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Letzte Hochrechnung: Hauchdünner Abstand zwischen Grünen und CDU – SPD und FDP erleiden Debakel

Die Grünen schieben sich knapp vor die CDU, die AfD verdoppelt ihr Ergebnis. Die SPD stürzt ab auf ein historisches Tief. FDP und Linke sind laut Hochrechnungen beide nicht im Landtag vertreten.
von  Nico Pointner und David Nau, dpa
Wer hat am Ende die Nase vorne? Zwischen Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir und CDU-Frontmann Manuel Hagel gibt es nach den Hochrechnungen von 21 Uhr nur noch einen hauchdünnen Abstand. (Archivbild)
Wer hat am Ende die Nase vorne? Zwischen Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir und CDU-Frontmann Manuel Hagel gibt es nach den Hochrechnungen von 21 Uhr nur noch einen hauchdünnen Abstand. (Archivbild) © Marijan Murat/dpa

Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg liegen die Grünen inzwischen nur ganz knapp vor der CDU – nach einer rasanten Aufholjagd in den Umfragen der vergangenen Wochen. Das geht aus Hochrechnungen von ARD und ZDF Stand 21 Uhr hervor. Demnach liegt Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir mit seiner Partei bei 30,3 Prozent (2021: 32,6 Prozent), während die CDU mit Spitzenkandidat Manuel Hagel auf Platz zwei mit 29,7 Prozent folgt (2021: 24,1 Prozent). Der Abstand hatte ich nach den ersten Hochrechnungen des Wahlabends verringert und ist inzwischen nur noch hauchdünn.  Dass Özdemir damit in die Fußstapfen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) tritt, ist aktuell nicht gesichert. Allerdings hatte die CDU mit Landeschef Manuel Hagel in Umfragen über Monate hinweg deutlich geführt, am Ende schafften die Grünen aber die Wende.

Die AfD verdoppelt ihr Ergebnis und landet auf Platz drei mit 18,8 Prozent (2021: 9,7 Prozent). Die SPD stürzt auf ein historisches Tief bei Landtagswahlen bundesweit mit 5,5 Prozent (2021: 11,0 Prozent) – Spitzenkandidat Andreas Stoch zog die Konsequenzen und kündigte seinen Rückzug als Landes- und Fraktionschef an. FDP und Linke (beide 4,4 Prozent, 2021: 10,5 bzw 3,6 Prozent) scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde. Nach dem voraussichtlichen Scheitern der FDP hat bereits Landeschef Hans-Ulrich Rülke seinen Rücktritt vom Landesvorsitz angekündigt.

Nach den ersten Hochrechnungen am Wahlabend war der Abstand noch deutlich größer zwischen den größten Kontrahenten. Die Grünen kamen auf 31,3 bis 31,4 Prozent, die CDU lag mit 29,7 bis 29,9 Prozent knapp dahinter. Die AfD folgte mit 18,1 bis 18,2 Prozent. Mit großem Abstand folgte die SPD mit 5,4 bis 5,5 Prozent. Die FDP kommt auf 4,3 bis 4,4 Prozent, die Linke ebenfalls auf 4,3 bis 4,4 Prozent.

Özdemir bietet CDU Zusammenarbeit an

Özdemir rief die Christdemokraten noch am Wahlabend zu einer erneuten Zusammenarbeit auf und bot ihnen eine "Partnerschaft auf Augenhöhe" an. "Der Maßstab sollten die letzten zehn Jahre sein und die Erfolge, die wir eingefahren haben." Hagel sagte: "Wenn sich dieses Wahlergebnis so bewahrheitet, dann liegt der Regierungsauftrag bei den Grünen." Er schloss zudem kategorisch aus, sich mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen zu lassen.

Ministerpräsident Kretschmann von den Grünen war nach 15 Jahren nicht mehr angetreten. Der 77-Jährige, bundesweit der erste und einzige Regierungschef der Grünen, verabschiedet sich in den Ruhestand. Seit 2016 regierte er mit der CDU, davor mit der SPD.

Grünen-Bundeschef Felix Banaszak nannte das starke Grünen-Ergebnis auch eine Ansage an Kanzler Friedrich Merz (CDU) und dessen politische "Orientierungslosigkeit". Co-Vorsitzende Franziska Brantner sprach von einem "sensationellen Ergebnis".

