Ute Schürings über Geert Wilders: Holland war schon mal bunter

Der Rechtspopulist Geert Wilders darf alles fordern – von der Kopftuchsteuer bis zum Verbot des Islam. Warum folgen ihm nur so viele Niederländer? Autorin Ute Schürings im AZ-Interview.
| Interview: Volker Isfort
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So blüht’s im niederländischen Lisse, wo vor allem Tulpen für Farbe sorgen. Man fühlt sich irgendwie an die Kunst der De Stijl-Leute Piet Mondriaan oder Gerrit Rietveld erinnert. Die waren so modern wie bei uns die Bauhäusler. Was ist davon nur geblieben?
dpa/AZ/ho So blüht’s im niederländischen Lisse, wo vor allem Tulpen für Farbe sorgen. Man fühlt sich irgendwie an die Kunst der De Stijl-Leute Piet Mondriaan oder Gerrit Rietveld erinnert. Die waren so modern wie bei uns die Bauhäusler. Was ist davon nur geblieben?

Der Rechtspopulist Geert Wilders darf alles fordern – von der Kopftuchsteuer bis zum Verbot des Islam. Warum folgen ihm nur so viele Niederländer? Autorin Ute Schürings im AZ-Interview.

Lange Zeit waren die Niederlande das gelobte Land für viele Westdeutsche, denen ihre Heimat zu spießig erschien. Das kleine Nachbarland galt als Hort weltoffener Toleranz und Liberalität, Amsterdam als Flower-Power-Hauptstadt. Nun könnte die rechtspopulistische Ein-Mann-Partei von Geert Wilders stärkste Kraft bei den Parlamentswahlen am 12. März werden – wie ist das möglich? Die Kulturwissenschaftlerin Ute Schürings beschäftigt sich in ihrem neuen Buch auch mit dem zunehmenden Rechtspopulismus in den Niederlanden.

AZ: Frau Schürings, Geert Wilders wirkt fast wie die Karikatur des Bösen, wenn er absurde Vorschläge wie eine Kopftuchsteuer macht oder den Islam verbieten will. Wie kann er so viele Niederländer überzeugen?
UTE SCHÜRING: Im politischen Diskurs in den Niederlanden wird viel mehr zugelassen als bei uns. Die Freiheit der Meinungsäußerung ist in den Niederlanden sehr wichtig. Jeder hat das Gefühl, sagen zu dürfen, was er will. Wilders sagt ständig Dinge, für die man in Deutschland sofort zurücktreten müsste. Er positioniert sich in Abgrenzung zur politischen Elite. Er behauptet, dass diese politische Elite die Interessen der Bürger nicht mehr vertrete, er aber genau dies tue. Er ist ein Solitär in der niederländischen Politik und auch in seiner eigenen Partei – er ist nämlich das einzige Mitglied der Partei für die Freiheit.

Außer ihm bestimmt niemand den Kurs der Partei?
Nein, Wilders kann ganz allein den Ton vorgeben. Das Parteiprogramm ist aber auch nur eine Seite lang. Wilders positioniert sich ganz klar gegen Brüssel, er betont alles Niederländische und behauptet, der Islam sei nicht mit der niederländischen Kultur vereinbar. Auf der anderen Seite aber will er auch die Sozialleistungen, beispielsweise das Arbeitslosengeld, erhöhen.

Und das genügt, die Wahl zu gewinnen?
Das ist noch nicht ganz klar, es gibt verschiedene Umfragen. Im Augenblick führen Wilders und Mark Rutte, der Kandidat der rechtsliberalen VVD. Wahrscheinlich läuft es dann am Ende auf eine Fünf-Parteien-Koalition hinaus.

Es haben ja ohnehin alle Parteien gesagt, dass sie mit Wilders keine Koalition eingehen werden, sein Einfluss wird also begrenzt bleiben.
Auch das wird kritisch diskutiert: viele sagen, dass sich die Partei der Freiheit bei einer Regierungsbeteiligung viel schneller selbst zerlegt. In der Opposition kann die Partei sich auf Kritik beschränken, kommt aber nie selbst in die Verantwortung.

