Interview

Marine-Inspekteur: "Es geht nicht um Aufrüstung, sondern um Ausrüstung"

Die Fregatte "Bayern" begibt sich in das konfliktbeladene Südchinesische Meer. Was soll das bringen? Die AZ fragt nach.
| Paul Nöllke
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Die Fregatte "Bayern".
Die Fregatte "Bayern". © Marine

München - Von Wilhelmshaven durch das Mittelmeer, dann zum Horn von Afrika, durch die Straße von Malakka und in den Indopazifik: Das ist die Route, die die Fregatte "Bayern" dieses Jahr nehmen soll. Eine Reise, wie sie ein Schiff der Bundeswehr schon lange nicht mehr unternommen hat: Mitten hinein in das spannungsreiche Südchinesische Meer Warum? Und ist die deutsche Marine für solche Einsätze vorbereitet? 

Die AZ spricht mit Vizeadmiral Kay-Achim Schönbach (55), dem neuen Inspekteur der Marine.

Vizeadmiral Kay-Achim Schönbach
Vizeadmiral Kay-Achim Schönbach © Marine

AZ: Herr Schönbach, eine Frage, die natürlich von einer Zeitung aus Süddeutschland kommen muss: Warum braucht Deutschland überhaupt eine Marine?
KAY-ACHIM SCHÖNBACH: Diese Frage - nicht nur nach der Marine, sondern nach den Streitkräften allgemein - ist typisch deutsch. Im Rest der Welt wird eine solche Frage nicht gestellt. Denn Streitkräfte helfen uns, Sicherheit und Souveränität zu wahren. Und das ist besonders aktuell: Denn wir haben eine neue Sicherheitslage. Und, obwohl wir nur eine recht kleine Küste haben, hat Deutschland ein riesiges Export- und Importvolumen. Von zehn Containern kommen neun über das Meer zu uns, auch nach München. In einer veränderten Sicherheitslage ist die Marine sehr wichtig.

Was meinen Sie mit veränderter Sicherheitslage?
In den letzten Jahren hat sich etwas verändert: Russland ist zwar immer noch unser klassische Rivale, doch nun kommt ein Neuer dazu: China. Das klingt erstmal weit weg. Wir reden immer darüber, dass Handel globalisiert wird. Es werden aber auch die Krisen globalisiert. Die Seewege im Südchinesischen Meer werden bedroht und das betrifft auch Deutschland. Die Zeiten der Friedensdividende sind endgültig vorbei. Man muss die Bedrohung akzeptieren und genau hinschauen. Russland, die Annexion der Krim, der Krieg in der Ostukraine - das sind Anzeichen dieser neuen Sicherheitslage.

"Wir profitieren nicht nur, sondern verpflichten uns auch"

Klingt nach Kaltem Krieg.
Ich beschwöre nicht den Kalten Krieg. Aber wir sind abhängig von unseren nordamerikanischen Partnern. Die erreichen uns auf großen Seeversorgungswegen. Diese Linien müssen gesichert und geschützt werden, auch von Deutschland. Die Marine ist das flexibelste Instrument, um das zu erreichen. Wir können ganz niederschwellig auch einfach nur vor Ort sein.

Wie die Fregatte "Bayern", die nun ins Südchinesische Meer fährt?
Genau. Die Fregatte wird im Indopazifik nur vor Ort sein und so ein Zeichen setzten. Deutschland ist von der See abhängig. Und wir können nicht immer sagen, wir machen die Kohle und die anderen holen die Eisen aus dem Feuer. Wir müssen einen Beitrag leisten.

Was kann Deutschland dort mit einem einzigen Schiff erreichen?
Die Bundesregierung - und nicht die Bundeswehr - hat die indopazifischen Leitlinien erlassen. Darin ist auch das Militär eingebunden. Die Regierung hat sich entschieden, ein sehr flexibles Instrument zu nutzen: die Fregatte "Bayern". Wir fahren mit der Fregatte auf internationalen Seewegen, die wir wie alle anderen auch mit Kriegsschiffen nach geltendem internationalen Recht befahren dürfen. Das geht eben nur mit Seestreitkräften. Diese Flexibilität kann für die Politik von großem Nutzen sein, um gegenüber unseren Wertepartnern in der Region, aber auch China, ein klares Zeichen zu setzen.

Am Marine-Stützpunkt Rostock-Warnemünde ist die Korvette "Magdeburg" zum Auslaufen bereit. Der neue Marine-Inspekteur Schönbach glaubt, dass die See-Streitkräfte immer wichtiger werden.
Am Marine-Stützpunkt Rostock-Warnemünde ist die Korvette "Magdeburg" zum Auslaufen bereit. Der neue Marine-Inspekteur Schönbach glaubt, dass die See-Streitkräfte immer wichtiger werden. © imago/BildFunkMV

Deutschland ist sichtbar, Deutschland schützt seine Wertepartner

Das Zeichen ist: Deutschland ist sichtbar. Deutschland hat Anteil auch an den Wertschöpfungs- und Handelsketten. Wir zeigen: Wir schützen unsere Wertepartner. Wir zeigen: Wir schauen genau hin. Auf dem Weg werden wir unsere Partner auch besuchen. Wir führen Gespräche - auch das gehört dazu. Wir zeigen: Wir profitieren nicht nur, sondern wir verpflichten uns auch.

