Kugel im Kopf - Deutsche Ärzte behandeln Patienten aus Gaza
"Wieder lernen", das ist zunächst der einzige Wunsch von Ahmed al-Chair aus dem Gazastreifen. Der 21-Jährige liegt mit einer Kugel im Kopf im Krankenbett in Kairo. Es wäre zu riskant, sie zu entfernen, sagen die Ärzte. Sein rechtes Bein und seinen rechten Arm kann der junge Palästinenser nicht bewegen. Und die Wunde habe sich infiziert. Ein dicker weißer Verband schützt Ahmeds Schädel.
Deutsche Ärzte der Hilfsorganisation Malteser International haben den jungen Mann operiert - wie insgesamt 34 Patienten mit Verletzungen aus dem Krieg im Gazastreifen. "Es ist nicht viel, aber wir können wenigstens etwas tun", sagt Internist Oliver Mohr aus Freiburg. Jeder Patient zähle.
"Wir sehen hier zerstörte Leben, was schrecklich ist."
Seit etwa zehn Jahren nimmt Mohr an Einsätzen der Hilfsorganisation teil. Patienten aus dem Gazastreifen habe er bisher nicht behandelt. "Zum ersten Mal habe ich realisiert, in welchem Ausmaß auch Zivilisten von Kriegen betroffen sein können."
Die Mediziner berichten etwa von Verbrennungen, Amputationen und Wunden von Granatsplittern, Schüssen oder Explosionen. Von Infektionen wegen mangelnder Hygiene, verzögerter medizinischer Behandlung, Mangelernährung und geschwächter Immunsysteme. Ahmed sei im Juni 2025 auf der Straße im Gazastreifen von einer Kugel getroffen worden, die von einem Maschinengewehr auf einem israelischen Panzer abgefeuert worden sei, sagt sein Vater. Sein Sohn habe Lebensmittel von einem US-geführten Verteilzentrum holen wollen.
Israel betont regelmäßig, seine Angriffe im Gazastreifen richteten sich gegen die Hamas und andere militante Gruppen. Die Armee erklärt, sie bemühe sich um die Vermeidung ziviler Opfer, und bedauere den Tod Unbeteiligter.
Wie ist die medizinische Versorgung im Gazastreifen?
Bis Patienten wie Ahmed in Kairo behandelt werden können, sei der Transport innerhalb des Gazastreifens enorm schwierig und die Lage sehr dynamisch, berichtet Peter Dischler von der Berliner Hilfsorganisation Cadus am Telefon. Der Notfallsanitäter leitet im Gazastreifen die Mission, die unter anderem bei den Evakuierungen schwer kranker Menschen nach Ägypten mitwirkt. "Ein Liter Motorenöl kostet etwa 1.000 US-Dollar", sagt er. Es fehlten etwa für Fahrzeuge und medizinische Geräte auch Ersatzteile. Auch UN-Organisationen wiesen wiederholt auf eine dramatische humanitäre Lage für Tausende im Gazastreifen und auf Versorgungsengpässe in Folge israelischer Beschränkungen und weiterer Verwaltungshürden hin.
Die für Palästinenserangelegenheiten zuständige israelische Behörde Cogat weist das zurück. Der Staat Israel ermögliche die uneingeschränkte Einfuhr von Arzneimitteln in den Gazastreifen. Seit Beginn der Waffenruhe im Oktober 2025 seien laut Cogat mehr als 24.000 Tonnen medizinischer Ausrüstung und Medikamente in den Gazastreifen gelangt. Auch Motorenöl für Rettungswagen werde regelmäßig in den Gazastreifen gebracht und Anträge internationaler Hilfsorganisationen umgehend "koordiniert".
Einige Güter müssten bei der Einfuhr kontrolliert werden, um eine missbräuchliche Nutzung durch die Terrororganisation Hamas zu verhindern, heißt es weiter. Auslöser des verheerenden Kriegs war das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel. Kämpfer der Hamas und anderer extremistischer Organisationen hatten damals rund 1.200 Menschen in Israel getötet und mehr als 250 weitere als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Israel reagierte mit massiven Bombardierungen in dem Küstenstreifen, bei denen nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde im Gazastreifen mehr als 74.500 Palästinenser getötet und über 175.000 verletzt wurden.
Hilfsorganisationen von Kürzungen betroffen
"Tausende Menschen wurden bereits evakuiert und benötigen medizinische Versorgung außerhalb Gazas, während gleichzeitig Tausende weitere in Gaza auf eine medizinische Evakuierung warten", sagt Edo Lihic, Einsatzleiter von Malteser International. Die Behandlungen in Kairo seien ein zweiwöchiges Pilotprojekt gewesen.
Eine Fortführung hänge nun von weiteren Spendengeldern ab - wie auch Reha-Maßnahmen für Ahmed al-Chair. In den kommenden Wochen werde in Ägypten zunächst nur die Infektion an der Kopfwunde weiter behandelt. Grund seien Kürzungen der deutschen und US-amerikanischen Regierung bei humanitärer Hilfe.
Mediziner Mohr hat sich wie seine Kollegen für den ehrenamtlichen Einsatz freigenommen. "Die westliche Welt tut nicht genug gegen diese Krise und auch Deutschland könnte mehr tun", sagt der 61-Jährige.
Tanzen war Ahmeds Leidenschaft
Im Patientenzimmer zeigt Ahmeds Vater Videos vergangener Zeiten. Da sprang sein Sohn noch über die Bühnen im Gazastreifen. Als Ahmed den Ton der Videos hört, lächelt er. Palästinensische Volkstänze seien seine große Leidenschaft gewesen. Jetzt sitzt er im Rollstuhl und kann kaum sprechen.
Trotzdem versucht sein Vater beständig, Optimismus am Krankenbett zu verbreiten. Auch wenn der 50-Jährige verzweifelt scheint, sobald er sich vom Krankenbett seines Sohnes abwendet. Seine fünf anderen Kinder und seine Frau lebten im Gazastreifen in einem Zelt - und der Winter komme.
"Wir hoffen, dass der Krieg vorbei ist und Frieden herrscht, wenn wir nach Gaza zurückkehren, damit wir unser normales Leben wieder aufnehmen können", sagt Ahmeds Vater. Vor dem Krieg habe er an einem zentralen Platz in der im südlichen Teil des Küstenstreifens gelegenen Stadt Rafah ein Café und Süßwarengeschäft betrieben. "Aber das ist alles zerstört."
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