Idriz: Wir werden den Ramadan intensiver denn je erleben

Kontaktsperren und geschlossene Moscheen: Ein Gespräch über den Ramadan in Zeiten von Corona.
| Interview: Natalie Kettinger
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imago images / Astrid Schmidhuber

München - Benjamin Idriz ist Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg und zudem Vorsitzender des Münchner Forums für Islam. Im Interview mit der AZ spricht er u.a. über den Ramadan in Corona-Zeiten, Koran-Rezitationen im Internet und die Öffnungen der Moscheen.

AZ: Herr Idriz, Bayerns Moscheen sind wegen der Corona-Pandemie seit 13. März bis auf Weiteres geschlossen. Mit welchem Gefühl gehen Sie in den Ramadan, der morgen beginnt?
BENJAMIN IDRIZ: Wir gehen in einen außergewöhnlichen Ramadan, während dem die Individualität und nicht wie sonst die Gemeinschaft im Vordergrund stehen wird. Aber: Dieser Ramadan schenkt uns etwas, das wir vielleicht in den letzten Jahren vermisst haben.

Was meinen Sie?
Dass wir die Ramadan-Atmosphäre in der Familie intensiver denn je erleben. Erleben müssen. Dass die Familienmitglieder zusammen das Iftar-Essen zum Fastenbrechen nach Sonnenuntergang vorbereiten, zusammen den Koran rezitieren, zusammen das Nachtgebet verrichten – all das, was im Ramadan üblicherweise in der Gemeinschaft stattfindet. Das tut der Familie gut. Hinzukommt, dass wir womöglich zum ersten Mal in der Geschichte einen Koranvers tatsächlich umsetzen werden. Gott sagt: Macht Eure Häuser zu Stätten der Anbetung!

Idriz: "Für einige ist es unvorstellbar, dass die Moscheen im Ramadan geschlossen sind"

Aber viele Muslime freuen sich gerade auf die gemeinsamen Gebete und das gemeinsame Fastenbrechen. Wie ist die Stimmung in der Gemeinde?
Bedauern und Schmerz sind durchaus spürbar. Uns erreichen viele Telefonanrufe, ob die Moscheen nicht doch ab dem 3. Mai wieder geöffnet werden. Für einige Menschen ist es einfach unvorstellbar, dass sie im Ramadan geschlossen sind. Deshalb machen wir Imame uns Gedanken, wie wir Alternativen anbieten können.

Die Kirchen übertragen Gottesdienste online. Wäre das eine solche Alternative für Sie?
Ja, ich selbst und andere Imame werden die Koran-Rezitationen im Ramadan im Internet übertragen, damit die Gläubigen sie zu Hause verfolgen können. Problematisch ist das Nachtgebet, das Tarawih-Gebet, das fast eine Stunde dauert. Das wird online nicht möglich sein, weil die körperliche Anwesenheit Voraussetzung für die spirituelle Atmosphäre ist. Deswegen motivieren wir die Gläubigen, zu Hause zu tun, was ihnen möglich ist und ihre individuelle Beziehung zu Gott zu stärken – das ist ja auch der Sinn des Ramadans. Außerdem habe ich einen Brief ans Bayerische Fernsehen geschrieben und darum gebeten, den Muslimen ein Angebot zu machen.

Inwiefern?
Die 27. Nacht des Ramadan, die heuer auf den 19. Mai fällt, ist die wichtigste Nacht des Jahres für Muslime, weil in ihr der Koran offenbart wurde. Vielleicht lässt sich da im Fernsehen ja ein Sonderprogramm machen – und zum Ende des Ramadan am 24. Mai eine Live-Übertragung aus einer Moschee. Denn für die Gläubigen ist dieses Fest sehr schwer vorstellbar ohne gemeinsames Gebet in der Moschee. Das schmerzt sehr.

Idriz: "Die Gesundheit der Menschen muss immer im Vordergrund stehen"

Sie haben gerade den 3. Mai ins Gespräch gebracht. Bei den Kirchen wird ab diesem Zeitpunkt über eine vorsichtige Öffnung nachgedacht. Wie sieht es bei den Moscheen aus?
Da bin ich ein bisschen skeptisch. Viele Moschee-Gemeinden haben kleine Räumlichkeiten. Zudem unterscheiden sich Moscheen von Kirchen in einem wesentlichen Punkt: Sie sind mit Teppichen ausgelegt, in denen sich das Virus womöglich länger festsetzt. Deswegen bin ich mir nicht sicher, ob es möglich ist, die Hygienemaßnahmen und Abstandsregelungen in kleinen Moscheen umzusetzen. Ihre Türen werden wohl den ganzen Ramadan über geschlossen bleiben, so wie wir es auch für das Münchner Forum für Islam beschlossen haben.

Und was ist mit den größeren Moscheen, zum Beispiel der Ihrigen in Penzberg?
Wir in Penzberg machen uns Gedanken darüber, ob wir nach dem 3. Mai für eine individuelle Nutzung öffnen – vorausgesetzt, die Regierung erlaubt das. Dann würden zwar keine gemeinsamen Gebete oder Iftar-Essen stattfinden, aber einzelne Menschen könnten zum Gebet kommen – mit genügend Abstand zum Nächsten, für eine Aufenthaltsdauer von maximal 25 Minuten. Der Teppich müsste mit Folie abgedeckt werden und die Gläubigen müssten eigene mitbringen. Es würde Desinfektionsmittel am Eingang bereitgestellt, eventuell ein Mundschutz gefordert. Und wir würden darum bitten, die rituelle Waschung zu Hause vorzunehmen. Unter diesen Bedingungen wäre eine Öffnung vielleicht möglich. Vielleicht – denn die Gesundheit der Menschen muss immer im Vordergrund stehen, auch im Ramadan.

Lesen Sie hier: Ramadan in der Corona-Krise: Sonderrechte für Muslime?

Lesen Sie hier: Benjamin Idriz -

 

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