Wilders behauptet, bedroht zu werden und tritt im Wahlkampf nicht mehr auf.
Er hat Personenschutz, seit der Filmemacher Theo von Gogh 2004 ermordet wurde. Aber seine jüngste Ankündigung wurde auch als Taktik betrachtet. Jetzt tritt er zwar nicht öffentlich auf, nicht einmal im Fernsehen, twittert aber intensiv.

Wie ist sein Aufstieg zu erklären?
Das ist nicht einfach, aber es gibt eine gewisse Konsensmüdigkeit. Denn der Kampf um Kompromisse und eine pragmatische Herangehensweise haben jahrzehntelang die niederländische Politik geprägt. Vor 2002 gab es acht Jahre lang eine Koalition zweier Parteien, die vom Programm her sehr weit auseinander lagen, Sozialdemokraten und Rechtsliberale. Die mussten sich dann ständig in der Mitte finden, wobei ihr Programm stark verwässerte. Dadurch ist Platz an den Rändern entstanden, rechts wie links.

Seit wann ist das niederländische Parteiensystem derart aufgesplittet?
Seit 25 Jahren ist keine Partei mehr über 30 Prozent gekommen. Das liegt auch daran, dass es keine Fünf-Prozent-Hürde gibt. Man muss genug Stimmen bekommen, um einen Parlamentssitz zu erhalten, dafür benötigt man 0,67 Prozent der Wählerstimmen.

Wie europamüde sind eigentlich die Niederländer?
Die jüngsten Umfragen zeigen, dass immerhin 72 Prozent der Niederländer sagen, Europa sei eine gute Sache, allein schon wegen der Vorteile durch den europäischen Binnenmarkt. Der Begriff Europa ist für Niederländer keineswegs so negativ besetzt, wie Herr Wilders behauptet.

Er behauptet aber auch, die Integration der Einwanderer sei gescheitert.
Es wird in der Diskussion aktuell absolut vernachlässigt, dass in der Integrationspolitik in den Niederlanden viele Dinge sehr gut funktionieren. Ein Beispiel: In Rotterdam, der zweitgrößten niederländischen Stadt, ist der in Marokko geborene Ahmed Aboutaleb seit 2008 Bürgermeister – er ist ein über die Parteigrenzen und gesellschaftlichen Milieus hinweg überall anerkannter Mann. Allerdings sind die Niederlande 2008 in eine schwere Wirtschaftskrise geraten, viele Menschen konnten ihre Immobilien-Hypotheken nicht mehr zahlen, weil sie ihren Job verloren hatten. Die Krise traf auch die Mittelschicht – da ist ein Wählerpotential für Wilders entstanden. Aber in letzter Zeit hat die Wirtschaft deutlich angezogen und ich glaube schon, dass dem Populismus immer stärker der Boden entzogen wird.

Sie arbeiten als Trainerin für interkulturelle Kommunikation und bereiten deutsche Führungskräfte auf Verhandlungen mit niederländischen Firmen vor. Was ist denn ein deutscher Kardinalfehler bei Verhandlungen mit niederländischen Partnern?
Die Arbeitsweise ist ganz anders, die Art der Beschlussfassung ist weitaus konsensorientierter und flexibler als bei uns. Es gibt in den Niederlanden viel mehr Mitspracherechte, man geht auch anders mit Hierarchien um. Jeder Vorstandsvorsitzende bemüht sich, so aufzutreten, wie die anderen auch. Sich zu wichtig zu nehmen, kommt nicht gut an. Wenn man als Deutscher in Verhandlungen sofort die Tagesordnung auf den Tisch bringt, dann macht das keinen guten Eindruck. Viel wichtiger wäre es, erst ein bisschen zu plaudern, die Atmosphäre zu lockern und eine persönliche Ebene aufzubauen.


Ute Schürings: "Benelux – Porträt einer Region" (Ch. Links Verlag, 216 Seiten, 18 Euro)

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