Interview

Psychische Corona-Folgen: Ein zweiter Shutdown würde uns noch härter treffen

Eine Ärztin und Beraterin für Burnouts spricht über psychische Folgen der Pandemie und erklärt, wie man mental krisenfest wird.
| Lisa Marie Albrecht
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Ärztin und Beraterin für Burnouts: Mirriam Prieß.
Martin Bieling Ärztin und Beraterin für Burnouts: Mirriam Prieß.

München - AZ-Interview mit Mirriam Prieß: Die 48-jährige Ärztin und Buchautorin war in einer psychosomatischen Fachklinik tätig und berät heute Führungskräfte zu Stress- und Konfliktmanagement.

AZ: Frau Doktor Prieß, zu Beginn der Corona-Pandemie fühlten sich viele eingesperrt, im täglichen Leben beschnitten. Mit den Lockerungen erleben manche das Gegenteil: Freunde oder Familie fordern Treffen ein, etwa im Restaurant, man selbst hat aber vielleicht Angst vor einer Ansteckung. Was tun?
MIRRIAM PRIEß: Sobald ich gegen mich selbst angehe und Ja sage, obwohl ich innerlich Nein fühle, schade ich mir selbst und am Ende auch meinen Beziehungen. Deshalb ist nicht nur der offene Dialog zu anderen wichtig, sondern auch der innere Dialog zu mir selbst. Mich selbst ernst nehmen, in dem, was ich fühle und auf meine innere Balance achten, ohne die Augenhöhe der Situation gegenüber zu verlieren. Ängste können ja auch übersteigert sein und zur neurotischen Panik werden. Hier gilt es, sich auf Fakten zu besinnen, die eine realistische Orientierungsmöglichkeit geben.

Wie erkläre ich Freunden oder Familie, dass ich etwa einen Restaurantbesuch noch für zu gefährlich halte, ohne sie vor den Kopf zu stoßen?
Wichtig ist der offene Dialog. Man könnte zum Beispiel sagen: "Ihr seid mir wichtig und ich würde gerne Zeit mit euch verbringen. Gleichzeitig sind meine Sorgen, dass ich mich vielleicht anstecken könnte, im Moment so groß, dass ich lieber noch zu Hause bleibe. Ich hoffe, dass ihr Verständnis dafür habt." Offen ansprechen, was ist. Gegenseitiges Verständnis und Mitgefühl sind in dieser Zeit zentral. Und das gemeinsame Suchen nach alternativen Lösungen, wie der Kontakt gehalten werden kann.

Warum fällt es manchen in der jetzigen Situation leicht, Kontakte zu beschränken, während andere nach draußen drängen?
Das ist zum einen abhängig von der Persönlichkeit und den individuellen Erfahrungen. Menschen, die in sich unsicher sind und vielleicht unbewältigte Krisen in sich tragen, sind natürlich wesentlich vorsichtiger in dieser Situation als Menschen, die Krisen erfolgreich gemeistert haben und ein gesundes Selbstbewusstsein besitzen. Diese Atmosphäre, in der wir uns gerade befinden, ist eine Atmosphäre der Angst, der Unkontrollierbarkeit und der Ungewissheit. Je größer die unbewältigte Angst in den Menschen ist, umso stärker reagieren sie auf diese Atmosphäre.

Gefahr einer gesellschaftlichen Depression besteht

Nämlich wie?
Entweder mit Lähmung, Depression und Resignation, oder mit Wut und Aggression. Auch die Reaktion: "Ich will jetzt aber unbedingt raus" muss nicht unbedingt bedeuten, dass die Menschen im Inneren nicht auch ängstlich sind. Aber sie gehen damit anders um, nämlich indem sie rebellieren und etwas dagegen tun wollen. Das gibt ein Stück Selbstwirksamkeit zurück und mindert das Ausgeliefertsein.

Was ist die größte psychische Herausforderung, die wir in dieser Krise erleben?
Das ist natürlich individuell unterschiedlich. Was das Maximum an Stress auslöst, ist das Gefühl von Hilflosigkeit und das Gefühl, eine Situation nicht kontrollieren zu können. Dies ist umso belastender, wenn ich mich in meiner Existenz bzw. in meinem Leben bedroht fühle oder es tatsächlich bin. So sollten wir nicht nur die unmittelbare gesundheitliche Bedrohung durch das Virus sehen, sondern auch die massiven Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, die durch die Konsequenzen entstehen. Darüber wird meiner Ansicht nach viel zu wenig gesprochen.

