Wie afghanische Mädchen im Geheimen weiterlernen

Seit fünf Jahren verbieten die Taliban Mädchen in Afghanistan höhere Schulbildung und den Zugang zu Universitäten. Aber einige Orte gibt es noch, an denen Frauenbildung möglich ist. Wie läuft das ab?
Mathis Richtmann, dpa |
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"Im KI-Zeitalter müssen wir einfach alle Englisch können", sagt eine Englischlehrerin in Afghanistan.
"Im KI-Zeitalter müssen wir einfach alle Englisch können", sagt eine Englischlehrerin in Afghanistan. © Jawad Kohnaward/dpa
Islamabad

Wie eine ganz normale afghanische Schule sieht es aus. Nach Unterrichtsschluss rennen Kinder und etwas ältere Mädchen, die weiße Kopftücher tragen, über den Hof. Inmitten des Gewusels steht die Schulleiterin und sagt, sie habe Angst, dass die Taliban herausfänden, was sie da täten. "Dann schließen sie unsere Schule vielleicht."

Seit mehr als fünf Jahren herrschen die islamistischen Taliban wieder in Afghanistan. Noch bei ihrer Machtübernahme im August 2021 hatten führende Mitglieder der Taliban davon gesprochen, dass Frauen den Zugang zu Bildung behielten. Nach den Schließungen infolge der Corona-Pandemie sollten am 18. September dann die Schulen wieder öffnen. Aber die Wiederöffnung für Mädchen ab der siebten Klasse wurde erst verschoben – und dann gänzlich ausgesetzt.

Seither seien 2,6 Millionen Mädchen vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen worden, schrieb das UN-Kinderhilfswerk Unicef vor einem Monat. Afghanistan sei das einzige Land, in dem Frauen und Mädchen explizit von höherer Bildung ausgeschlossen seien.

Lehrerin in Afghanistan: Englisch müssen wir können

Doch in der Schule, die auf den ersten Blick so normal aussieht, geht es für Mädchen auch nach der sechsten Klasse noch etwas weiter. Aus Sicherheitsgründen kann der Ort der Schule nicht genannt werden. Schülerinnen, Lehrerinnen und die Leitung sprechen nur anonym mit der Deutschen Presse-Agentur.

Vor allem mit dem Englischunterricht, den die Schule ebenfalls anbietet, könnte es unter der Taliban-Herrschaft schnell Probleme geben. Für die Lehrerin des Kurses ist aber gerade dieser Unterricht so wichtig: Geräte, die sie jeden Tag verwende, seien auf Englisch eingestellt. Und "im KI-Zeitalter müssen wir einfach alle Englisch können", betont sie.

Zudem werden Weiterbildungen in Kosmetik und Schneiderei angeboten. Kosmetiksalons sind als Gewerbe für Frauen mittlerweile eigentlich auch verboten. Aber, sagt eine Schülerin, sie wolle ihre Zeit nicht vergeuden. Wenigstens etwas lernen wolle sie. Solche Ausbildungen sind in Afghanistan nicht unbedingt gänzlich verboten – die Umsetzung der Regelungen folgt jedoch häufig der Auslegung örtlicher Taliban.

Taliban: Manche Unterrichtsformen erlaubt

Angesprochen auf ihr Bildungsverbot für Frauen verweisen Regierungsmitglieder der Taliban immer wieder auf angebliche islamische Werte. In einem Interview mit dem US-Sender CBS News sagte der Außenamtssprecher Abdul Kahar Balchi am Dienstag, dass die höhere Schulbildung für Frauen und Mädchen derzeit ausgesetzt sei, beschneide nicht deren Recht auf eine grundsätzliche Schulbildung. Unterricht zu Hause, Online-Unterricht und religiöse Schulen seien erlaubt, sagte er weiter.

Dieser Graubereich schafft auch ein bisschen Spielraum für die Kölner Organisation "Anar Academy", die online für Mädchen in Afghanistan die Schulfächer der siebten bis zwölften Klasse anbietet. Mehr als 1.400 Schülerinnen seien in diesem Jahr landesweit in das Programm aufgenommen worden, sagt die Leiterin der Anar Academy, Benazir Poya. Viele könnten es jedoch nicht beenden, oft wegen Internetproblemen oder weil die schwierige wirtschaftliche Lage im Land den Familien zu schaffen mache.

Afghanistan durchläuft derzeit eine schwere humanitäre Krise. Gleichzeitig gehen internationale Mittel an das Land immer stärker zurück. Ende August seien lediglich knapp 30 Prozent der für das laufende Jahr geplanten Gelder gekommen, schreiben die Vereinten Nationen. Dabei greift Hunger um sich und die ärztliche Versorgung verschlechtert sich zusehends.

Es ist ein Dienstagvormittag, langsam trudeln Schülerinnen in den digitalen Klassenraum ein, um an dem Online-Unterricht der Organisation Anar Academy teilzunehmen. Einige kommen etwas später dazu, eine Schülerin fragt im Chat: "Ist die Lehrerin schon da?"

Knapp 30 Schülerinnen versammeln sich und die Lehrerin kommt tatsächlich etwas später. Sie habe sich erst einmal Internetzugang verschaffen müssen, den Unterricht habe sie von einem Hügel aus geführt, erklärt sie später.

Dann geht der Englischunterricht los. Die Schülerinnen der zwölften Klasse diskutieren miteinander über Präsentationen zu unterschiedlichen Themen. Ein Mädchen spricht in einem Vortrag über Gefahren für die weltweite Arbeitsplatzentwicklung durch Künstliche Intelligenz, in einer anderen Präsentation erklärt eine Schülerin historische Ansätze, um anhand von Sternenkonstellationen die muslimische Gebetsrichtung zu lesen.

Die Unterrichtsstunden fänden unter Sicherheitsvorkehrungen statt – insbesondere für die Lehrerinnen, erklärt die Leiterin der Kölner Organisation. Einer ihrer Lehrer sei vor zwei Jahren von Sicherheitsbehörden festgenommen und geschlagen worden. Eine geheime Schule, die sie im Norden des Landes betrieben hatten, hätten sie geschlossen – zu groß sei die Angst vor Repressionen.

Schülerin: "Ich weigere mich, ungebildet zu bleiben"

Im Online-Klassenraum geht es nach Englisch für die Zwölftklässlerinnen der Anar Academy gleich mit Mathematik weiter. Vorher wollen einige aber noch etwas loswerden: Der Online-Unterricht könne nie die Lücke zum Präsenzunterricht schließen. Aber sie würden nicht aufgeben, sagt eine. Eine andere sagt, sie wolle, dass ihre Kinder sie nicht als analphabetische Mutter sehen, die nichts getan habe, als zu gebären. "Ich weigere mich, ungebildet zu bleiben", sagt sie.

Die Leiterin der Präsenzschule im Land sieht aber auch Defizite beim Online-Unterricht. Während Corona habe man gemerkt, wie anstrengend das sei. "Die Mädchen sind keine Gefangenen, die ihr ganzes Leben zu Hause bleiben sollten. Für die ist es gut, zusammenzukommen, einen Freundeskreis zu haben und die Gelegenheit, mit anderen in Austausch zu kommen."

Hinweis: Diese Meldung ist Teil eines automatisierten Angebots der nach strengen journalistischen Regeln arbeitenden Deutschen Presse-Agentur (dpa). Sie wird von der AZ-Onlineredaktion nicht bearbeitet oder geprüft. Fragen und Hinweise bitte an feedback@az-muenchen.de

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