Nach der Rückkehr der Taliban: So ist die Lage in Afghanistan wirklich

Am 15. August 2021 übernahmen die islamistisch-fundamentalistischen Taliban mit der Einnahme der Hauptstadt Kabul die Macht in Afghanistan. Heinz Hans erlebte Afghanistan in verschiedenen Verwendungen vor 2021 und pflegt bis heute gute Kontakte in das Land. Sein Fazit: Die Afghanen haben jetzt einen sichereren Alltag, die Menschenrechtslage insbesondere für Frauen, junge Menschen und die Mittelschicht habe sich aber spürbar verschlechtert. Anzeichen für eine Liberalisierung sind nicht erkennbar. Immerhin fördern die Taliban sogar einen bescheidenen Tourismus im Lande und unterstützen offensichtlich nicht mehr den internationalen Terrorismus.
AZ: Herr Hans, fünf Jahre sind jetzt die Taliban uneingeschränkt in Afghanistan an der Macht. Hat sich die Situation insgesamt stabilisiert?
HEINZ HANS: Jein. Es gibt keinen landesweiten Bürgerkrieg mehr. Die Kriminalität ist in vielen Regionen zurückgegangen. Das bedeutet für viele Afghanen einen berechenbareren Alltag. Die Staatsgewalt liegt heute nahezu vollständig in den Händen der Taliban. Die frühere Konkurrenz zwischen Regierung, Milizen, Warlords, westlichen Streitkräften und Taliban ist entfallen. Die Wirtschaft hat sich nach dem Einbruch von 2021 teilweise stabilisiert, bleibt jedoch schwach.

Wie ist die humanitäre Lage? Treffen Schreckensberichte über die Unterdrückung der Frauen zu? Wie ist die Menschenrechtslage?
Die humanitäre Lage bleibt schwierig, hat sich gegenüber dem unmittelbaren Zusammenbruch nach 2021 jedoch etwas stabilisiert. Die weitgehende Ausgrenzung von Frauen aus vielen Bereichen des öffentlichen Lebens ist Realität. Die Menschenrechtslage ist insgesamt problematisch. Es wird über Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit, Verhaftungen von Kritikern und eine restriktive Anwendung religiöser Vorschriften berichtet. Gleichzeitig ist die Zahl der zivilen Opfer infolge des früheren Bürgerkriegs deutlich zurückgegangen. Für viele Menschen bedeutet das einen sichereren Alltag.
Sind denn die Afghanen mit den Zuständen in ihrem Land heute zufriedener oder unzufriedener als vor 2021?
Das lässt sich nicht einheitlich beantworten. Viele Menschen auf dem Land bewerten die Lage positiver als vor 2021, weil der Krieg weitgehend beendet ist und sich die Sicherheitslage verbessert hat. Während der 20 Jahre internationaler Präsenz hat sich ihr Alltagsleben oft nur begrenzt verändert. Anders ist die Situation in den Städten. Dort haben sich die Lebensbedingungen insbesondere für Frauen, junge Menschen und die frühere Mittelschicht durch die gesellschaftspolitischen Vorgaben der Taliban deutlich verschlechtert. Für Stadt- wie Landbevölkerung bleibt die wirtschaftliche Lage schwierig.

Neuerdings wird über Hungersnot in Afghanistan berichtet. Wie schlimm ist die Lage?
Viele Menschen leiden unter erheblichem Nahrungsmangel. Kinder sterben an den Folgen schwerer Mangelernährung. Die größte Sorge der UN gilt Kindern und schwangeren Frauen, da bei ihnen Mangelernährung besonders häufig lebensbedrohliche Folgen hat. Eine flächendeckende Hungersnot im technischen Sinn nach den internationalen IPC-Kriterien (Integrated Food Security Phase Classification, d. Red.) besteht derzeit jedoch nicht. Die Berichte über die Hungerkrise sind aber sicher keine Übertreibung. Afghanistan befindet sich in einer schweren Ernährungskrise, die sich 2026 aufgrund drastischer Kürzungen internationaler Hilfsgelder, der Rückkehr vieler Flüchtlinge und anhaltender wirtschaftlicher Probleme weiter verschärft hat.