Was meinen Sie damit?
Wenn wir nicht sorgsam darauf achten, auf Augenhöhe und mit Augenmaß zu kommunizieren, und auch in der größten Unsicherheit noch die Möglichkeit der Bewältigbarkeit aufzeigen und Orientierung vermitteln – auch in den Medien – besteht die Gefahr, dass wir in eine gesellschaftliche Depression oder eine Aggression rutschen. Aggression ist ja auch nur ein Ausdruck von Hilflosigkeit.

Was wären die Folgen?
Die Angst wird steigen und das Misstrauen. Deswegen ist es so wichtig, die Menschen auch emotional aufzufangen. Denn der reine Verstand geht nicht wütend auf die Straße. Im Grunde muss das, was wir auf der wirtschaftlichen, finanziellen Ebene diskutieren, genauso für die psychisch-emotionale Ebene gelten.

Krisenstab für die psychologische Begleitung

Wie könnte das konkret aussehen?
Ein offener Dialog auf Augenhöhe ist zentral. Nur so entsteht Verständnis, nur so kann eine echte Unterstützung stattfinden. Es müsste selbstverständlich auch einen Krisenstab für die psychologische Begleitung geben.

Haben wir dafür überhaupt die Kapazitäten?
Auch hier legt das Virus den Finger in die Wunde des überlasteten Gesundheitssystems. Wenn wir nicht beginnen zu erkennen, wie machtvoll die Psyche ist, und in diesem Punkt beginnen, konsequent umzudenken, dann werden wir als Gesellschaft unter den Folgen von wachsender psychischer Ohnmacht leiden.

Warum ist es so wichtig, den Fokus auf die psychischen Folgen zu lenken?
Je länger wir psychische Symptome unterdrücken oder verdrängen, umso stärker werden sie und es entwickeln sich chronische Erkrankungen, deren Folgen wir wiederum auf allen Ebenen spüren werden. Bereits jetzt ist jede zweite Krankschreibung psychosomatisch bedingt, die psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen wachsen.

Ärztin und Beraterin für Burnouts: Mirriam Prieß.
Ärztin und Beraterin für Burnouts: Mirriam Prieß. © Martin Bieling

Soziale Beratungsstellen gilt es zu stärken

Droht ansonsten auch eine Überlastung des Gesundheitssystems?
Die therapeutischen Kapazitäten waren ja schon vor der Corona- Krise an der Grenze – für einen ambulanten Therapieplatz warten Sie in einigen Regionen sechs Monate. Vor diesem Hintergrund ist es umso notwendiger, den psychischen Aspekt im Auge zu behalten. Das Motto, "irgendwie müssen und werden wir das alle aushalten und schon schaffen", ist das hilflose Motto, was bislang die Therapieplätze gefüllt hat. Wenn unter diesem Motto auch gesellschaftliche Entscheidungen getroffen werden, wird die Last nicht weniger.

Welche Angebote zur Entlastung der Psyche braucht es?
Es gilt, die sozialen Beratungsstellen zu stärken, gerade in sozialen Brennpunkten, wo die Gewalt und Aggression zunimmt, psychotherapeutische Hilfspakete zu schnüren, in Form von zentralen Anlaufstellen, die vor Ort, telefonisch wie auch im Netz genutzt werden können. Es braucht ein grundsätzliches Bewusstsein, was die Psyche in dieser Zeit braucht, um zumindest nicht krank zu werden, und eine stetige selbstverständliche Berücksichtigung dieses Aspektes. Natürlich geht aus auch um eine sensible Berichterstattung und Kommunikation. Worte können heilen oder zerstören, Mut machen oder verunsichern. Jeder sollte sich in dieser Situation für Mut und Heilung entscheiden.

Experten warnen bereits vor einer zweiten Infektionswelle, die auch einen erneuten Shutdown nach sich ziehen könnte. Was würde das auslösen?
Je länger eine Situation von Unkontrollierbarkeit und von Hilflosigkeit besteht, umso größer ist die Gefahr, dass es in die Extreme geht. Es wird sowohl eine Abflachung der Emotionen geben und ein resigniertes Sich-der-Situation-ergeben. Es wird bestenfalls noch funktioniert, die Gefahr der Lähmung steigt. Auf der anderen Seite wird die Aggression wachsen und damit die Rebellion, sich aus dieser Situation – wie auch immer – befreien zu wollen. Beides wird eine große Herausforderung darstellen.

