Sonnen-GmbH-Leiter Philipp Schröder: Der Diesel muss da raus!

Philipp Schröder plant die Stadt der Zukunft. Der AZ erzählt er, wie diese – ganz ohne Diesel – aussehen wird, warum Tesla vor ihm zittert und weshalb RWE und Eon Heulsusen sind.
| Otto Zellmer
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Die Diesel-Manipulationen verursachen jährlich Tausende Todesfälle in der EU. "Für mich ist es eine Frechheit, dass die Auto-Konzerne damit so lange durchgekommen sind", sagt Philipp Schröder.
Sonnen GmbH Die Diesel-Manipulationen verursachen jährlich Tausende Todesfälle in der EU. "Für mich ist es eine Frechheit, dass die Auto-Konzerne damit so lange durchgekommen sind", sagt Philipp Schröder.

München - Philipp Schröder (33), Leiter der Sonnen GmbH aus dem Allgäu mit rund 400 Mitarbeitern, hat bei Tesla gelernt. Jetzt wirbelt er den Energiemarkt auf.

AZ: Herr Schröder, Sie waren Deutschland-Boss von Tesla, kennen Konzern-Chef Elon Musk sehr gut. Der will mit seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX in sieben Jahren Menschen zum Mars schicken. Ist Musk größenwahnsinnig?
Philipp Schröder: Die Mischung macht’s. Egal ob Tesla, SpaceX oder der Hyperloop (Magnetschwebebahn in einer Röhre, ähnlich dem Transrapid, d. Red.) – das sind Projekte von Musk, die leben vom Ruf der Superlative. Er versteht es, dass die Ankündigung von solch gewagten Vorhaben die günstigste PR ist für ihn, seine Marke und seine Firmen. Das ist sehr gutes und kluges Marketing.

Sie bezeichnen Musk als ihr Vorbild. Was haben Sie in der Zeit bei Tesla von ihm gelernt?
Dinge einfach zu tun. Das ist das Wichtigste, was er mir auf den Weg gegeben hat. Wer in neue Märkte vordringen will, darf sich nicht hinsetzen und an Studien arbeiten, sondern muss sich mit dem Produkt an den Kunden wenden und von diesen Erfahrungen lernen.

"Diesel-Aus macht nur Sinn mit Energiewende"

Jetzt sind Sie Geschäftsführer der Sonnen GmbH, einer 400-Mitarbeiter-Firma im Allgäu. Ausgerechnet Sie wollen dem Riesen Tesla Konkurrenz machen. Wie?
Tesla nutzt seine Batterien vor allem für E-Autos, aber auch für den Energiemarkt. In Letzterem haben wir Tesla heuer geschlagen. Wir sind bei Batteriespeichern weltweiter Marktführer. Was uns besonders freut: Wir haben direkt vor Musks Haustür in Arizona ein Projekt gewonnen mit 3.000 Häusern, wo wir eine Stadt mit unseren Batterien ausrüsten. Die Bürger versorgen sich selbst, indem sie Strom produzieren, ihn zwischenspeichern und dank virtueller Vernetzung untereinander teilen.

Könnte so die Stadt der Zukunft aussehen?
Die Stadt der Zukunft passt sich vollautomatisch an die Erzeugung von erneuerbaren Energien an. Früher war es so: Der Mensch hat verbraucht und die Kraftwerke sind dann angegangen, wenn der Verbrauch hoch war. Jetzt ist es so, dass sich in der Stadt der Zukunft die Verbraucher an die Produktion anpassen.

Ein Paradigmenwechsel.
Ein E-Auto wird geladen, wenn zu viel Sonnenstrom vorhanden ist und die Waschmaschine wird angeschaltet, wenn der Wind weht. Der Überschuss lässt sich in dezentralen Einheiten speichern, so dass der Mensch sein Verhalten nicht ändern muss.

