Interview

Kabul-Journalist Shams Ul Haq berichtet: "Hier spielen alle mit dem Leben der Menschen"

Journalist Shams Ul Haq berichtet in diesen dramatischen Tagen aus Kabul. Ein Gespräch über die Taliban, die Nato und völlig verzweifelte Menschen.
| Natalie Kettinger
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Er glaubt nicht, dass die neuen Herrscher so moderat bleiben, wie sie sich geben: Ul Haq im Gespräch mit Taliban Abdul Qahar Balkhi (M.).
Er glaubt nicht, dass die neuen Herrscher so moderat bleiben, wie sie sich geben: Ul Haq im Gespräch mit Taliban Abdul Qahar Balkhi (M.). © Shams Ul Haq

Nur noch wenige Tage, dann soll die Evakuierungsaktion der Nato-Partner aus Afghanistan enden.

AZ: Herr Ul Haq, seit Dienstagabend ist klar: Der Evakuierungseinsatz der Amerikaner endet am 31. August, die Europäer wollen sich bereits zum Wochenende aus Kabul zurückziehen. Welche Reaktionen hat das bei den Menschen dort ausgelöst?
SHAMS UL HAQ: Sie haben alle Hoffnung verloren. Viele, die der Bundeswehr oder den Amerikanern geholfen haben, haben mich in den letzten Tagen kontaktiert. Sie sagen: Wir haben doch alles getan, was man von uns verlangt hat, E-Mails geschickt, angerufen - und werden trotzdem nicht rausgeholt. Es wird niemals funktionieren, alle bis zum 31. August auszufliegen. Sie werden einfach zurückgelassen. Das macht die Menschen wütend, die den Nato-Ländern 20 Jahre lang geholfen haben.

Journalist Shams Ul Haq.
Journalist Shams Ul Haq. © Shams Ul Haq

Sie waren selbst am Hamid-Karzai-Airport. Wie haben Sie die Situation vor den Toren erlebt?
In 20 Jahren als Journalist habe ich noch nie so etwas Schlimmes gesehen: Zehntausende Menschen versuchen, von allen Seite auf das Flughafen-Gelände zu kommen. Im Gedränge sind bis jetzt circa 20 Menschen umgekommen, sie wurden totgetrampelt. Die Leute sind aus ganz Afghanistan angereist, weil sie sich ein Leben unter den Taliban nicht vorstellen können, darunter schwangere Frauen und Behinderte. Bei Temperaturen von 35 Grad und mehr kollabieren immer wieder Leute. Es wird zwar versucht - von der Nato und auch von den Taliban -, Wasser an die Menschen zu verteilen - aber es sind einfach zu viele. Und die meisten hier haben kein Geld mehr, um sich selbst Wasser und Nahrungsmittel zu kaufen.

Stimmt es, dass nahezu alle Bank-Automaten in Kabul leer sind, es also kaum noch Bargeld gibt?
Ja. Man kann nirgendwo Geld holen und das Bezahlen mit EC-Karte funktioniert auch nicht. Zum Glück war ich in den letzten Jahrzehnten schon öfter in Kabul, habe gute Kontakte hier - und Freunde, von denen ich mir etwas leihen kann. Hinzu kommt: Das Geld, das die Menschen noch haben, wollen sie nicht ausgeben. Sie kaufen lediglich das Notwendigste. Die Händler im Basar haben mir erzählt, dass sie früher mindestens 1.000 Afghani - umgerechnet zehn Euro - pro Tag Umsatz gemacht haben. Jetzt machen sie nicht mal ein Zehntel davon.

Auf dem Weg in die Freiheit: Menschen, die es auf das Gelände des Flughafens von Kabul geschafft haben, laufen zu einer Maschine, die sie ausfliegen wird.
Auf dem Weg in die Freiheit: Menschen, die es auf das Gelände des Flughafens von Kabul geschafft haben, laufen zu einer Maschine, die sie ausfliegen wird. © Shams Ul Haq

Wie ist generell die Stimmung in der Stadt?
Gespalten. Für einen Teil der Menschen ist es okay, dass die Taliban wieder da sind. Sie sagen: In der Zeit, als die Amerikaner und die Nato hier waren, sind so viele Menschen bei Bombenanschlägen gestorben. Doch seit der Rückkehr der Taliban hat es keinen Terror mehr gegeben. Unsere Kinder und Frauen leben - und das ist das Wichtigste. Die Taliban geben uns die Sicherheit, dass niemand mehr umgebracht wird.

Und was denkt der andere Teil der Gesellschaft?
Die jungen Leute, vor allem die Frauen, vertrauen den Taliban nicht. Sie halten sie für Lügner, die nicht einhalten werden, was sie jetzt versprechen.

Wie schätzen Sie die neuen, vermeintlich moderaten Taliban ein?
Ich war am Dienstag bei der Pressekonferenz der Taliban, wo sie immer wieder beteuert haben, die Frauen in Afghanistan seien in Sicherheit. Ich habe gesehen, wie Frauen mit Kopftuch gegen die Taliban demonstriert haben - und nichts ist geschehen. Auf der anderen Seite gibt es Informationen aus sicheren Quellen, dass die Taliban Frauen vergewaltigt und geschlagen haben. Diese Fälle wurden bestätigt. Die Sprecher der Taliban sagen, das sei nicht in ihrem Sinne, bei den Tätern handle es sich um Analphabeten, die bestraft würden. Deshalb hätten sie eine WhatsApp-Nummer eingerichtet, unter der sich die Leute beschweren können. Was nämlich auch vorkommt: Dass Kriminelle plündern und vergewaltigen, die sich als Taliban ausgeben. Tatsächlich sind wir internationalen Journalisten in Kabul derzeit alle überrascht über diese "neuen" Taliban - aber mein Gefühl sagt mir, dass sie irgendwann wieder härter werden, vor allem gegenüber den Frauen.

