Peter Sodann und der 1. Mai: Der Besuch des alten Herrn

„Völker, leert die Regale“: Der Präsidentschaftskandidat der Linken absolviert bei Bayerns DGB einen abstrusen Auftritt. Kaum einer versteht, was er will - die Stimmung aber ist trotzdem prima.
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Er sagt auch klare Sätze. Aber nicht viele: Peter Sodann.
dpa Er sagt auch klare Sätze. Aber nicht viele: Peter Sodann.

BURGHAUSEN - „Völker, leert die Regale“: Der Präsidentschaftskandidat der Linken absolviert bei Bayerns DGB einen abstrusen Auftritt. Kaum einer versteht, was er will - die Stimmung aber ist trotzdem prima.

Ganz allein steht der kleine ältere Herr an einem Stehtischchen, er nippt nachdenklich an seinem Bier. Er trägt Bequemschuhe und legeres Hemd. Die ersten Gäste im Foyer des Bürgersaals von Burghausen laufen an ihm vorbei, so unscheinbar wirkt Peter Sodann, der Kandidat der Linkspartei für die Bundespräsidentenwahl in den Minuten vor seiner Rede.

„Herr Sodann, wir freuen uns, dass sie da sind“, ruft ein Ehepaar, das den prominenten Redner endlich erkannt hat. „Das glaub ich ihnen aber nich“, sächselt Sodann zurück. „Auf mich freut sich doch keiner.“

Dann schaltet er blitzschnell um. Bärtige Alt-Gewerkschafter, Linksparteimitglieder, Frauen mit Nelken im Knopfloch bejubeln und beklatschen Sodann, als er die Bühne erklimmt. Der griesgrämige Welt- und Selbstschmerz-Wälzer ist weg, jetzt ist Sodann der „Kleine-Leute-Philosoph“, der verschmitzte Ost-Onkel. Er beginnt seine Rede mit einer Anekdote – gefühlte 85 sollen noch folgen. Er kalauert und blödelt sich durch die nächste Stunde. „Völker, leert die Regale“, witzelt er, „Lacht auf, Verdammte dieser Erde“ und „Liberté, Fraternité, Pfefferminztee“.

Sodann reißt diese Witze bei fast all seinen Reden, immer dieselben, aber den Leuten ist es egal. Sodann redet über einen Hartz-IV-Empfänger aus Göttingen, dann plötzlich von Amazonas-Indianern, die aus Abscheu vor unserer schlechten Welt ihre Neugeborenen töteten. Weiter geht's mit Natur, Schöpfung und den Zehn Geboten: „Gott schütze die Elefanten, die Marienkäfer und die gemeine Feldmaus.“

Selbstgerecht-weißbierselige Stimmung

Was Sodann wirklich sagen will, versteht keiner so richtig – der guten Laune tut das aber offenbar keinen Abbruch. Die Zuhörer lachen und klatschen sich auf die Schenkel, als säßen sie beim Chiemgauer Volkstheater. Man ist vereint in selbstgerecht-weißbierseliger „Die-da-oben-brauchen-mal-einen-drauf“-Stimmung.

Zwischendurch schiebt Sodann immer wieder nachdenkliche Gedichte ein, die er mit gesenkter Stimme vorträgt: Johann Wolfgang von Goethe, Heine, Fürchtegott Gellert, Friedrich Rückert.

Es ist schwierig, aus all diesem Durcheinander eine Kernaussage zu filtern. Sein klarster Satz: „Die Menschenwürde muss den Weg vom Papier in die Hirne der Menschen finden.“ Doch wie das geschehen soll, dazu sagt er nichts. Und genau das ist das Problem - nicht, dass er provozieren und anecken will.

Sodann baut Wolken aus Aphorismen und Versen um sich herum auf, um zu vernebeln, dass er offenbar keine Ideen hat. Sodann erhebt das Dagegen-Sein zum politischen Prinzip. Sodann ist ein Rückschauer. Einer, der lieber aus alten Reden zitiert als neue zu schreiben. Er ist ein Beschwörer der guten, alten Zeit - aber ist so einer ein gutes Staatsoberhaupt?

Annette Zoch

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