Zweiter Shutdown? "Ein herber Einschnitt"

Ein zweiter Shutdown trifft uns also härter als der erste?
Wenn er zu schnell auf den ersten folgt und sich die Menschen noch nicht von diesem erholt haben, dann ja, definitiv. Habe ich eine Krise noch nicht bewältigt und es folgt bereits die nächste, dann trifft mich diese Herausforderung in einem bereits geschwächten und verwundeten Zustand. Wenn Krisen bewältigt wurden, kann daraus gestärkt hervorgegangen werden und es kann mit einer neuen Krise gelassener umgegangen werden. Ich schätze aber die momentane Situation nicht so ein.

Wieso nicht?
Weil die Situation in ihrer Erstmaligkeit, Ungewissheit und Auswirkungen zu belastend ist, als dass sie einfach hinter sich gelassen werden kann. Es braucht Zeit für Verarbeitung, um Kraft zu sammeln und weiterzugehen. Für viele bedeutet es, nochmal neu anzufangen, sich umzuorientieren. Wenn in dem Wiederaufbau nun der nächste Shutdown kommt, dann ist das ein herber Einschnitt. Dieselbe Belastung, wird nun als doppelt so schwer erlebt. Man gerät in die gleiche psychische Belastung wie zuvor – nur mit weniger Energie als beim ersten Mal.

Was kann man tun, um sich psychisch davor zu schützen?
Es geht konkret darum, zu schauen, wie und womit ich mich stärken kann. Was psychische Widerstandskraft grundsätzlich ausmacht, ist die Fähigkeit, das anzunehmen, was ist, und keine aussichtslosen Kämpfe zu führen. Wenn ich die Situation annehme – nicht im Sinne von sich ergeben, sondern von Akzeptanz – kann ich überlegen, wie ich das Beste daraus machen kann. Möglichkeiten zu suchen, anstatt in der Unmöglichkeit zu erstarren, ist zentral.

Auf Augenhöhe und mit Wertschätzung begegnen

Was hilft noch?
Resilienz entsteht durch starke Beziehungen. Zu sich selbst und zu anderen. Sorgen Sie dafür, Ihr inneres Gleichgewicht zu stärken wie Ihre Beziehungen. Das heißt, gestalten Sie Beziehung so, dass Sie daraus Kraft schöpfen können. Seien Sie interessiert, offen, mitfühlend und begegnen Sie sich auf Augenhöhe und mit Wertschätzung. So können Sie eine Atmosphäre schaffen, in der Angst gelöst werden kann. Auch der Glaube gibt Kraft, Krisen zu meistern. Hier geht es nicht nur um Spiritualität oder Religiosität, sondern auch der Glaube an Werte. Wer glaubt, kann Krisen meistern, da er einen Sinn für sich finden kann. Wofür lohnt es sich, morgens aufzustehen? Definieren Sie für sich, woran Sie glauben. Was gibt Ihnen Kraft? Sich in dieser Zeit konkrete Ziele zu setzen, um so Gestalter der Situation und nicht ihr Opfer zu sein, ist ebenfalls zentral. Definieren Sie für sich, was Sie in dieser Zeit erreichen wollen. Strukturieren Sie den Tag, bleiben Sie aktiv – anstatt in eine passive Opferhaltung zu fallen.

Wie kann das gelingen?
Hier hilft ein guter innerer Dialog. Sie können diesen bewusst jeden Tag leben, in dem Sie in sich hineinhören und eine regelmäßige Bestandsaufnahme machen: Wie geht es mir gerade? Was ist mir zu viel, was kann ich jetzt brauchen? Befinde ich mich noch im Gleichgewicht? Je mehr wir uns selbst zur Seite stehen können, umso unabhängiger sind wir von äußeren Einflussfaktoren und umso standfester können wir agieren.

Wer mit sich selbst im Reinen ist, ist also auch krisenfester?
Ja. Dazu gehört auch, sich in seinen Gefühlen anzunehmen und sich nicht dafür zu verurteilen. Je mehr wir die Gefühle unterdrücken, umso stärker werden sie. Gerade für Menschen, die in ihrer Existenz bedroht sind oder Angst haben, ist es wichtig, diese Angst anzunehmen, ihr mitfühlend zu begegnen und sie auch in einem Gespräch mit Freunden auszusprechen. Nur so können eine Lösung gefunden und die Angst aufgelöst werden. Beziehungen auf Augenhöhe, zu sich selbst, zu anderen und zum Leben an sich, sind mit einem gelingenden Dialog der Schlüssel zur Bewältigung einer Krise und dazu, erstarkt aus ihr hervorzugehen.

Alle aktuellen Infos zum Coronavirus finden Sie hier im AZ-Newsblog

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