"Mörder laufen frei herum"
Deutschland schiebt Afghanen, in der Regel Straftäter, nach Kabul ab. Werden sie dort als Helden empfangen?
Nein. In der Regel wird jeder Rückkehrer zunächst gründlich überprüft und seine Identität festgestellt. Straftaten werden als persönliche Verfehlungen des Betroffenen angesehen und nicht Afghanistan zugerechnet. Rückkehrer mit schweren Vorstrafen werden häufig intensiver befragt. Teilweise verlangen die Behörden von Familien oder Angehörigen die Zusicherung, für das zukünftige Verhalten des Rückkehrers einzustehen.
Aber auch in Deutschland verurteilte Mörder laufen in Afghanistan wieder frei herum?
Mörder bleiben nach Abschluss der Überprüfungen auf freiem Fuß.
Afghanistan ist mit Pakistan wiederholt aneinandergeraten. Was sind die Hintergründe?
Die Spannungen beruhen auf vier Kernproblemen: der in Pakistan aktiven Terrororganisation TTP mit Rückzugsräumen in Afghanistan, dem ungelösten Streit über die Anerkennung und den Verlauf der Grenze zwischen beiden Staaten, den guten Beziehungen der Taliban zu Indien – dem wichtigsten regionalen Rivalen Pakistans – sowie einem tiefen gegenseitigen Misstrauen. Ironischerweise unterstützte Pakistan die afghanischen Taliban über viele Jahre politisch und logistisch. Seit deren Machtübernahme verfolgen jedoch beide Seiten zunehmend eigene nationale Interessen. Aus früheren Verbündeten sind schwierige Nachbarn geworden.

Man hört, dass Touristen in Afghanistan unterwegs sind. Wie kann das sein?
Jahrzehntelang galt Afghanistan als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Nach Angaben der Taliban sollen 2025 rund 10.000 ausländische Touristen das Land besucht haben. Heute erscheinen Reiseberichte von YouTubern, Fotografen und Reiseveranstaltern aus Kabul, Bamiyan oder Herat. Die Sicherheitslage für Reisen innerhalb vieler Landesteile hat sich verbessert. Zweitens fördern die Taliban den Tourismus aus wirtschaftlichen Gründen. Drittens genießen ausländische Touristen häufig besonderen Schutz.
"Zahl der Ortskräfte hochgetrieben"
Ist das ein kleiner Schritt zur Normalisierung?
Außerhalb Afghanistans wird diese Entwicklung kontrovers diskutiert. Kritiker befürchten, dass der Tourismus zu einer schleichenden Normalisierung der Beziehungen zu den Taliban beiträgt und dem Regime zusätzliche Deviseneinnahmen verschafft.

Wie gehen andere Staaten mit den Taliban um? Anerkennung, Teilanerkennung oder heimliche Anerkennung?
18 Staaten – darunter China, Russland, Pakistan, Indien und Saudi-Arabien – unterhalten diplomatische Vertretungen in Kabul. Die meisten westlichen Staaten, darunter Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die USA, Kanada und Australien, haben dagegen keine Botschaften mit regulärem Betrieb. Gleichzeitig arbeiten zahlreiche internationale Organisationen weiter im Land, darunter zwölf UN-Organisationen, internationale Finanzinstitutionen sowie humanitäre Organisationen wie das Internationale Rote Kreuz. Diese diplomatische Präsenz bedeutet jedoch keine völkerrechtliche Anerkennung der Taliban-Regierung. Vielmehr verfolgen viele Staaten einen pragmatischen Ansatz bei konsularischen Dienstleistungen, humanitärer Hilfe, Sicherheitsfragen, wirtschaftlichen Kontakten und Migrationsfragen.
Gibt es denn noch "Ortskräfte" in Afghanistan, die für deutsche Institutionen tätig waren und die gefährdet sind?
Die Bezeichnung Ortskräfte wird von deutschen Ministerien unterschiedlich definiert. Es gibt von den Taliban keine systemische Verfolgung von deutschen Ortskräften oder vulnerablen gesellschaftlichen Gruppen. Die Zahl wurde aus politischen Gründen hochgetrieben.

Gehen von Afghanistan weiterhin Gefahren in Gestalt des internationalen Terrorismus aus?
Nach derzeitigem Kenntnisstand fördern die Taliban keinen grenzüberschreitenden Terrorismus. Gleichzeitig bleibt der sogenannte Islamische Staat Khorasan (ISKP) ein Sicherheitsrisiko. Diese besonders radikale Gruppierung verübt weiterhin Anschläge innerhalb Afghanistans und stellt die Taliban selbst vor sicherheitspolitische Herausforderungen.
"Russland soll nicht verprellt werden"
Ist die Taliban-Herrschaft im Land weitgehend gefestigt oder gibt es noch innerstaatliche Opposition?
Die Taliban haben ihre Herrschaft deutlich konsolidiert. Die Opposition ist politisch und militärisch zersplittert und verfügt weder innerhalb Afghanistans noch im Ausland über ausreichende Ressourcen, um die Taliban ernsthaft herauszufordern.
Sind noch ausländische Hilfs- oder sonstige Organisationen in Afghanistan tätig?
Seit 2021 sind rund 309 humanitäre Organisationen in 401 Distrikten tätig. Sie engagieren sich in den Bereichen Lebensmittelhilfe, Gesundheitsversorgung, Trinkwasser, Unterstützung von Binnenvertriebenen sowie Hilfe für Rückkehrer aus Pakistan und Iran.

