Nahost-Experte Wolffsohn: "Die meisten ziehen Worte Taten vor"

Der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn über den Syrien-Krieg, den Giftgasangriff, Trumps Reaktion und Russlands Interessen.
| Interview: Lisa Marie Albrecht
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Der Historiker Michael Wolffsohn (hier bei einer Veranstaltung im November 2017).
imago/Viadata Der Historiker Michael Wolffsohn (hier bei einer Veranstaltung im November 2017).

München - Der Historiker Michael Wolffsohn war Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehruniversität München und gilt als Nahost-Experte. Hier äußert er sich im AZ-Interview zur Syrien-Krise (eine Chronologie lesen Sie hier).

AZ: Herr Professor Wolffsohn, nach dem mutmaßlich von der Regierung initiierten Giftgasangriff im syrischen Duma wird ein Einschreiten des Westens immer wahrscheinlicher. Stehen wir vor einem Dritten Weltkrieg?
MICHAEL WOLFFSOHN: Mit Sicherheit nicht. Weder die USA noch Russland haben ein im wörtlichen Sinne "lebenswichtiges Interesse" an Syrien. Und wenn das nicht so ist, setzt man nicht das Leben der eigenen Soldaten oder Bürger dafür ein.

Warum hält Russland dann so an Syrien fest?
Für Putin ist es Teil seines Pokerns um internationale Anerkennung der Krim-Annexion und der faktischen Annexion der Ostukraine. Er kann in Nahost Druck ausüben - und über kurz oder lang wird die internationale Gemeinschaft die Sanktionen gegen Russland aufheben und zur Gesichtswahrung diese Annexionen auch anerkennen.

US-Präsident Donald Trump hat ein Eingreifen der USA angekündigt. Warum?
Wenn Trump es tut, dann, um das zu tun, was viele gebetsmühlenartig sagen: ,Nie wieder Auschwitz, nie wieder Menschenmord durch Gas und andere Methoden.' Die meisten ziehen Worte den Taten vor.

Dieses vom Syrischen Zivilschutz zur Verfügung gestellte Videostandbild zeigt einen Sanitäter, der ein Kleinkind medizinisch versorgt und ihm ein Beatmungsgerät über den Mund hält. Foto: AP/dpa

Den Völkermord in Ruanda oder die Balkankriege im Hinterkopf: Haben die Staaten auch Angst vor dem Vorwurf, sie hätten tatenlos zugesehen?
In Ruanda hat niemand den Völkermord verhindert. Die UNO zog sich zurück. UN-Generalsekretär Kofi Anan bekam den Friedensnobelpreis - unglaublich. Auch auf dem Balkan wurde weggeschaut. Die sogenannte internationale Gemeinschaft weint Krokodilstränen um Menschen, die in der Vergangenheit Völkermorden zum Opfer fielen, nicht zuletzt dem Gasmord. Aber wenn man diesen selbst verhindern kann, tut man es nicht oder selten.

Giftgas-Lagerungen in Syrien zerstören

Frankreich und England haben sich hinter Trump gestellt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dem syrischen Regime Verantwortung für die Giftgasattacke gegeben. Wie muss sich Deutschland jetzt verhalten?
Wenn man etwas machen will, dann muss man es auch machen können. Ich sehe nicht, dass die Bundeswehr hier eingreifen könnte - oder wollte.

Was ist die richtige Reaktion auf diesen Giftgasangriff?
Die Giftgas-Lagerungen zu zerstören. Wir wissen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass Chemie- und möglicherweise Bio-Waffen unter Saddam Hussein kurz vor dem dritten Golfkrieg nach Syrien gebracht wurden. Ich nehme an und hoffe, dass amerikanische und andere Dienste inzwischen wissen, wo diese Giftgaslager sind.

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