Timoschenkos Triumphzug

Aus der Haft auf den Maidan: Die frühere Regierungschefin setzt sich sofort an die Spitze der Opposition. Sie ist nicht unumstritten – aber sie hat die besten Chancen
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Aus der Haft auf den Maidan: Die frühere Regierungschefin setzt sich sofort an die Spitze der Opposition. Sie ist nicht unumstritten – aber sie hat die besten Chancen

Kiew -  Sie ist nicht mehr die strahlende Ährenkranz-Schönheit wie auf den alten Plakaten. Nach zweieinhalb Jahren Haft sieht Julia Timoschenko angegriffen aus, sie sitzt wegen ihres Rückenleidens im Rollstuhl, der dunkle Haaransatz unter dem typischen blonden Zopf ist fünf Zentimeter ungefärbt rausgewachsen. Aber ihr politischer Instinkt ist ungebrochen. Im Handumdrehen setzt sie sich an die Spitze der Oppositionsbewegung, sie beherrscht die Menge auf dem Maidan – jedenfalls besser als alle anderen. Für Timoschenko sind die Revolution und der Sturz ihres Widersachers Janukowitsch ein unglaublicher Triumph. Jetzt will sie das Land in neue Zeiten führen. Und sich selbst zurück an die Macht.

Gerade viereinhalb Stunden braucht sie vom Gefängniskrankenhaus in Charkow im Osten der Ukraine auf den zentralen Schlachtplatz in der Hauptstadt, den Maidan. Es wird ein furioses Comeback. Noch auf dem Weg dahin verkündet sie, dass sie bei den Präsidentschaftswahlen antreten wird. „Julia, Julia“, schallen dann die Rufe von 100 000 Zuhörern über den Platz, als sie im Rollstuhl auf die Bühne geschoben wird. Wie ein Racheengel wirkt sie, ganz in Schwarz. „Ehre der Ukraine!“, ruft sie den Standard-Gruß der Revolutionäre. „Ehre den Helden!“, antwortet die Menge.

Sie weint, sie schreit, sie reißt die Arme empor. „Ich habe daran gedacht, wie unsere Kinder auf der Straße standen und bereit waren, ihr Leben zu geben. Als Scharfschützen ihre Kugeln in die Herzen unserer Jungen feuerten, trafen sie auch unsere Herzen. Und dort werden diese Wunden immer bleiben“, sagt sie unter Tränen. Viele auf dem Platz sind gerührt. Dann wird sie kämpferisch: „Wir müssen Janukowitsch und den Abschaum um ihn herum auf den Maidan bringen!“

Kompromisse mit dem bisherigen Herrscher seien „völlig inakzeptabel“, macht sie sehr deutlich – und punktet damit auch gegen die anderen Oppositionsführer wie Vitali Klitschko oder ihren eigenen Statthalter Arseni Jazenjuk, die am Freitag jenes Abkommen mit Janukowitsch unterzeichnet hatten, das die Entwicklungen möglich machte. Dass sie Janukowitsch die Hand gegeben haben, wurde auf dem Maidan mit Buhrufen und Pfiffen quittiert. Timoschenko: „Ich bin die Garantin, dass euch niemand mehr verrät und in Hinterzimmern Absprachen trifft.“

Das ist freilich ein wenig dreist. Anders als im Westen, wo sie oft zur Märtyrerin stilisiert wurde, ist die 53-Jährige in ihrer Heimat nicht unumstritten – gerade wegen einiger Undurchsichtigkeiten. Binnen sieben Jahren wurde sie von einer Vorort-Videoverleiherin zur Chefin des staatlichen Energiekonzerns, sie häufte ein Vermögen in dreistelliger Millionenhöhe an. Nicht alle Ecken dieses Weges sind ausgeleuchtet.

"Sie ist unverwüstlich"

Auf der politischen Bühne gilt sie als selbst- und sendungsbewusst: Das macht es nicht einfach. In ihrer ersten Amtszeit als Regierungschefin 2005 – nach der Orangenen Revolution – hielt sie sich nur sieben Monate, dann scheiterte sie am Kleinkrieg mit den eigenen Mitstreiterin. Beim zweiten Mal wurde sie 2010 abgewählt, weil sich viele enttäuscht abwandten. Es siegte eben Janukowitsch – in regulären Wählen.

Aber dann begann er seinen Rachefeldzug, ließ sie einsperren (unter dem absurden Vorwurf, dass sie zu schlechte Gasverträge mit Moskau ausgehandelt habe) und erlaubte nicht mal, dass ihr Bandscheibenvorfall in Deutschland behandelt werden durfte.

Das verschafft ihr jetzt einige Bonus-Punkte im Volk: Viele halten ukrainische Politiker grundsätzlich für eine korrupte, abgehobene Elite – und selbst Klitschko, der als integer gilt, hat imagemäßig gelitten, weil er Kompromisse mit ihnen eingegangen ist. Sie dagegen kann vorweisen, dass sie die letzten Jahre vom verhassten Herrscher ins Gefängnis geworfen worden war.

„Sie ist unverwüstlich, sie verdient jedes Amt“, erklärt Tatjana, eine der Frauen auf dem Maidan. Eine andere sagt: „Wir brauchen jetzt jemanden, der erfahren ist im Kämpfen.“ Also: lieber die „gerissene Füchsin“, wie Timoschenko auch genannt wird, statt des freundlichen Imports Klitschko. Andere sind skeptischer: „Alle Politiker sind Verbrecher“, erklärt einer der Maidan-Kämpfer mit selbstgefertigter Rüstung kategorisch. Die Wut nach den blutigen Kämpfen ist groß.

Doch: So viel Jubel wie Timoschenko hat schon lang kein Berufspolitiker mehr auf dem Maidan ausgelöst. Am Sonntag machte sie sich gleich ans Werk. Sie telefonierte mit Kanzlerin Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Willkommen in der Freiheit“, sagte diese. Aber auch, dass Timoschenko auch auf den Osten der Ukraine zugehen solle – offenbar beginnt man in Berlin, mit Timoschenko zu rechnen. Ein baldiges Treffen ist geplant. Timoschenko klapperte auch Botschaften weiterer westlicher Länder ab. Die Option, sich gleich am Sonntag zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen, schlug sie aus – sie will sich auf die Präsidentschaftswahlen konzentrieren. „Helden sterben nie“, hatte sie auf dem Maidan gerufen. Und die Menge jubelte. Fast wie früher.

 

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