Und mit Erfolg?
Die Bilanz ist gemischt. Die Bekämpfung von Hunger und die medizinische Versorgung funktionieren in weiten Teilen des Landes. Gleichzeitig fehlen vielen Organisationen ausreichende finanzielle Mittel. Die Geberländer betonen, dass ihre Hilfsgelder nicht direkt an die Taliban, sondern an UN-Organisationen und internationale NGOs (Nichtregierungsorganisationen, d. Red.) fließen. Praktisch können Hilfsprogramme jedoch kaum ohne Zustimmung der Taliban durchgeführt werden. Ein indirekter Nutzen für die De-facto-Behörden lässt sich deshalb nicht vollständig ausschließen.
Wie verhalten sich die Taliban zum Iran- und Ukraine-Krieg? Gibt es eine Positionierung?
Die Taliban versuchen, außenpolitisch möglichst pragmatisch zu handeln. Sie verurteilten die Angriffe auf den Iran als Verletzung der staatlichen Souveränität. Zum Ukraine-Krieg äußern sie sich deutlich zurückhaltender, um Russland – einen wichtigen politischen und wirtschaftlichen Gesprächspartner – nicht zu verprellen.

Wie schätzen Sie die nähere Zukunft Afghanistans ein? Wird sich die Taliban-Herrschaft weiter festigen?
Kurzfristig ist von einer weiteren Konsolidierung der Taliban-Herrschaft auszugehen. Mittelfristig könnten jedoch strukturelle Probleme an Bedeutung gewinnen: Ohne nachhaltiges Wirtschaftswachstum drohen wachsende Unzufriedenheit, hohe Arbeitslosigkeit unter Hunderttausenden junger Menschen und fehlende Zukunftsperspektiven. Hinzu kommt, dass der Ausschluss vieler Frauen von höherer Bildung langfristig das Gesundheits- und Bildungswesen sowie die wirtschaftliche Entwicklung belastet. Langfristig könnten wirtschaftliche Zwänge die Taliban zu einer vorsichtigen Öffnung in einzelnen Bereichen bewegen.
"Deutschlandbild ist nun realistischer"
Verändern sich die Taliban? Werden sie pragmatischer, liberaler oder womöglich fanatischer?
Die Entwicklung der Taliban seit 2021 lässt sich am treffendsten so beschreiben: Sie handeln pragmatischer in der Staatsführung, setzen ihre religiösen und gesellschaftspolitischen Vorstellungen jedoch weiterhin konsequent durch. Die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Bewegung werden bislang durch die Autorität des Amir al-Mu'minin ("Befehlshaber der Gläubigen") Hibatullah Akhundzada zusammengehalten.

Welches Bild macht man sich in Afghanistan von Deutschland? Ist Deutschland immer noch das "gelobte Land"?
Das Bild Deutschlands ist in Afghanistan zwiespältig, insgesamt aber überwiegend positiv. Deutschland gilt für viele Afghanen als wohlhabendes, gut organisiertes und rechtsstaatliches Land. Gleichzeitig hat das Vertrauen insbesondere ehemaliger Ortskräfte und früherer Partner Deutschlands seit dem Zusammenbruch der afghanischen Republik 2021 gelitten. Über soziale Medien sowie Kontakte zu Verwandten und Freunden erfahren Afghanen heute deutlich mehr über die Realität in Deutschland – etwa über Wohnungsmangel, die schwierige Arbeitsmarktintegration, langwierige Asylverfahren und Abschiebungen. Viele Afghanen unterscheiden deshalb zwischen Deutschland als Staat und der deutschen Gesellschaft. Das frühere Idealbild vom "gelobten Land" ist einem realistischeren Bild gewichen. Deutschland gilt weiterhin als Land mit großen Chancen, aber nicht mehr als Ort, an dem sich Wohlstand und Sicherheit nahezu automatisch einstellen.