass ich sehr dazu tendiere, meine eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen. Früher hatte ich Akne und durch eine Fehlbehandlung eines Röntgenarztes, zu dem mein Vater mich gebracht hat, wurde mein Gesicht mit Röntgenstrahlen bestrahlt. Ich glaube, er hat mich unten nicht richtig mit einer Bleischürze abgedeckt. Ich hatte dadurch eine sehr geringe Spermienzahl. Mit meiner zweiten Frau haben wir auch versucht, Kinder zu bekommen, aber es hat nicht funktioniert. Im Grunde genommen sind das alles Dinge, die irgendwo schon vorher für mich vorgesehen waren, die in meinem Leben vorbestimmt waren.
Warum Galuba den Tod nicht fürchtet
Sie sind jetzt 86. Macht Ihnen das Älterwerden keine Angst?
Das lasse ich nicht an mich rankommen.
Wirklich nicht?
Nee, darüber denke ich nicht nach. Ich fühle mich eigentlich noch sehr wohl. Das Einzige ist die Beweglichkeit, die aufgrund eines Unfalls am Set sehr beeinträchtigt ist. Das finde ich nicht schön. Eigentlich versuche ich, das Leben zu genießen und an die Endlichkeit erst einmal nicht zu viel zu denken.
Dann beschäftigt Sie der Tod auch weniger?
Ja. Aber ich lebe nicht auf Teufel komm raus. Ich sage nicht: Jetzt muss ich alles genießen, weil ich, wenn ich tot bin, nichts mehr genießen kann. Nein, nein. Ich lebe einfach ganz normal weiter.
Wenn Sie dem jungen Dirk Galuba heute begegnen könnten – was würden Sie ihm sagen?
Junge, du hast deinen Weg gemacht.
Müssen Sie sich oder jemand anderem noch etwas beweisen?
Ich muss weder jemand anderem noch mir selbst etwas beweisen. Ich habe meine Rollen nach bestem Wissen und Gewissen gespielt, habe sehr viel Freude gehabt und die Rollen auch sehr intensiv erlebt.
München ist für Sie inzwischen zumindest eine Art Heimat geworden. Gibt es dennoch einen Lieblingsplatz?
Wenn ich jetzt hier im Lehel bin, muss ich sagen: Das gefällt mir unheimlich gut, diese Mischung aus altem München und modernem München. Es hat sich für mich jetzt, wo ich zum ersten Mal wieder hier bin, sogar positiv verändert. Das ist eine Mischung aus Alt und dem Wachsen der Stadt. Ein lebendiges Wachsen der Stadt.
Wenn die Menschen irgendwann auf Ihr Leben zurückblicken: Was wäre Ihnen wichtiger, dass sie sagen: Das war Werner Saalfeld, das war der großartige "Derrick"-Bösewicht – oder: Das war Dirk Galuba?
Das war ein Mensch, den ich gemocht habe.