"Wir versuchen es wieder und wieder"

Ganze Buskolonnen sind täglich mit Flüchtlingen aus dem Kosovo in Richtung Deutschland unterwegs. Armut, Perspektivlosigkeit und falsche Versprechungen treiben sie in die Arme skrupelloser Schleuser. Die deutsche Justiz schreckt die Menschen nicht zurück.
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Flüchtlinge warten in Pristina im Kosovo, um einen Platz in einem Bus nach Serbien zu bekommen. Über Serbien flüchten immer mehr Kosovaren nach Ungarn und in die Europäische Union
dpa 2 Flüchtlinge warten in Pristina im Kosovo, um einen Platz in einem Bus nach Serbien zu bekommen. Über Serbien flüchten immer mehr Kosovaren nach Ungarn und in die Europäische Union
Flüchtlinge warten in Pristina im Kosovo, um einen Platz in einem Bus nach Serbien zu bekommen. Über Serbien flüchten immer mehr Kosovaren nach Ungarn und in die Europäische Union
dpa 2 Flüchtlinge warten in Pristina im Kosovo, um einen Platz in einem Bus nach Serbien zu bekommen. Über Serbien flüchten immer mehr Kosovaren nach Ungarn und in die Europäische Union

Ganze Buskolonnen sind täglich mit Flüchtlingen aus dem Kosovo in Richtung Deutschland unterwegs. Armut, Perspektivlosigkeit und falsche Versprechungen treiben die Menschen in die Arme skrupelloser Schleuser. Die deutsche Justiz schreckt die Menschen nicht zurück.

Pristina/Passau - Der ganz große Trubel im Busbahnhof von Pristina ist vorbei. Statt zehn und mehr Bussen mit Flüchtlingen in Richtung Deutschland und Österreich machen sich jetzt allabendlich nur noch zwei auf den Weg. Es hat sich herumgesprochen, dass die Grenzen nach Serbien und später nach Ungarn in die gelobte EU stärker als früher bewacht werden. Stattdessen versuchen es die verarmten und verzweifelten Albaner in kleineren Gruppen und auch über andere Routen: Über Albanien, Montenegro, Italien oder Kroatien - immer in Richtung Westen, in der Hoffnung auf ein neues, besseres Leben.

"Wenn sie uns schnappen, werden wir es wieder und wieder versuchen", kündigen die meisten Flüchtlinge an. Sie sehen in ihrer Heimat keine Chancen mehr auf Besserung ihrer sozialen Misere. Die Renten machen im Schnitt 65 Euro im Monat aus. Mehr als 120 Euro bezieht keiner. Der Minimallohn beträgt 170 Euro, der Durchschnitt etwa 400 Euro. Offiziell sind 45 Prozent der Menschen arbeitslos. Inoffiziell liegt die Zahl wesentlich höher, weil viele erst gar nicht angemeldet sind.

Unter den Jugendlichen sind 60 Prozent ohne Job - eine Zeitbombe. Dabei sind zwei Drittel der knapp zwei Millionen Einwohner des Kosovos jünger als 35 Jahre. Ihnen bleibt oft nichts anderes übrig als eine kriminelle Karriere. Das Kosovo, am 17. Februar vor sieben Jahren von Serbien abgefallen und seitdem selbstständig, gilt als Europas Drehscheibe für Drogen- und Waffenhandel, für Schmuggel aller Art, für Menschenschleuser und Prostituiertenschinder.

"Ich habe zwei Söhne. Mein Einkommen beträgt 160 Euro im Monat und ist unverändert seit sechs Jahren. Mein Mann ist Schreiner und war lange Zeit arbeitslos." Das sind die Lebensumstände von Mirvet Gjoshi. Die 33-Jährige ist Putzfrau in einem Einkaufszentrum. Allein die Nebenkosten für ihre Wohnung machen 50 Euro aus. "Zwei meiner Kolleginnen haben es bereits mit ihren Ehemännern nach Stuttgart geschafft", berichtet die junge Frau: "Und wenn sich hier nichts ändert, gehen wir alle!".

