Nach der Blitzoffensive – Wer sind die Huthi?

In einer Blitzoffensive brachte die Huthi-Miliz in der vergangenen Woche die gesamte Rotmeerküste des Jemen unter ihre Kontrolle. Damit verschaffte sie sich Zugriff auf die Meerenge Bab al-Mandab. Befürchtungen, sie könnte nun die für den Welthandel enorm wichtige Wasserstraße blockieren, bewahrheiteten sich zunächst nicht. Eines haben die Huthi jedoch deutlich gemacht: An ihnen führt kein Weg mehr vorbei. Doch wer sind die Huthi – und was wollen sie eigentlich?
Woher kommt die Huthi-Bewegung?
Eigentlich lautet der Name der Bewegung Ansar Allah (Helfer Gottes). Die Fremdbezeichnung der Anhänger als Huthi oder Huthis bezieht sich auf den Namen des Gründers Hussein al-Huthi, der 2004 getötet wurde. Inzwischen wird die Bewegung von dessen jüngerem Bruder Abd al-Malik angeführt. Die einflussreiche al-Huthi-Familie führt ihren Stammbaum auf den Prophetenenkel Hasan ibn Ali zurück und beansprucht damit seit Jahrhunderten eine gesellschaftliche Vorrangstellung. Das th in Huthi wird wie ein stimmloses th im Englischen gesprochen, wie etwa in "both".
Wo sind sie ideologisch zu verorten?
Die Ansar Allah sind eine islamistische Bewegung, die aus der zaiditischen Strömung des schiitischen Islams hervorgegangen ist. Die Zaiditen machen zwischen 30 und 45 Prozent der Bevölkerung im Jemen aus. Traditionell legten sie eigentlich stärkeren Wert auf rationale Überlegungen als auf fundamentalistische Dogmen, wie die Jemen-Expertin Marieke Brandt von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im dpa-Gespräch erklärt. Doch die Huthi wollen dieses Erbe ablegen und nur die Lesart ihres Gründers zulassen. Gleichzeitig sind sie eine Art Gegenbewegung zum fundamentalistisch-sunnitischen Salafismus, der sich mit Unterstützung Saudi-Arabiens in ihrem Kernland im Nordwesten Jemens ausbreitete.
"Politisch ist die Bewegung stark vom iranischen Anti-Imperialismus inspiriert", sagt Brandt. Al-Huthi sei ein "glühender Verehrer Chomeinis und der iranischen Revolution" gewesen, die der Großajatollah 1979 anführte. Die Bewegung trägt antiamerikanische, antiisraelische und auch antisemitische Züge, wie etwa in dem Kampfruf "Gott ist am größten, Tod Amerika, Tod Israel, Fluch den Juden, Sieg dem Islam" deutlich wird.
Wie konnte die Huthi-Bewegung militärisch so mächtig werden?
Brandt zufolge ist die heutige Stärke der Huthi das Ergebnis eines jahrzehntelangen Aufbauprozesses, der seit etwa 2009/2010 vom Iran unterstützt wurde. Seit 2014 kontrollieren die Huthi den Norden des Landes und die Hauptstadt Sanaa.
Dabei übernahmen sie die staatlichen Strukturen inklusive Verwaltung und Militär, wie Brandt ausführt. "Gleichzeitig haben sie gelernt, eigene Waffen aus kommerziell beschafften Komponenten zu bauen", so die Expertin. Der Gaza-Krieg, in dessen Verlauf die Huthi aus Solidarität mit der Hamas Raketen auf Israel feuerten, habe ihnen geholfen, sich als regionale Akteure zu etablieren.
"Die Huthis sind heute nicht mehr einfach eine Rebellengruppe, sondern ein hochgerüsteter quasi-staatlicher Akteur mit breiten Rekrutierungsnetzwerken, der globale Energiemärkte beeinflussen und internationale Schifffahrtsrouten bedrohen kann", resümiert Brandt.
Wie funktioniert der Machtapparat der Huthi?
Ihre Stärke beruhe auf der "intensiven ideologischen Indoktrinierung der Bevölkerung und dem Aufbau eines straff organisierten Militär- und Überwachungsstaates", führt Brandt aus. Der gemeinsame Widerstand gegen externe Feinde halte das System zusammen. "Die eigentliche Herausforderung wäre für sie der Frieden, weil dann interne Konflikte ausbrechen würden und sie sich ihren gewaltigen innenpolitischen Problemen stellen müssten", so die Expertin.
Was steckt hinter der jüngsten Offensive?
Die jüngsten Kämpfe sind Teil einer seit einigen Monaten andauernden Eskalation. Eine seit 2022 bestehende Waffenruhe wurde von den Huthi aufgekündigt, nachdem Saudi-Arabien einen Flug aus Teheran nach Sanaa verhindert hatte. Die Huthis feuerten Raketen auf das Nachbarland und griffen dessen Verbündete im Jemen an. Zuletzt eroberten sie die Hafenstadt Mokka sowie die gesamte Küste und mehrere Inseln bis hinunter zur Meerenge Bab al-Mandab, die das Rote Meer mit dem Golf von Aden verbindet. Durch diesen Wasserweg führt die wichtigste Schifffahrtsroute zwischen Europa und Asien.
Brandt sieht auch einen Zusammenhang mit dem US-Iran-Konflikt, in dem die Bedeutung des Bab al-Mandab als alternative Ölexportroute wegen der Blockade der Straße von Hormus für Saudi-Arabien massiv zugenommen hat. Das verleihe den Huthi einen zusätzlichen strategischen Hebel.
"Die Huthis haben vor allem deshalb Erfolg, weil ihre Gegner zu zerstritten sind und konstant unter ihren Möglichkeiten bleiben", sagt Brandt. Die international anerkannte Regierung sei schwach, von internen Machtkämpfen geplagt und nicht in der Lage, eine glaubwürdige Alternative zur Huthi-Herrschaft zu bieten.
Wie eng ist die Verbindung zum Iran?
Obwohl sich die Bekenntnisse der Zaiditen und der sogenannten Zwölferschia des Iran in vielen Bereichen unterscheiden, sehen sich die Huthi und die Islamische Republik Iran als schiitische Verbündete. Die Huthi gehören zur sogenannten "Achse des Widerstands", mit der Teheran versucht, seine Macht in der Region auszubauen. Das Verhältnis bezeichnet Brandt auch als Win-win-Situation, in der die Huthi von iranischen Waffen und Know-how und die Iraner von den Huthi-Aktionen im Roten Meer profitieren. Die Huthi würden jedoch niemals ihre eigenen Ziele der Solidarität mit Teheran unterordnen, schränkt die Expertin ein.