Prozess gegen Sauerland-Gruppe: Wie am 11. September

Vier junge Männer, darunter ein Münchner und ein Saarländer, stehen als mutmaßliche Terroristen vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht. Die Münchner Anwältin Ricarda Lang gehört zu den Verteidigern.
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DÜSSELDORF - Vier junge Männer, darunter ein Münchner und ein Saarländer, stehen als mutmaßliche Terroristen vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht. Die Münchner Anwältin Ricarda Lang gehört zu den Verteidigern.

Ricarda Lang lacht viel und scherzt gerne. Sie mag Pasta, hat ein Faible für Italien und berät ehrenamtlich in Not geratene Frauen. Von 2001 bis 2005 gehörte die Juristin zum Team der Sat1-Sendung „Richter Alexander Hold“. Dann zog sie sich aus dem Fernsehgeschäft zurück. Doch wenn heute vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht (OLG) der Terror-Prozess gegen die „Sauerland- Zelle“ beginnt, wird die Münchnerin wieder im TV zu sehen sein. Als einzige Frau im Verteidigertross vertritt die 39-Jährige einen der „Gotteskrieger“, den hessischen Türken Adem Yilmaz (30). Die Bundesanwaltschaft wirft ihm, Fritz Gelowicz (29), Daniel Schneider (23) und Attila Selek (24) Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung, Vorbereitung eines Sprengstoffverbrechens und Verabredung zum Mord vor.

Bombenanschläge wie am 11. September

Im Auftrag der Islamischen Dschihad Union (IJU) sollen sie zwölf Fässer Wasserstoffperoxid beschafft haben, um daraus Bomben zu bauen. Im September 2007 verhaftete die GSG9 Gelowicz, Schneider und Yilmaz in einem Ferienhaus im sauerländischen Oberschledorn. Selek ging den Fahndern kurz darauf in Istanbul ins Netz. Zum Zeitpunkt der Festnahmen hatten BKABeamte die mutmaßlichen Terroristen schon mehrere Monate lang überwacht. Und hatten das Wasserstoffperoxid unbemerkt gegen eine weniger gefährliche Flüssigkeit ausgetauscht. Sie waren über jeden Schritt der Möchtegern-Attentäter informiert.

Ihre Abhör-Protokolle beweisen, dass es die Angeklagten bitterernst meinten. „200 Kilogramm mit Splittern, inschallah, das macht ’nen Riesenbums“, zitiert die FAZ aus einer Aufzeichnung. Antwort: „Ja, inschallah, das würde wie’n zweiter 11. September.“ Die Prozess-Unterlagen füllen 521 Ordner.

Adem Yilmaz hatte ursprünglich zwei andere Anwälte. „Die haben ihm immer gesagt: Mach dir keine Sorgen, die Beweislage ist schlecht. Du wirst freigesprochen“, sagt Ricarda Lang. Irgendwann wollte der Islamist die Juristen nicht mehr sehen. Freunde von Yilmaz baten die Münchnerin, als Pflichtverteidigerin einzuspringen. Weil Lang immer weiterempfohlen wurde, sind inzwischen 90 Prozent ihrer Klienten Araber. Auch den mutmaßlichen El- Kaida-Mann Mohamed K. hat sie vertreten – ebenfalls vor dem OLG Düsseldorf.

Doch Adem Yilmaz wollte keinen Nicht-Muslim als Verteidiger und „niemals eine Frau“. Zunächst. Dann beschloss er, dass sich auch ein strammer Dschihadi wie er in einer Notlage von einer „ungläubigen“ Anwältin helfen lassen darf. Schon beim ersten Treffen zerstörte Ricarda Lang seine Freispruch-Illusionen. „Sie sind doch direkt auf den blauen Fässern festgenommen worden. Wie soll denn das funktionieren?“ An den Sachverhalten sei wenig zu rütteln, sagt die Juristin der AZ. „Unsere Aufgabe ist die Gewährleistung eines rechtsstaatlichen Verfahrens.“

„Er war integriert, es gab keine Probleme“

Adem Yilmaz kam 1986 mit seinen Eltern aus Anatolien nach Hessen. Er schloss die Realschule ab, machte eine Ausbildung zum Kaufmann für Verkehrsservice bei der Bahn und wurde übernommen. „Er war integriert, es gab keine Probleme“, sagt die Anwältin.

Im November 2002 kündigte Yilmaz. Inspiriert von seiner Mutter unterwarf er sein Leben plötzlich den Regeln des Islam. 2005 begleitete er sie nach Mekka. Einen Münchner Freund beauftragte er, sich nach einer gläubigen Frau für ihn umzuschauen.

Im Sommer 2005 soll er bei einem Arabisch-Kurs in Damaskus Fritz Gelowicz kennen gelernt haben – der Beginn einer Freundschaft, die vom Hass auf den Westen getragen war. Laut Anklage ließen sich die beiden Mitte 2006 in einem pakistanischen Lager der usbekischen IJU zu Killern ausbilden. Zurück in der Bundesrepublik erhielten sie angeblich den Auftrag, US-Einrichtungen in mehreren Städten mit Autobomben zu sprengen.

Dass Gelowicz und Yilmaz Mitglieder der IJU sein sollen, haben die Ermittler von zwei Männern gehört, die im kasachischen Astana und im usbekischen Taschkent im Gefängnis sitzen. Aussagen, die Lang nicht gelten lässt: „Diese Gefängnisse sind bekannt für Folter. Den Angeklagten wurde kein Fragerecht eingeräumt. Diese Vorgehensweise verstößt gegen den Vorsatz des fairen Verfahrens".

Lang und Yilmaz’ zweiter Anwalt Karl Engels wollen im Prozess die fragwürdige Rolle von V-Männern zur Sprache bringen. Sie halten es für möglich, dass verdeckte Ermittler deutscher und ausländischer Behörden die „Sauerländer“ in ihrem Tun bestärkt haben. „Ein Iraner war die treibende Kraft bei der angeblichen Ausspähfahrt nach Hanau“, sagt sie. „Er taucht immer wieder in den Akten auf, gegen ihn wurde ermittelt – bis er irgendwann verschwindet.“ Heute soll er in der Karibik sein. „Das ist doch merkwürdig, oder?“, fragt Ricarda Lang.

Yilmaz wird schweigen. Das hat er schon vor der Verhaftung erklärt. „Bruder, wenn wir erwischt werden, weißt du, was wir sagen? Gar nichts“, ist er auf einem Abhör- Band zu hören. „Ich sage, nein, ich bereue gar nichts. Ich bereue nur, dass wir das nicht hingekriegt haben.“

Natalie Kettinger

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