Tunesien: Das Präsidenten-Gold

Bevor die tunesische First Lady Leila Trabelsi flieht, macht sie einen Besuch bei der Zentralbank: Sie zwingt den Chef, ihr Barren für 45 Millionen Euro mitzugeben – das Land ist empört.
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Umstritten: Die tunesische First Lady Leila Trabelsi
dpa Umstritten: Die tunesische First Lady Leila Trabelsi

Bevor die tunesische First Lady Leila Trabelsi flieht, macht sie einen Besuch bei der Zentralbank: Sie zwingt den Chef, ihr Barren für 45 Millionen Euro mitzugeben – das Land ist empört.

TUNIS Es sind Szenen, die man auch für einen Politthriller hätte erfinden können: Bevor die bisherige tunesische First Lady Leila Trabelsi aus ihrer Heimat flieht, macht sie noch einen Umweg zur Zentralbank in Tunis. Dort rauscht sie persönlich zum Bankchef und sagt, sie wolle ihr Gold mitnehmen: unglaubliche 1,5 Tonnen in Barren.

Der Bankmanager weigert sich angesichts der Umsturzszenen im ganzen Land, das Gold herauszugeben. Erst als Leila Trabelsi am Telefon ihren Mann, den Präsidenten Ben Ali, einschaltet, kommt es zur Wende: Mit dem Gold schafft sie es zum Flughafen und bringt es außer Landes. Tunesien ist 45 Millionen Euro ärmer. Wie das Gold zum Flieger kam, ist unklar. Sicher ist: Der 74-jährige Zine El Abidine Ben Ali und seine mehr als 20 Jahre jüngere Frau sitzen nun irgendwo bei Dschidda am Roten Meer und müssen sich zumindest keine materiellen Sorgen machen.

In Tunesien wundert sich niemand über diese aus den Geheimdiensten durchgesickerte Geschichte: Eben weil der Präsidenten-Klan das ganze Land in seinem korrupten Griff hatte, wurde in nur wenigen Wochen aus einer kleinen Revolte ein flächendeckender Aufstand. Wie schamlos dabei vor allem die Frau des Präsidenten sich und die ihren bereicherte, wird jetzt immer deutlicher. Gegen die Familie der gelernten Friseurin ging im Lande nichts. Sie und ihre Familie betrieben Firmen aller Art und bereicherten sich dadurch, dass sie stets die Hand aufhielten.

Bei der Verbreitung dieser Geschichten und der sich rasant ausbreitenden Empörung im Land spielt auch das Internet eine große Rolle. Viele Tunesier informierten sich über ein investigatives Portal, das Wikileaks nicht nur im Namen ähnelt: Auf Tunileaks finden sich ganze Dossiers – zum Beispiel jenes, wie die Witwe des PLO-Chefs Jassir Arafat, Suha, den Ben-Ali-Klan einschätzte: „Leila Ben Ali und ihre Familie stehlen alles in ihrem Land, was irgendeinen Wert hat“, habe Suha Arafat intern gesagt. Leila hoffe offenbar darauf, Nachfolgerin ihres Mannes zu werden, den sie ansonsten stark unter ihrer Fuchtel habe.

In Tunis zogen auch am Montag trotz Demonstrationsverbots wieder Tausende durch die Straßen und verlangten von der Regierungspartei, die Macht abzugeben. Es kam zu Auseinandersetzungen, die Polizei ging mit Schlagstöcken und Wasserwerfern gegen die Protestierenden vor.

Auch in Nachbarländern hinterlässt der tunesische Aufbruch Spuren: In Jordanien, im Jemen und im Sudan kam es zu Protesten. Aufsehen erregten auch Selbstverbrennungen in Ägypten und Algerien. Mit einer solchen hatte auch der tunesische Aufstand angefangen. In Tunesien bekamen unterdessen bewaffnete Touristen Probleme, die als Jäger im Land waren. Die Polizei nahm mehrere Schweden fest, ob auch Deutsche betroffen waren, ist noch unklar.

mue

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