Interview

Pflegeheime: Was tun, wenn man Angehörige nicht besuchen kann?

Pflege- und Altenheime haben aufgrund des Coronavirus nun strenge Regeln. Wie Angehörige trotzdem Trost spenden können.
| Julia Sextl
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Psychologin Ulrike Scheuermann kann auf 20 Jahre Berufserfahrung zurückblicken.
Ulrike Scheuermann Psychologin Ulrike Scheuermann kann auf 20 Jahre Berufserfahrung zurückblicken.

München - AZ-Interview mit Ulrike Scheuermann. Die 52-Jährige ist Diplom-Psychologin, Krisenberaterin und Sachbuchautorin. Im Interview mit der AZ spricht sie über die strengen neuen Regeln für den Besuch in Alten- und Pflegeheimen und über die Auswirkungen für die alten Menschen und die Pflegebedürftigen sowie für die Angehörigen.

Psychologin Ulrike Scheuermann kann auf 20 Jahre Berufserfahrung zurückblicken.
Psychologin Ulrike Scheuermann kann auf 20 Jahre Berufserfahrung zurückblicken. © Ulrike Scheuermann

AZ: Frau Scheuermann, die Besuche in Pflege- und Altenheimen müssen auf ein Minimum reduziert werden oder sind komplett verboten. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie erstmals davon hörten?
ULRIKE SCHEUERMANN: Dass das für die alten Menschen und die Pflegebedürftigen genauso wie für die Verwandten schwierig und enorm belastend sein wird.

Wie wichtig ist der soziale Kontakt – normalerweise – zwischen den Angehörigen?
Sehr wichtig. Wir sind soziale Wesen und brauchen Kontakt zu anderen Menschen. Ich appelliere immer, sich zu verbinden, sich um den oder die anderen in der Familie und im Freundeskreis zu kümmern, gegenseitig zu helfen und füreinander zu sorgen. Wenn wir Menschen vereinsamen, können wir krank werden, körperlich und seelisch. Dagegen hilft, aufeinander zu achten. Auch schon die kleinen sozialen Kontakte können wichtig sein, ein gegenseitiges Lächeln auf der Straße, ein Gespräch mit der Nachbarin, ein freundlicher Austausch an der Supermarktkasse. Auf all das müssen wir derzeit alle verzichten und die Kontakte auf die digitale Kommunikation und Telefongespräche verschieben. Das aber bitte viel und regelmäßig!

Kontakt über das Internet

Was kann so ein Besuchsverbot bei Heimbewohnern anrichten?
Es kann traurig machen, und Einsamkeit kann eben sehr schmerzlich sein. Daher sollten die Angehörigen unbedingt den Kontakt per Skype oder Handy halten. Am besten zu fest verabredeten Zeiten, damit der Kontakt verlässlich ist.

Auch in Kliniken gelten strenge Besuchsregeln. Doch Kranke besuchen, Trost spenden, das gehört doch zur Heilung dazu. Wie relevant sind Nähe und auch körperliche Berührungen tatsächlich?
Eine Umarmung heilt Körper und Seele, sagt man. Da das momentan nicht geht, sollten wir uns anders unterstützen. Die Angehörigen könnten zum Beispiel einen handgeschriebenen Brief abgeben oder eine Zeichnung oder ein Foto der Enkelin für die Oma. Man kann sich auf die Mailbox singen, viele Senioren haben ja inzwischen auch ein Handy. Musik hilft. Die Menschen in Italien singen gemeinsam auf ihren Balkonen. Oder: Eine Klientin von mir hat gerade für ihre Großtante eine Geschichte geschrieben. Man kann Bücher oder Zeitschriften vorbei bringen. Jedes auch noch so kleine Zeichen, das zeigt, dass man aneinander denkt, ist jetzt sehr wichtig. Das gilt natürlich auch für die Heimbewohner.

Empfehlen Sie auch Video-Telefonate für alte Menschen?
Wenn möglich: natürlich! Viele Ältere wissen auch, wie Facetime geht oder auch Skype. Oder wir können ihnen auch in einem Telefongespräch erklären, wie es funktioniert.

Ausnahmefälle? Demenz und Schwerkranke

Besonders demente Menschen und all jene, die nicht telefonieren können, vermissen den gewohnten Umgang mit ihren Angehörigen. Wie kann Ihnen diese Zeit erleichtert werden? Ist das überhaupt möglich?
Das ist schwierig, oft erreicht man einen dementen Menschen nicht, schon gar nicht auf Distanz, oder der Kranke hat die Erklärung gleich wieder vergessen. Ich denke, in einem solchen Fall sollte man sich mit dem Fachpersonal beraten.

Eine etwas schwierige Frage: Halten Sie ein Besuchsverbot bei beispielsweise Schwerkranken, etwa im Hospiz, für angebracht – um sie vor dem Tod durch Corona zu bewahren? Oder wäre es nicht besser, die Angehörigen in den letzten Tagen oder Wochen zu ihnen zu lassen?
So traurig es ist, aber wenn ein Mensch im Hospiz ist, dann, weil er sterben wird. Diese Frage stellt sich dann eigentlich nicht mehr, oder?

Was raten Sie den Angehörigen, die ja ebenfalls unter den Einschränkungen und Trennungen leiden und sich Sorgen machen?
Das zu tun, was möglich ist. Sich klar machen, dass die Situation begrenzt ist, und auch daran denken, dass man auf Abstand gehen muss, um die Liebsten zu schützen.


E-Mail-Service im Heim

Manche Heime bieten jetzt ein spezielles E-Mail-Angebot für ihre Bewohner an, wie zum Beispiel das Lore Malsch-Haus in Riemerling: Unter einer extra dafür eingerichteten E-Mail-Adresse können Angehörige Nachrichten, Fotos, Video oder Audiobotschaften an die Heimbewohner schicken. Sobald die Mail eingeht, wird diese dann dem Adressaten persönlich überbracht. "Wir spielen das dann vom Handy oder vom Tablet vor", sagt Heimleiter Jan Steinbach. Die Heimbewohner haben dann die Möglichkeit, auch eine Botschaft zurückzusenden.

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