Für Sie lassen sich Mobilität und Energiewirtschaft eigentlich nicht voneinander trennen. Muss der Diesel, einer der größten CO2-Emittenten, demzufolge raus aus der sauberen Stadt der Zukunft?
Absolut. Jährlich sterben in der EU frühzeitig über 23.000 Menschen an Kohle-Feinstaub und über 11.000 an Diesel. Für mich ist es eine Frechheit, dass die Auto-Konzerne damit so lange durchgekommen sind. Aber ein Diesel-Aus macht nur Sinn mit einer echten Energiewende und der Sektorenkopplung. Denn wenn der Auspuff des E-Autos das Kohlekraftwerk ist, lösen wir die Problematik nicht.

Sie wollen das gesamte Mobilitäts- und Energiesystem radikal umbauen.
Das wird und muss so kommen. Schauen Sie nach Großbritannien und Frankreich. In beiden Ländern hat die Politik ein Ausstiegsdatum für Verbrenner festgelegt. Die Deutschen müssen aufpassen, dass sie nicht abgehängt werden.

Ihre Firma besteht erst seit 2010. In Deutschland gibt es zu wenige Start-ups und Innovationen. Gerät das Land ins technologische Hintertreffen?
Weltweit dominieren das Silicon Valley und Südostasien – diese beiden Erfinder-Regionen laufen uns den Rang ab. Wenn wir nicht gegensteuern, ist der Wohlstand in Deutschland bald fundamental bedroht. Bosch, Daimler oder BMW: Das war eine Gründergeneration, die es geschafft hat, Unternehmen zu bauen, die global dominieren. Unter den 10 wertvollsten deutschen Unternehmen ist SAP mit 45 Jahren das jüngste. In den USA stehen dort mit Apple oder Google recht junge Unternehmen. Wir haben in Deutschland eine veraltete Substanz.

Was muss die künftige Bundesregierung ändern?
Wir brauchen ein Netzwerk, das wettbewerbsfähig ist mit den USA oder China. Wir müssen es schaffen, eine neue Gründer-Generation hervorzubringen. Und es gibt Förder-Milliarden ohne Ende, die entweder nicht abgerufen oder bürokratisiert an alte Konzerne gegeben werden und dort versickern. Jüngere Firmen müssen mehr Gelder bekommen. Es kann nicht sein, dass RWE sieben Millionen Euro erhält, um Ladesäulen zu errichten.

Innovationsfördernd scheint das nicht zu sein.
Das ist so, als wenn Sie früher die Deutsche Post gefragt hätten, das Internet zu erfinden und denen dafür Geld gegeben hätten.

David gegen Goliath

Sie haben mit Sonnen angekündigt, größter Stromproduzent Europas werden zu wohlen – Sie mucken gegen Platzhirsche auf. Ist das nicht ein Duell David gegen Goliath?
Wir sagen, dass es die heutigen Geschäftsmodelle von RWE und Eon in zehn Jahren nicht mehr geben wird, weil Millionen von Solaranlagen aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz fallen. Die sind dann frei auf dem Markt und produzieren zu beinahe Nullkosten Strom. Diese Infrastruktur ist dezentral in Bürgerhand und wenn sie vernetzt wird, braucht sie keine Energiekonzerne mehr. Parallel ist jedes Kohlekraftwerk nicht mehr wettbewerbsfähig im Neubau gegenüber Erneuerbaren – sei es Wind oder Solar.

Wer wird in dem neuen Segment führen?
Sonnen ist auch ein Dienstleister, der es Kunden ermöglicht, sich wie bei Facebook zu vernetzen und Strom zu teilen. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Wir sind guter Dinge, dass es uns gelingen wird, in fünf bis zehn Jahren einer der größten deutschen Energieversorger zu werden – und später darf’s gern höher hinaus gehen.

Sie haben die Stromriesen auch schon mal als Heulsusen bezeichnet. Wieso?
Weil sie immer wieder Geld von der Politik fordern, etwa beim Atomfonds. Erst kassieren RWE und Eon ab, mit den Lasten wollen sie nichts zu tun haben. Das ist inakzeptabel. RWE und Eon möchten, dass der Staat und die Gesellschaft ihre Margen finanzieren und den Müll auch noch wegräumen. Statt umzudenken und ein nachhaltiges Modell aufzubauen, machen die Großversorger das, was sie immer tun: Betteln bei der Politik. Das ist Heulerei.

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