Azem Miftari ist Fahrer für die Regierung. Sein Einkommen: Bescheidene 330 Euro. Mit vier Kindern. Der 31-Jährige hat 200 Euro Schulden für Strom und Wasser. Dabei kennt niemand in der Hauptstadt Pristina jemanden, der einmal 24 Stunden ununterbrochen Strom und Wasser bezogen hätte. Engpässe allerorten. Im Juni vergangenen Jahres gab es ein Unglück im hoffnungslos veralteten Heizkraftwerk im nahe gelegenen Obilic. Seitdem ist die ohnehin völlig unzureichende Stromproduktion nochmals um 15 Prozent eingebrochen. Wenn der Strom ausfällt, springen Zehntausende Dieselaggregate an: Pristina zählt ohnehin zu den Städten mit der schlechtesten Luft in Europa.

Auch Besim Hajdini ist arbeitslos. Der 43-Jährige hat drei Töchter. Zwei gehen noch zur Schule. Er verdient im Winter nicht mehr als ein Taschengeld mit dem Verkauf von Brennholz. 85 Euros kann er im Monat damit machen, doch nach Abzug seiner Fixkosten bleiben ihm nur 25 Euro übrig. Im Sommer lungert der Mann am Bahnhof herum in der Hoffnung, dass ihm jemand für einen halben Tag Hilfsarbeit verschafft.

Viele Kosovo-Albaner haben bisher ihr Heil in der Auswanderung gesucht. Die meisten leben legal in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Skandinavien. Ihre Überweisungen lindern die allergrößte Not ihrer zurückgebliebenen Großfamilien. Nach Schätzungen kommt bis zu ein Viertel aller Haushalte im Kosovo in den Genuss solcher Zuwendungen.

Die Industrie liegt am Boden. Teils sind dafür ungeklärte Eigentumsfragen nach dem Ende des Kommunismus verantwortlich. Teils wird mit Serbien gestritten, wem die früheren Staatsbetriebe heute gehören. Kriminelle Privatisierungen haben der ohnehin labilen Wirtschaft den Rest gegeben. Heute gibt es keinerlei Programm, um der Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. Stattdessen werden Autobahnen als nationale Prestigeobjekt gebaut - zum Beispiel ins benachbarte Albanien oder jetzt nach Mazedonien. Der wirtschaftliche Nutzen ist umstritten.

Auf der anderen Seite steht das Heizkraftwerk Obilic, das auch international als Dreckschleuder erster Güte verpönt ist. Obwohl die EU und die USA in der gemeinsamen Rechtsstaatsmission Eulex in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten im Kosovo das Sagen hatten, waren sie nicht in der Lage, die maroden Blöcke durch ein modernes Kraftwerk zu ersetzen.

Verschiedene Anläufe waren - wie auch die Privatisierungen anderer Großbetriebe - in einem Dickicht von Korruption und Nepotismus auf der Strecke geblieben. Denn die Korruption im Armenhaus Europas übertrifft selbst die schlimmsten Balkanstandards. "Wir gehen, weil wir nicht zuschauen wollen, wie sich die Politiker alles unter den Nagel reißen, sich bereichern und uns mit absolut Nichts zurücklassen", schimpft der Friseur Gazmend in Pristina.

Die Flucht von Pristina nach Deutschland ist lang, beschwerlich und teuer. Dicht gedrängt sitzen die Menschen in überfüllten Autos, die Kinder auf dem Schoß der Mütter, das Gepäck in den kleinsten Stauraum gepresst. Sicherheitsstandards sind den Menschen bei der Flucht nicht wichtig. Auch eine drohende Strafverfolgung durch die deutschen Behörden hält sie nicht ab.

Kurz hinter der österreichischen Grenze sitzen die Binnengrenzfahnder Martin Wiese und Jan Kleefeld in ihrem Dienstfahrzeug und beobachten den Verkehr auf der A3 bei Passau. Auf der sogenannten Balkanroute kommen die meisten Flüchtlinge aus dem Kosovo nach Deutschland. Die illegale Einreise ist in Deutschland eine Straftat, deshalb haben die beiden Beamten von der Bundespolizeiinspektion im niederbayerischen Freyung die Aufgabe, verdächtige Personen zu kontrollieren.

