Integration von Muslimen: Gute Noten für Deutschland

Der Blick auf andere europäische Länder zeigt: Muslime, die schon lange in Deutschland leben, sind vergleichsweise gut integriert. Doch es gibt auch Schattenseiten.
| Tobias Wolf
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Im Vergleich zu anderen westeuropäischen Staaten schneidet Deutschland bei der Integration muslimischer Einwanderer gut ab.
Oliver Berg/Symbolbild Im Vergleich zu anderen westeuropäischen Staaten schneidet Deutschland bei der Integration muslimischer Einwanderer gut ab.

Gütersloh - Nicht nur im Fußball, auch bei der Integration kann sich Deutschland derzeit sehen lassen. Das zeigt zumindest der Religionsmonitor 2017 der Bertelsmann-Stiftung, der gestern veröffentlicht wurde. Demnach hat die Integration muslimischer Einwanderer hierzulande „deutliche Fortschritte“ gemacht. „Spätestens seit der zweiten Generation sind sie mehrheitlich in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen“, heißt es in dem Report, der jedoch nur die Entwicklung bis 2010 beleuchtet. Die AZ hat die wichtigsten Ergebnisse der repräsentativen Studie herausgepickt:

Arbeitsmarkt:

Besonders erfolgreich verlaufe die Job-Integration der hier lebenden Muslime. „Inzwischen unterscheidet sich die Erwerbsbeteiligung von Muslimen nicht mehr vom Bundesdurchschnitt der deutschen Erwerbsbevölkerung“, erklären die Studienautoren. Rund 60 Prozent arbeiten in Vollzeit, 20 Prozent in Teilzeit, und die Arbeitslosenquote gleicht sich ebenfalls an (siehe auch Grafik unten).

Hauptgrund dafür: Einwanderer profitierten maßgeblich vom hohen Arbeitskräftebedarf. Aber auch die Öffnung des Arbeitsmarktes durch schnellere Arbeitsgenehmigungen, Initiativen zur Job-Vermittlung und Sprachkurse machten sich positiv bemerkbar.

Allerdings falle es hochreligiösen Muslimen in Deutschland schwer, einen Job zu finden, der ihrem Qualifikationsniveau entspricht. Auch verdienen sie den Forschern zufolge erheblich weniger als Muslime, die ihre Religion nicht ausüben. Vor allem in Großbritannien gebe es hier mehr Chancengleichheit.

Sprache, Schule, Ausbildung:

Mit Deutsch als Erstsprache wachsen laut Bertelsmann-Stiftung 73 Prozent der hierzulande geborenen Kinder von muslimischen Einwanderern auf. „Ihr Anteil steigt von Generation zu Generation“, heißt es in der Studie. Das gelte auch für das Niveau der Abschlüsse.

Hier gibt es allerdings noch Verbesserungsbedarf: Die Angleichung an die durchschnittliche Schulabschlussquote aller Schüler verläuft in Deutschland langsamer als etwa in Frankreich. Dort verlassen nur elf Prozent der Muslime vor Vollendung des 17. Lebensjahrs die Schule. In Deutschland sind es 36 Prozent. Als Grund vermuten die Forscher unterschiedliche Schulsysteme. So lernen Kinder in Frankreich länger gemeinsam, und Einwanderer haben auch durch die Kolonialgeschichte oft gute Französisch-Kentnisse. Die höhere Abschlussquote schützt Muslime in Frankreich aber nicht vor einer überdurchschnittlich hohen Arbeitslosigkeit und weniger Vollzeitstellen als in Deutschland.

Was der Bertelsmann-Report nicht beleuchtet: Laut des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) haben im Schnitt 59 Prozent der Arbeitssuchenden aus den wichtigsten Asyl-Herkunftsländern (Somalia, Eritrea, Irak, Afghanistan und Syrien) keinen Schulabschluss.

Religion und Demokratie:

Laut Studie fühlen sich die hierzulande lebenden Muslime eng mit Staat und Gesellschaft verbunden. 90 Prozent der hochreligiösen Muslime hielten die Demokratie für eine gute Regierungsform. Allerdings: Einer Heirat unter homosexuellen Paaren stimmen nur rund 60 Prozent aller Muslime zu. Gleichzeitig sind 61 Prozent der Deutschen – insbesondere die Älteren – der Meinung, der Islam passe nicht in die westliche Welt.

Freizeit und Zugehörigkeit:

Die bisher bei der Integration von Muslimen erzielten Erfolgen ließen sich auch daran ablesen, dass 84 Prozent von ihnen ihre Freizeit regelmäßig mit Nicht-Muslimen verbringen. Fast zwei Drittel der befragten Muslime geben an, dass ihr Freundeskreis mindestens zur Hälfte aus Nicht-Muslimen besteht. Gleichzeitig erklären allerdings 19 Prozent der befragten Deutschen, keine Muslime als Nachbarn haben zu wollen. Dennoch betonen 96 Prozent der Muslime ihre enge Verbundenheit mit Deutschland. „Für sie ist Deutschland inzwischen Heimat“, sagt Islam-Expertin Yasemin El-Menouar.

Auch hätten sich 44 Prozent der befragten Muslime im Jahr 2016 für Flüchtlinge engagiert. Unter den Christen (21 Prozent) und Konfessionslosen (17 Prozent) krempelten deutlich weniger Menschen die Ärmel für die Zuwanderer hoch.

Für die repräsentative Studie wurden in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Frankreich und Großbritannien mehr als 10 000 Muslime und Nicht-Muslime befragt. Muslime, die erst nach 2010 nach Europa gekommen sind, wurden allerdings nicht berücksichtigt.

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