Ist China denn eine Bedrohung, die man in Deutschland auf dem Schirm hat?
Wir sind durch unsere Bündnisse, EU und Nato, erst auf die Verteidigung unseres Bündnisgebiets ausgerichtet. Das ist auch richtig. Dort ist der große Rivale Russland. Aber wie ich eingangs sagte: Es ändert sich etwas. China tritt anders auf als früher. Nicht nur als Handelspartner. Ich empfinde es als absolut richtigen Schritt China in den Fokus zu nehmen, nicht nur als Handelspartner, sondern auch als Bedrohung.

Das klingt nach großen Aufgaben. Nun hört man ja von der Marine, dass U-Boote ausfallen, die Gorch Fock im Trockendock liegt und Schiffe veraltet sind. Ist die Marine überhaupt vorbereitet?
Wenn Sie einen Soldaten fragen, wird der Ihnen immer sagen: Mehr ist besser. Und es stimmt, wir haben heute die historisch kleinste Flotte. Man muss aber vorsichtig sein, dass man nicht jammert. Früher war die Situation eine andere. Wir wurden im Rahmen der Friedensdividende verkleinert, es wurde gespart.

"2008 wurden wir auf meinem Schiff von Piraten beschossen"

Ein Fehler?
Damals hatte diese Entscheidung gute Gründe. Jetzt allerdings ist die Lage eine andere. Wir müssen umsteuern. Im Moment haben wir einen Mix aus alten, auch überalten Einheiten und moderner Technik, die aber noch nicht einsatzbereit ist. Wir haben uns verkleinert und einen großen Modernisierungsstau. Wir müssen uns wieder stärker auf die Landes- und Bündnisverteidigung vorbereiten. Wir müssen weiterhin zum internationalen Konfliktmanagement beitragen und schließlich müssen wir in der Lage sein, die internationalen Seewege wieder stärker zu sichern. Das alles müssen wir auch wieder mehr üben. Es geht nicht um Aufrüstung, es geht erstmal um Ausrüstung, um alle Aufgaben erfüllen zu können. Wir müssen einen sichtbaren und ernsthaften Beitrag leisten können. Wir brauchen wieder mehr Flexibilität, also eine operative Reserve. Darum geht es.

Wie sieht die Marine in zehn Jahren aus?
Bei uns findet gerade ein Austausch statt: Wir bekommen neue Tanker, viele Bootstypen müssen erweitert werden. Technologisch sind wir sehr gut, wir müssen uns aber an den Besten orientieren. Das ist auch China. Wer nicht richtig ausgerüstet ist, muss gar nicht antreten, und wer nicht antritt hat schon verloren. Wir müssen die Marine so aufstellen, dass sie im Worst Case bestehen kann.

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Hat die Marine seit Wehrpflicht-Ende genug Leute?
Wir haben recht viele Bewerber. Wir wollen den jungen Leuten, die zu uns kommen etwas bieten. Mir ist neben der Tatsache, dass wir unseren Männern und Frauen Technik und Fürsorge bieten, auch wichtig, ihnen das richtige Mindset mitzugeben. Wir müssen ihnen etwas anbieten, was man unter dem Wort Tradition zusammenfassen kann. Das ist nicht nur eine Uniform und eine Fahne. Wir müssen die Leute überzeugen, dass sie den Beruf mit Herzblut machen. Das ist genauso wichtig, wie Schiffe zu haben. Nicht Schiffe kämpfen, sondern Menschen.

Wie haben Sie Ihre eigene Zeit als junger Soldat erlebt?
Als junger Offizier auf See zu sein, ist ein tolles Erlebnis. Segeln auf der Gorch Fock ist ganz besonders. Ein wichtiges Erlebnis hatte ich im Dezember 2008. Zu der Zeit war ich Kommandant auf einem Schiff, welches Teil der Operation Enduring Freedom nach dem Anschlag auf das World Trade Center im Indischen Ozean war. Auf meinem Schiff wurden wir auf einmal von Piraten beschossen. Es war das erste Mal, dass so etwas einem deutschen Schiff der Marine passierte. Dann drehen sich plötzlich alle zu einem um. Und man selbst kann sich zu niemandem umdrehen, denn als Kommandant kommt nach einem selbst keiner mehr. Ich habe dann beschlossen, das Feuer auf die Piraten zu eröffnen. Es ist niemand verletzt worden, aber Sie treffen eine Entscheidung über Leben. Das hat mir noch einmal in Erinnerung gerufen, dass dieser Beruf keiner ist wie jeder andere.

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