Die Autos rasen an den beiden Polizisten vorbei, die auf dem Grünstreifen einer Autobahnausfahrt warten. Dieser winzige Augenblick muss reichen, um zu entscheiden, ob sie hinter einem Auto herfahren und es kontrollieren. Plötzlich signalisiert Jan Kleefeld seinem Kollegen: "Der silberne Van." Martin Wiese bestätigt mit einem kurzen Nicken und schon drehen die Reifen des Dienstwagens durch - die Fahnder nehmen die Verfolgung auf. "Das Autos ist vollbesetzt mit Menschen aus dem Balkan, es passt ins Fahndungsraster", sagt Wiese. Nach einigen Sekunden haben sie das Fahrzeug eingeholt und setzen sich davor.

"Bitte Folgen" blinkt in LED-Leuchten auf und die Polizisten leiten den Wagen zur Kontrolle auf einen Parkplatz. "Ausweise und Fahrzeugpapiere, bitte", sagt Jan Kleefeld zu den Reisenden. Fünf Männer sitzen in dem Wagen und warten geduldig. Ein rascher Abgleich mit dem Fahndungssystem zeigt, dass es sich nicht um Flüchtlinge aus dem Kosovo handelt, die Männer dürfen weiterfahren.

"Es ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Es fahren täglich etwa 40 000 Autos auf diesem Abschnitt der A3", erläutert Jan Kleefeld. An diesem Morgen erwischen die beiden Polizisten keine Flüchtlinge oder Schleuser - in der Nacht zuvor waren ihnen gleich 40 Menschen aus dem Kosovo ins Netz gegangen. "Es ist eine Arbeit gegen Windmühlen, wir werden von der Flüchtlingswelle überrollt", betonen die Fahnder. Im Februar 2014 wurden 10 bis 15 Flüchtlinge aus dem Kosovo aufgegriffen - für Februar 2015 liegt die Prognose bei mehr als 440 Flüchtlingen.

Zwölf Stunden dauert die Schicht der Bundespolizisten. Auf der Straße sind sie aber nur selten. Der Hauptteil ihrer Arbeit besteht in der Nachbearbeitung in der Dienststelle: Durchsuchung und Vernehmung der Flüchtlinge sowie Fingerabdrücke nehmen. Acht Stunden dauert die Prozedur im Schnitt. In einem Nebenraum können sich die oftmals völlig erschöpften Flüchtlinge auf blauen Sportmatten ausruhen. Fällt in der Vernehmung das Wort Asyl, kommen die Flüchtlinge in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Deggendorf.

"Dieses eine Wort "Asyl" können alle Flüchtlinge aus dem Kosovo. Darauf sind sie von den Schleusern vorbereitet worden", betont der Sprecher der Bundespolizeiinspektion Freyung, Bernd Jäckel. Damit ist der Weg frei in die Sozialsysteme Deutschlands. Zwar entscheidet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg die Asylanträge der Kosovaren innerhalb von zwei Wochen und die Anerkennungsquote liegt bei lediglich 0,3 Prozent. Aber das gesamte Verfahren vom Aufgreifen bis zur Abschiebung dauert oft mehrere Monate. In dieser Zeit gibt es Unterkunft, Verpflegung und Sozialhilfe vom deutschen Staat.

"Dieses Geld überweisen die Flüchtlinge fast umgehend an ihre Familien im Kosovo. Das ist mehr als sie sonst verdienen würden, wenn sie überhaupt einen Job haben", erläutert Jäckel. Manche Flüchtlinge kommen seit Jahren wieder. "Wir hatten vor einigen Tagen einen Kosovaren, der bereits zum achten Mal aufgegriffen wurde und einen Asylantrag gestellt hat", sagt der Bundespolizeibeamte.

Erschreckend ist vor allem die kriminelle Energie und der Einfallsreichtum der Schleuser. Oftmals müssen die Flüchtlinge ihr gesamtes Hab und Gut verkaufen, um einen Transit nach Deutschland zu bezahlen. Die Schleuser schicken häufig Köderfahrzeuge vorweg, in der Hoffnung, dass die Polizei diese kontrolliert. Dann ist der Weg frei für die eigentliche "Fuhre". Die Kontrollpunkte der Polizei sind den Kriminellen wohlbekannt, wissen die Fahnder. "Das Schleusergeschäft ist lukrativer als der Drogenhandel", betont Fahnder Martin Wiese.

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