Was steckt hinter der neuen Eskalation am Persischen Golf?

In der Nacht kommt es erstmals seit Wochen wieder zu Angriffen zwischen den USA und dem Iran. Geht es um die Hoheit in der Straße von Hormus?
von  Mathis Richtmann, dpa
Der Iran sieht in dem US-Angriff einen Akt der Aggression. (Archivbild)
Der Iran sieht in dem US-Angriff einen Akt der Aggression. (Archivbild) © Wen Xinnian/Xinhua/dpa

Im festgefahrenen Krieg zwischen den USA und dem Iran ist es in der Nacht erstmals seit Ende Juli wieder zu gegenseitigen Angriffen gekommen. Das für die Region zuständige US-Militärkommando Centcom informierte auf der Plattform X über "begrenzte, gezielte Maßnahmen" gegen Minenlege-Einheiten der iranischen Revolutionsgarden, die eine unmittelbare Bedrohung in der Straße von Hormus dargestellt hätten. Der Iran reagierte umgehend mit Vergeltungsangriffen auf zwei Stützpunkte des US-Militärs in Jordanien. Die Raketen wurden laut jordanischen Angaben jedoch abgefangen. 

Die USA nahmen zwei Raketenabschussrampen auf der Insel Larak ins Visier, wie das Nachrichtenportal "Axios" sowie die Sender Fox News und CBS News unter Berufung auf einen US-Beamten berichteten. Mitglieder der Revolutionsgarden seien dabei beobachtet worden, wie sie Raketen mit Seeminen in die Straße von Hormus abfeuern wollten, wurde ein Centcom-Sprecher zitiert. Die Angaben wurden in einem Bericht der iranischen Nachrichtenagentur Tasnim zurückgewiesen: Die USA hätten nicht Minenleger angegriffen. Vielmehr seien sie bei dem Versuch gescheitert, eine iranische Militärmaßnahme gegen nonkonforme Schiffe aufzuhalten, hieß es unter Berufung auf Militärquellen. Die Insel Larak liegt im Knick der Straße von Hormus, um deren Kontrolle die USA und der Iran seit Monaten erbittert ringen. 

Jordanien: Iranische Raketen abgefangen

Irans Außenministerium verurteilte die Attacken der USA. Bei den Luftangriffen auf Larak seien mehrere Angehörige der eigenen Streitkräfte getötet worden, hieß es in einer Stellungnahme des Ministeriums auf Telegram.

Die mächtigen Revolutionsgarden teilten in einer von mehreren iranischen Nachrichtenagenturen verbreiteten Erklärung mit, die kombinierte Drohnen- und Raketenattacke auf zwei US-Stützpunkte in Jordanien sei Vergeltung für den US-Angriff. Die Armee der Islamischen Republik sprach zudem davon, eine Militärbasis in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) angegriffen zu haben. Die VAE dementierten den Angriff auf den Stützpunkt, eine Drohne aus Richtung des Irans sei über den eigenen Hoheitsgewässern abgefangen worden.

Auch aus Jordanien kamen Gegenstimmen. Die staatliche Nachrichtenagentur Petra berichtete unter Berufung auf das Militär, das Königreich habe acht in den Luftraum eingedrungene Raketen abgefangen und zerstört. 

Am Sonntagabend hatte die britische Behörde zur Sicherheit der Schifffahrt (UKMTO) mitgeteilt, in der Straße von Hormus sei erneut ein Tanker angegriffen worden. Das Schiff sei vor der Küste des Omans von einem unbekannten Geschoss getroffen worden. Wer für den Angriff verantwortlich war, blieb zunächst unklar.

Warum kommt es wieder zu Angriffen?

Der Iran blockiert mit seinen Drohungen und Angriffen auf Schiffe den Verkehr durch die Meerenge immer noch immens. Doch es mehren sich US-Medienberichte, wonach das US-Militär immer wieder erfolgreich Schiffe entlang der Küste Omans durch die Straße von Hormus eskortiert. 

Die Analystin Michelle Wiese Bockmann vom Datenunternehmen Windward nennt die Operation einen "Shuttle Service": Öltanker führen begleitet durch Marineschiffe zu Tankterminals in den Persischen Golf ein und entlüden nach ihrer Ausfahrt bei Schiff-zu-Schiff-Transfers auf andere Tanker, die vor der Küste Omans warteten, erklärt sie der Deutschen Presse-Agentur. "Das alles passiert 'dunkel', wie wir das nennen. Die Schiffe haben ihre Transponder ausgeschaltet. Daher ist es sehr schwer genau die Durchfahrten zu messen."

Aus Angaben des Schifffahrtsdatenanbieter Lloyd's List Intelligence gehen etwa 15 Transite durch die Meerenge in der vergangenen Woche hervor, während es nach Daten von UKMTO von Freitag etwa 29 Durchfahrten sind. Laut UKMTO, die mit Schifffahrtsunternehmen in der Region in ständigem Kontakt steht, da sie auch über Angriffe und Notfälle berichtet, liegen die Durchfahrten damit auf etwa 22 Prozent des Niveaus vor dem Krieg.

In letzten Daten für den Monat Juli sieht Wiese Bockmann von Windward täglich den Transport von etwa fünf Millionen Barrel Öl durch die Straße von Hormus. Die Analysen für den Monat August seien bisher nicht abgeschlossen - die Volumen seien jedoch auf dem "selben oder höheren" Niveaus. Vor dem Konflikt flossen täglich etwa 20 Millionen Barrel Öl durch die Meerenge. Das Unternehmen Windward unterhält unternehmerische Beziehungen zur US-Regierung und dem dortigen Verteidigungsministerium.

Für den Iran-Experten Hamidreza Azizi könnte eine Zunahme der Ölexporte aus dem Persischen Golf unter dem Schutz der USA einen Grund für die Islamische Republik darstellen, einzugreifen. "Washington scheint zu glauben, durch die Schaffung und den Schutz eines begrenzten Schifffahrtskorridors die Initiative zurückgewonnen zu haben. Teheran versucht zu verhindern, dass sich diese Regelung festigt", schrieb er auf X.

Wochenlang keine Angriffe - und keine Fortschritte

Zuletzt war es in US-Krieg gegen den Iran ruhig geworden. Sowohl militärisch, aber auch auf diplomatischer Ebene wurden keine Fortschritte bekannt. Zuletzt rief US-Präsident Donald Trump dann einen "Wirtschaftskrieg" gegen den Iran aus und ließ sein Finanzministerium vereinzelte Sanktionen gegen bestimmte Personen und Unternehmen verkünden, wie sie bereits seit Wochen immer wieder veröffentlicht werden. Konkrete, tiefgreifende Maßnahmen, die die Einnahmequellen des Machtapparats in Teherans tatsächlich nachhaltig versiegen lassen würden, fehlen allerdings nach wie vor.

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