Der 60-jährige Grünen-Kandidat Özdemir ist seit Jahrzehnten in der Politik – er saß im Bundestag und im Europaparlament, war Grünen-Chef und auch Bundesminister. Im Wahlkampf ging Özdemir, der sich einen "anatolischen Schwaben" nennt, auf Abstand zu den Bundes-Grünen und gab sich ein eher konservatives Profil.

Hagel schwärmte von "rehbraunen Augen" einer Schülerin

Der 37-jährige gelernte Bankkaufmann Hagel ist seit 2021 CDU-Fraktionschef im Landtag. Im Wahlkampf stand der gläubige Katholik und Jäger in der Kritik wegen eines Videos: In dem acht Jahre alten Clip schwärmt er von den "rehbraunen Augen" einer minderjährigen Schülerin.

Auch SPD-Spitzenkandidat Stoch trat in einen "Fettnapf", wie er selbst sagte: In einem SWR-Porträt ist zu sehen, dass er ausgerechnet nach einem Besuch in einem Laden der Tafel seinem Fahrer offenbar aufträgt, im benachbarten Frankreich Pastete einzukaufen. Auch wenn es zu dem Einkauf nie kam, drückte Stoch sein Bedauern aus.

"Total bitterer Abend" für die SPD

Das historisch schlechte SPD-Ergebnis im Südwesten schockt auch die Bundes-SPD, wo Parteichef Lars Klingbeil mit den Koalitionspartnern CDU und CSU wichtige Reformen im Renten- und Gesundheitssystem vor der Brust hat. 

Klingbeil zeigte sich tief enttäuscht über das schlechte Abschneiden. "Das ist ein total bitterer Abend", sagte er im ZDF. Es sei nur noch um die Frage gegangen: Cem Özdemir oder Manuel Hagel? Das habe am Ende auch die SPD Stimmen gekostet.  Nach dem SPD-Verlust hat Spitzenkandidat Andreas Stoch seinen Rückzug als Landes- und Fraktionschef angekündigt. Das sagte SPD Generalsekretär Sascha Binder der Deutschen Presse-Agentur.

AfD: Auch in Baden-Württemberg eine Volkspartei

Die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier wird vom Landesverfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall beobachtet; keine der übrigen Parteien will mit der AfD koalieren. AfD-Bundeschef Tino Chrupalla sagte im ZDF, seine Partei sei der Gewinner des Abends. "Wir sind jetzt auch in Baden-Württemberg eine Volkspartei."

Die im Südwesten tief verwurzelte FDP zog mit Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke ins Rennen. Er sprach im Wahlkampf von der "Mutter aller Wahlen" für seine Partei. Dass sie nun in Baden-Württemberg nicht mehr im Landtag sitzen, dürften auch ein Comeback im Bund erschweren. FDP-Chef Christian Dürr sieht aber noch Chancen: Nach der vergangenen Bundestagswahl sei man "bei Null gestartet". Es gehe um einen Marathonlauf und keinen Sprint.

Die Linke trat mit drei jungen Frauen als Spitzen-Trio an und setzte damit einen Kontrapunkt zu den übrigen Parteien. Ins Zentrum rückten sie die hohen Mieten und die Kluft zwischen Arm und Reich.

Erstmals durften 16- und 17-Jährige abstimmen

Die Wahlbeteiligung liegt den Hochrechnungen nach bei 70,2 bis 70,5 Prozent (2021: 63,8). Gut 7,7 Millionen Wahlberechtigte konnten ihre Stimme abgeben – so viele wie nie zuvor.

Erstmals galt ein neues Wahlrecht, auch 16- und 17-Jährige durften abstimmen. Zudem hatten Bürger zum ersten Mal zwei Stimmen wie bei der Bundestagswahl. Die Zweitstimme entscheidet über die Kräfteverhältnisse im Landtag, die Erststimme über den Direktkandidaten im Wahlkreis.

Auftakt für das "Superwahljahr 2026"

Die Wahl ist die erste von fünf Landtagswahlen im "Superwahljahr 2026" und die erste unter der schwarz-roten Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz (CDU). CDU und SPD debattieren über wichtige Reformen. Die Wahlergebnisse sind daher wichtig für die Stimmung.

Die nächste Wahl steht am 22. März in Rheinland-Pfalz an. Dort droht der seit 34 Jahren regierenden SPD der Verlust des Ministerpräsidentenpostens. Im September wählen Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern – hier kommt die AfD in Umfragen an die 40 Prozent.

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