Wie KI-Rechenzentren zum Streitthema der US-Midterms wurden

Tech-Firmen wollen in den USA hunderte Rechenzentren bauen, Präsident Donald Trump feiert das als Weg in die KI-Zukunft, die Mehrheit der Amerikaner ist dagegen. Zu den Midterms kocht der Streit hoch.
von  Andrej Sokolow, dpa
Selbst in der Nachbarschaft des Silicon Valley gibt es im Städtchen Gilroy Widerstand gegen ein Rechenzentrum von Amazon.
Selbst in der Nachbarschaft des Silicon Valley gibt es im Städtchen Gilroy Widerstand gegen ein Rechenzentrum von Amazon. © Andrej Sokolow/dpa

Es begann mit KI-Euphorie. Gigantische Rechenzentren für Künstliche Intelligenz würden nicht nur den Status der USA als Supermacht zementieren, sondern auch die Regionen, in denen sie gebaut werden, sagenhaft reich machen, schwärmte Präsident Donald Trump immer wieder. Politiker seiner Republikanischen Partei, darunter auch Kandidaten bei den am 3. November anstehenden Parlamentswahlen, stimmten mit ein. Doch der Enthusiasmus zerschellte schnell an der Skepsis der Wähler.

Denn die meisten Menschen in Amerika wollen nicht neben Rechenzentren wohnen. Sie denken dabei an den dauerhaften Lärm der Klimaanlagen-Systeme oder machen sich Sorgen, dass Wasser und Strom durch den massiven Verbrauch teurer werden. Umfragen zeigen, dass die Wahrnehmung von Rechenzentren in den vergangenen Monaten negativer geworden ist.

So ging in einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center im August jeder Zweite davon aus, dass die Anlagen die Stromkosten der Haushalte erhöhen. Im Januar waren es noch 38 Prozent gewesen. Ähnlich sieht es bei den Umweltsorgen aus. Und eine verschlechterte Lebensqualität in Nähe von Rechenzentren befürchteten zuletzt 49 Prozent nach erst 30 Prozent zu Jahresbeginn. Selbst im Hinterhof des KI-Mittelpunkts Silicon Valley gibt es im Städtchen Gilroy Widerstand der Einwohner gegen ein eher kompaktes Rechenzentrum von Amazon.

Republikaner schwenken um

Die Demokraten, zunächst in der Defensive nach der schmerzhaften Niederlage von Kamala Harris gegen Trump bei der Präsidentenwahl 2024, fanden sich plötzlich mit einem zusätzlichen Trumpf in der Hand wieder. Mit der Opposition gegen Rechenzentren lassen sich Punkte bei Wählern sammeln. 

Das merkten auch Republikaner – und vielen schwenkten um. Beispiel Texas: Gouverneur Greg Abbott etwa versprach vor einem Jahr noch, den Bundesstaat zu einem "Epizentrum der KI-Entwicklung" zu machen, als er eine 40 Milliarden Dollar schwere Investition von Google feierte. Vor einigen Wochen hieß es von Abbott, er habe wegen Sorgen um den Energie- und Wasserverbrauch Genehmigungsverfahren für rund 1.800 Rechenzentren ausgesetzt. 

Abbott will sich im November, wenn rund ein Drittel der Sitze im Senat sowie das gesamte Repräsentantenhaus neu gewählt werden, eine vierte Amtszeit in Texas sichern. Seine demokratische Gegenkandidatin Gina Hinojosa lässt kaum eine Gelegenheit aus, Abbott vorzuhalten, er habe mit einer offenen Tür für Rechenzentren die Interessen der reichen Tech-Industrie denen seiner Mitbürger vorgezogen. Laut jüngsten Umfragen kam Hinojosa inzwischen bis auf drei Prozentpunkte an Abbott heran. Texas ist auch der Bundesstaat, in dem Tech-Milliardär Elon Musk seine Weltraumfirma SpaceX und auch Tesla ansiedelte.

Auch bei wichtigen Senats-Rennen fordern Kandidaten der Republikaner inzwischen Leitplanken für Rechenzentren. So sprach sich in Michigan Mike Rogers dafür aus, ihren Bau zu pausieren. In Ohio sagt der zur Wiederwahl stehende Senator Jon Husted, Betreiber müssten mehr für Energie bezahlen, nachdem ihn sein demokratischer Widersacher Sherrod Brown zum "Gesicht der Rechenzentren" erklärte. In einer internen E-Mail der Republikanischen Partei hieß es dem "Wall Street Journal" zufolge, die Rechenzentren seien "wie ein Anker an Husted's Hals". Die ganze Branche werde als toxisch wahrgenommen, woran einzelne Kandidaten nichts ändern könnten.

Trump weiter für KI-Rechenzentren

Ein Problem für Kandidaten der Republikaner sind allerdings die Botschaften aus Washington. Präsident Trump, mit dem ein Bruch meistens desaströse Folgen für Kandidaten der Republikaner hat, verkündet weiterhin, Rechenzentren seien die Zukunft und großartig für die USA. Vor wenigen Wochen noch behauptete er, alle Städte, die sie nicht haben wollten, würden "rückständig und arm" sein. 

Zuletzt schlug Trump allerdings auch vor, Betreiber müssten den Regionen eine "Dividende" abgeben, um die Anlagen populärer zu machen. Es ist eine Taktik, auf die die Branche bereits mancherorts zurückgreift. So wurden den rund 4.500 Haushalten von Hazle Township in Pennsylvania Schecks über jeweils 10.000 Dollar versprochen, wenn der Ort dem Bau eines Rechenzentrums zustimmt. 

Aus dem Weißen Haus kommt mehr Unterstützung als nur Worte. Im September gab es von der Trump-Regierung den Vorstoß, die Umweltregeln für den Bau von Rechenzentren zu lockern – und auch für Kraftwerke, die sie mit Strom aus fossilen Energieträgern versorgen. Aktuell lässt etwa Musk Gasturbinen für KI-Rechenzentren von SpaceX im Süden von Memphis in Tennessee laufen. Trump sagt inzwischen, Rechenzentren sollen ihren eigenen Strom produzieren.

Hoher Bedarf an Rechenleistung

Zugleich ist es so, dass die Nachfrage nach Computerkapazität in den USA durch den KI-Boom stetig wächst. Hunderte Milliarden Dollar flossen bereits in den Bau von Rechenzentren – und wenn es Verzögerungen geben sollte, wird es für Tech-Firmen schwieriger, die Investitionen zurückzuverdienen. Sie versuchen, die Öffentlichkeit zu besänftigen. So kündigte der Facebook-Konzern Meta jüngst einen eine Milliarde Dollar schweren Fonds für Regionen mit seinen Rechenzentren an.

Wie stark die Kontroverse um Rechenzentren am Ende den Wahlausgang beeinflussen wird, ist offen. In einer Umfrage der "New York Times" und des Marktforschers Siena sagten etwa im Bundesstaat Ohio nur drei Prozent, dass KI und Rechenzentren für sie das wichtigste Thema für die Entscheidung seien. Lebenshaltungskosten und Außenpolitik lagen weit voraus.

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