Leonhard Stärk: Notbremse – sonst gibt’s italienische Verhältnisse

Leonhard Stärk vom Bayerischen Roten Kreuz sorgt sich massiv um seine Mitarbeiter in Zeiten von Corona – und fordert vom Freistaat Bayern endlich mehr Tempo.
| Lisa Marie Albrecht
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AZ-Interview mit Leonhard Stärk. Der 61-jährige Jurist und Manager ist Landesgeschäftsführer beim Bayerischen Roten Kreuz.
dpa AZ-Interview mit Leonhard Stärk. Der 61-jährige Jurist und Manager ist Landesgeschäftsführer beim Bayerischen Roten Kreuz.

München - Seit Wochen herrscht im Gesundheitswesen Ausnahmezustand – auch bei den Hilfsorganisationen. Leonhard Stärk, Landesgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), nimmt sich trotzdem Zeit für ein Interview mit der AZ – und erklärt, welche Probleme Rettungsdienst und Pflege derzeit im Freistaat haben und wo die Regierung dringend handeln muss.

AZ-Interview mit Leonhard Stärk. Der 61-jährige Jurist und Manager ist Landesgeschäftsführer beim Bayerischen Roten Kreuz.
AZ-Interview mit Leonhard Stärk. Der 61-jährige Jurist und Manager ist Landesgeschäftsführer beim Bayerischen Roten Kreuz. © dpa

AZ: Herr Stärk, Sie sind unzufrieden mit den Maßnahmen der Staatsregierung, insbesondere in puncto Materialbeschaffung. Woran hakt es?
LEONHARD STÄRK: Ich will vorwegschicken, dass wir momentan alle in einer Ausnahmesituation sind, auch die Staatsregierung. Wir haben in den letzten Jahren nie einen solchen Verbrauch an Schutzausrüstung gehabt. In dieser speziellen Situation funktionieren die Bemühungen der Staatsregierung, Material zu beschaffen, nicht ausreichend.

Welche Folgen kann das schlimmstenfalls haben?
Wenn die Beschaffung, wie sie jetzt stattfindet, weitergeführt wird, sehe ich große Probleme. Denn dann kollabiert dieses Gesundheitssystem, dann haben wir nicht mehr genügend Schutzausrüstung für die Helfer im Rettungsdienst und vor allem für die Pfleger in den Altenheimen. Deshalb arbeiten wir als bayerische Hilfsorganisationen bereits an einem Konzept, das wir der Staatsregierung jetzt vorstellen.

Wie sieht das aus?
Wir wollen alle Mitarbeiter von BRK, ASB, Johannitern, Maltesern, MHW (Medizinisches Katastrophen-Hilfswerk, d. Red.), DLRG und THW mit Schutzkleidung selbst versorgen. Wir sprechen hier von einem wöchentlichen Beschaffungsvolumen zwischen 12 und 13 Millionen Euro, wenn wir von einer Corona-Infektionsrate von zehn Prozent in den Altenheimen ausgehen und einem täglichen Bedarf im Rettungsdienst. Es ist letztlich eine Notbeschaffungsmaßnahme, um den Staat zu entlasten. Wir brauchen allerdings vom Freistaat Liquidität, denn die Materialien müssen alle sofort bezahlt werden.

Zu langsam: Beschaffung der Ausrüstung durch Freistaat

Grundsätzlich muss aber auch der Freistaat Ausrüstung stellen. Warum klappt das nicht?
Wir fahren ja ohnehin schon zweigleisig und haben über unsere Tochtergesellschaft H+DG in Pfaffenhofen an der Ilm in den letzten Wochen im großen Stil Material besorgt. Das wurde auch von der Staatsregierung bezahlt, dafür bin ich dankbar. Der Freistaat ist bei seiner eigenen Beschaffung aber, vorsichtig gesagt, ein bisserl zu langsam.

Inwiefern?
Der Lieferant, der uns heute 200.000 Masken anbietet, fragt: Wollt ihr die jetzt? Dann müsst ihr das Geld sofort überweisen. Wenn wir da um 14 Uhr nicht ja sagen, hat er das um 15 Uhr an jemand anderen verkauft. Da kann ich nicht sagen, schreiben Sie mal eine Rechnung, die prüfen wir dann, das dauert zwei oder drei Wochen. Dann ist die Lieferung weg. Wir alle, auch der Freistaat, müssen die Schlagzahl erhöhen, in der Prüfung der Angebote und in den Entscheidungen.

Stärk fordert Testung von Pflegepersonal und Heimbewohnern

Wo sehen Sie die größte Gefahr ohne ausreichende Schutzkleidung?
Ganz eindeutig in den Pflegeheimen. Dort leben multimorbide Menschen in der Altersgruppe 80+. Wenn in den Pflegeheimen durch ausreichenden Schutz des Personals nicht sofort die Notbremse gezogen wird, bekommen wir irgendwann italienische Verhältnisse. Zum Schutz gehört übrigens auch eine regelmäßige Durchtestung des gesamten Pflegepersonals und der Heimbewohner.

Sie wollen alle Heimbewohner auf Corona testen lassen?
Ja. Nur so können wir die Situation in den Heimen in Schach halten. Unser Personal muss auch getestet werden, im Verdachtsfall sogar priorisiert innerhalb weniger Stunden. Auch das ist eine Forderung an die Staatsregierung.

Angenommen, ein Pfleger ist mit Corona infiziert – wie geht man dann vor?
Das ist eine gute Frage. Die Zuständigkeit liegt beim Gesundheitsamt des jeweiligen Landkreises, diese bezieht sich aber auf den Wohnort der jeweiligen Person. In einem Fall haben wir in einem Heim Mitarbeiter aus vier Landkreisen – und jedes Gesundheitsamt sagt etwas anderes: Du musst zu Hause bleiben, du kannst arbeiten, du musst eine Woche in Quarantäne, nein, du musst zwei Wochen in Quarantäne. Dieses Behördendurcheinander muss aufhören. Es muss eine Zuständigkeit pro Heim geben.

Wie hoch ist die Gefährdung für Rettungsdienstler, wenn sie nicht geschützt sind?
Wofür niemand etwas kann, ist natürlich die Situation, dass jemand transportiert wird, der nichts von einer Corona-Infektion weiß. Dann muss zurückverfolgt werden, in welchem Auto der gefahren wurde und die Mitarbeiter müssen in Quarantäne. Dadurch hatten wir schon einige Hundert Ausfälle in Bayern zu verzeichnen.

Das zweite Szenario sehe ich aber besonders kritisch: Menschen, die einen Verdacht auf Corona haben und Symptome zeigen, wollen dringend ins Krankenhaus, rufen bei der Leitstelle an und erzählen vom linksseitigen Herzschmerz, verschweigen aber, dass sie möglicherweise an Corona erkrankt sind. Dieses Szenario könnte man verhindern.

Gleiches gilt übrigens für unnötige Ausflüge in die Berge oder zu Seen, bei denen die Berg- und Wasserwacht retten müssen. Wir hatten bereits Bergrettungen von Corona-Patienten, die eigentlich in Quarantäne hätten sein müssen. Doch egal, ob Retter bewusst oder unbewusst einem Infektionsrisiko ausgesetzt werden, es gilt das gleiche wie in der Altenpflege: Nur durch wirksame Schutzausrüstung kann das Risiko minimiert werden.

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