Man hört aber doch jetzt schon von Todeslisten. Ist da nichts dran?
Doch, natürlich. Es gibt eine Liste mit Leuten, die gegen die Taliban gekämpft oder Taliban getötet haben und diese Leute werden festgenommen. Offiziell bestätigen die Taliban das aber nicht. Offiziell geben sie sich gemäßigt.

Zuletzt gab es Warnungen, der IS würde Selbstmord-Attentäter nach Kabul einschleusen. Können Sie das bestätigen?
Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass IS-Kämpfer in der Stadt unterwegs sind. Am Wochenende gab es zudem die Warnung, der IS plane, den Flughafen anzugreifen und Anschläge gegen die Taliban zu verüben. Am Montagmorgen hat sich eine Gruppe am Flughafen eine Schießerei mit den Sicherheitskräften geliefert, auch die Bundeswehr war involviert. Ein afghanischer Sicherheitsmann wurde getötet, mehrere wurden verletzt. Ich denke, das war eine Warnung des IS - auch, wenn weder Taliban noch Nato das bisher bestätigt haben. Allerdings wäre durchaus auch denkbar, dass man die Menschen vor dem IS warnt, um sie vom Flughafen fernzuhalten. Hier spielen doch alle mit dem Leben der Menschen.

Die Bankautomaten in Kabul sind leer, Bargeld ist Mangelware. Vor einer Bank im Zentrum stehen dennoch verzweifelte Menschen Schlange.
Die Bankautomaten in Kabul sind leer, Bargeld ist Mangelware. Vor einer Bank im Zentrum stehen dennoch verzweifelte Menschen Schlange. © Shams Ul Haq

Von Deutschland aus betrachtet, sind sowohl die IS-Kämpfer als auch die Taliban militante Islamisten. Warum bekriegen sie sich?
Weil die Taliban sich gemäßigt geben und eine gemäßigte Form der Scharia einführen wollen - mit Freiheiten für Frauen, Unterricht für Mädchen, mit Musik. Der "Islamische Staat" hingegen will eine Hardcore-Scharia, bei der Frauen Burka tragen müssen, die Männer Bart und Musikhören verboten ist.

Was sagen die Afghanen dazu, dass ihre Streitkräfte sie nicht verteidigt haben und ihr Präsident Hals über Kopf das Land verlassen hat?
Das ist sehr interessant. Sie sagen, das war ein Schachzug der Amerikaner. Denn ohne deren Zustimmung wäre eine derart schnelle Machtübergabe nicht möglich gewesen.

Glauben Sie das?
Jein. Es stellen sich schon Fragen: Wie war es möglich, dass die Taliban innerhalb weniger Stunden den Präsidentenpalast übernehmen? Wie konnten sie Kabul innerhalb von ein paar Tagen erobern - wo die Amerikaner zuvor doch von Wochen ausgegangen sind? Warum hat die afghanische Regierung keinen Widerstand geleistet und all das zugelassen? Normalerweise hätten die Taliban keine Chance gehabt, in die Grüne Zone mit all ihren Sicherheitsbeamten und Checkpoints zu gelangen. Die Leute glauben, das war alles mit den Amerikanern abgesprochen - auch, den Präsidenten außer Landes zu bringen und dann als Versager hinzustellen.

Was sollten die Amerikaner von einem solchen Schachzug haben?
Sie haben in den letzten Jahren viel Geld in Afghanistan investiert, es sind Tausende US-Soldaten gestorben, trotzdem war der Einsatz genau so wenig ein Erfolg wie der Einsatz in Vietnam. Jetzt wollen sie nur noch raus. So schnell wie möglich. Alles andere ist ihnen egal.

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Welches Gefühl hinterlässt all das bei den Menschen?
Die Menschen fragen: Was haben die Amerikaner uns in 20 Jahren gegeben? Was hat das Volk von all den Milliarden, die ins Land geflossen sind? Von dem Geld sehen Sie in Kabul nichts. Wo ist es geblieben? Es ist in der Korruption versickert, jeder Politiker hat sich die Taschen vollgemacht. Vielleicht ist ein Teil auch über die Politik an die Taliban gegangen.

Lassen Sie uns noch über das Pandschir-Tal sprechen. Dort organisiert Ahmad Massoud, Sohn des legendären "Löwen von Pandschir”, den Widerstand gegen die Taliban. Was ist davon zu halten?
Die Taliban konnten das Pandschir-Tal schon vor 20 Jahren nicht unterwerfen, als dort noch der Vater Ahmad Schah Massoud das Sagen hatte. Diese schwer zugängliche Provinz ist uneinnehmbar - und Ahmad Massoud hat nach eigener Aussage eine Armee von 20.000 Mann, viele sind zu ihm geflohen. Das heißt: Er ist wirklich stark und könnte den Taliban militärisch die Stirn bieten. Doch wenn er sich entschließt, zu kämpfen, gibt es einen Bürgerkrieg.

Zurück zum Beginn unseres Gespräches. Es wird zunehmend schwierig, Afghanistan zu verlassen. Wissen Sie schon, wie Sie wieder nach Deutschland kommen?
Ja, aber ich werde es nicht verraten.

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