Neue Kapitalrente: Risiko für Rentner oder großer Wurf?

Soll ein Teil der Rente künftig über die Börse finanziert werden? Schweden hat damit gute Erfahrungen gemacht. Doch nicht alle hierzulande sind überzeugt, dass das eine gute Idee ist.
von  Jörn Bender und Alexander Sturm, dpa
Ein Teil der Rente soll künftig über den Kapitalmarkt gesichert werden. (Symbolbild)
Ein Teil der Rente soll künftig über den Kapitalmarkt gesichert werden. (Symbolbild) © Hannes P Albert/dpa

Kanzler Friedrich Merz spricht von einer "genialen Idee", Kritiker halten es für riskant, die Rente künftig teils über die Börse zu finanzieren. Nachdem die Ampel noch mit Vorschlag einer "Aktienrente" gescheitert war, will die jetzige Bundesregierung nach jahrelangen Debatten eine Kapitalrente einführen. Wie groß ist das Risiko für Beitragszahler und künftige Rentnerinnen und Rentner? Und welche Chancen gibt es?

Was ist geplant?

Die Rentenkommission empfiehlt als neuen Baustein eine Kapitalrente: Zusätzlich zum normalen Rentenbeitrag sollen Arbeitgeber und Beschäftigte nach einer 2028 beginnenden Übergangsphase zwei Prozent des Bruttoeinkommens einzahlen. So soll künftig ein Teil der Rentenzahlungen über den Kapitalmarkt finanziert werden.

Wie wird das Geld angelegt?

Für die Anlage des Kapitals soll "ein öffentlicher, international wettbewerbsfähiger Fonds" etabliert werden. Wer nicht in diesen öffentlichen Fonds einzahlen will, soll nach Empfehlung der Rentenkommission "aus einer möglichst begrenzten Anzahl zertifizierter Anlagefonds weiterer Anbieter auswählen können, die denselben strengen Kriterien unterliegen müssen".

Gibt es mit diesem Modell schon Erfahrungen?

Vorbild ist Schweden. Dort werden die Rentenversicherten gewissermaßen gezwungen, einen Teil ihres Einkommens zu investieren: über die sogenannte Prämienrente. Dieses Geld wird in Fonds angelegt, die die Schweden selbst wählen können. Für diejenigen, die sich damit nicht befassen möchten, hat das Land einen staatlichen Fonds eingerichtet, eine Art Standardanlage in Aktien. 

In Schweden fällt die Bilanz positiv aus: Auch wenn es zeitweise Kurseinbrüche gab - etwa in der Finanzkrise - hat sich vor allem die Investition in den staatlichen Fonds AP7 Såfa für die Schweden ausgezahlt. Der Fonds investiert global und hat vergleichsweise niedrige Gebühren. Solange der oder die Rentenversicherte jung ist, wird das Geld komplett in Aktien angelegt, später steigt der Anteil festverzinslicher Papiere, um das Risiko zu verringern.

Ist die Gefahr nicht groß, dass an der Börse Geld verloren geht?

Viele Menschen in Deutschland machen um die Börse einen weiten Bogen, gewaltige Summen liegen auf Tagesgeld- oder Girokonten, die üblicherweise kaum oder gar keine Zinsen abwerfen. 

Das Deutsche Aktieninstitut rechnet regelmäßig vor, dass sich ein langfristiges Investment an der Börse lohnt. Demnach brachte ein Sparplan auf Aktien des Deutschen Aktienindex (Dax) in den vergangenen 20 Jahren fast 9 Prozent Ertrag pro Jahr auf jeden angelegten Euro - trotz zahlreicher Krisen. Bei 50 Euro im Monat seien so aus 12.000 Euro Investment gut 32.000 Euro geworden.

Ähnlich hoch sei die Rendite in dem Zeitraum beim Weltaktienindex MSCI World, der mehr als 1.300 Unternehmen abbildet und den viele Anleger mit Indexfonds (ETFs) besparen. Zwar sorgten in den vergangenen Jahrzehnten das Platzen der Dotcom-Blase, die globale Finanzkrise und die Euro-Schuldenkrise immer wieder für Einbrüche an den Börsen, doch langfristig stiegen Aktienindizes immer weiter. Beim Investment in Einzelaktien, die Finanzexperten wegen der Verlustrisiken grundsätzlich kritisch sehen, kann das anders aussehen.

Profitiert auch die Wirtschaft?

Bundeskanzler Merz hält die Kapitalrente für eine "geniale Idee". Denn zugleich kämen "auf diese Weise mindestens 30 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich in die Wirtschaft". Im Idealfall profitiert die gesamte Volkswirtschaft von der Kapitalrente: Wenn an den Aktienmärkten mehr Kapital zur Verfügung steht, wird es für Unternehmen attraktiver, an die Börse zu gehen. Das schafft Möglichkeiten, zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen.

Ähnlich sieht das der Vorstandschef der Deutschen Börse, Stephan Leithner: "Den Kapitalmarkt nach schwedischem Modell in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen, ist der große Wurf, der nötig war." Wenn die Bundesregierung die Konzepte zügig umsetze, sei man auf sehr gutem Weg für eine zukunftsfähige Altersvorsorge. "Die neuen kapitalmarktbasierten Ansätze der Rentenkommission werden auch wichtige Impulse für die Finanzierung von Unternehmen und Börsengänge aus Deutschland heraus setzen."

Ist der Vorschlag ein Geschenk für die Finanzbranche?

Nach dem Vorschlag der Rentenkommission soll ein Staatsfonds oder die Bundesbank das Geld zu Kosten von 0,1 Prozent pro Jahr anlegen. Die Finanzbranche hatte andere Erwartungen und gehofft, der Staat würde die Leute stärker zu privater oder betrieblicher Altersvorsorge zwingen - etwa über Finanzprodukte, die von Banken und Fondsanbietern verkauft werden.

Der Gesamtverband der Versicherer (GDV) kritisiert: "Ein neues, staatlich zentralverwaltetes System nach schwedischem Vorbild bindet Ressourcen, schafft bürokratische Doppelstrukturen und öffnet die Tür für politische Einflussnahme auf die Kapitalanlage." Grundsätzlich sei mehr Kapitaldeckung richtig und nötig, so der GDV. Er hielte es aber für sinnvoller, wenn die Politik die bestehenden Strukturen der betrieblichen und privaten Altersvorsorge stärkt. 

Was sagen Kritiker der Kapitalrente?

Der "Wirtschaftsweise" Achim Truger kritisiert, bei der Kapitalrente würden die Risiken der Finanzmärkte ausgeblendet. Die Versprechungen realer jährlicher Renditen von fünf Prozent nach Abzug von Kosten seien "überoptimistisch und färben die Reformvorschläge schön", schreibt der Ökonom. 

Zudem würden Beitragszahler in der Übergangsphase doppelt belastet, weil sie wie bisher in der Umlage die aktuellen Renten zahlen und zusätzlich Beiträge für den Kapitalstock entrichten müssten. Dies würde nach Einschätzung von Truger den privaten Konsum, der eine wichtige Stütze der Wirtschaft ist, "spürbar dämpfen".

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger kritisiert, mehr Kapitaldeckung in der Alterssicherung sei sinnvoll, aber nicht durch den Staat, sondern freiwillig privat und betrieblich. "Die Kapitalrente würde eine massive Mehrbelastung von mehr als 40 Milliarden Euro pro Jahr für Unternehmen und Beschäftigte bedeuten. Das würde für weniger Netto vom Brutto sorgen - und Arbeit unattraktiver machen."

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