Horst Seehofer, der Demütige

Nach dem desaströsen Abschneiden der CSU macht Horst Seehofer den Kotau vor seiner Partei – und will die Kritik so gleich eindämmen.
von  Angela Böhm
Er ist blass im Gesicht, sieht abgekämpft aus: Verlieren kann Horst Seehofer nicht gut.
Er ist blass im Gesicht, sieht abgekämpft aus: Verlieren kann Horst Seehofer nicht gut. © dpa

Nach dem desaströsen Abschneiden der CSU macht Horst Seehofer den Kotau vor seiner Partei – und will die Kritik so gleich eindämmen.

München - Er sieht schlecht aus. Fix und fertig. Die Niederlage steckt ihm in den Knochen. Horst Seehofer geht gebeugt. Er passt seinen Körper der gedämpften Stimmung an. Verlieren, das kann er eh nicht gut. Es sind bittere Stunden für ihn am Montagmorgen, als er vor dem Parteivorstand Abbitte leisten muss für das Desaster bei der Europawahl. Für das Erdrutsch-Ergebnis seiner CSU. „Ich übernehme die Verantwortung“, macht er mit versteinerter Miene gleich den Kotau.

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Persönliche Konsequenzen aber will er nicht ziehen. „Flucht ist kein anständiger Umgang“, sagt Seehofer. Er werde sein Wort gegenüber der Bevölkerung, bis 2018 zu bleiben, nicht brechen. Und auch als Parteichef will er sich nächstes Jahr wieder zur Wahl stellen.

Seine Verteidigungsstrategie ist klar: Der CSU-Boss und Ministerpräsident tut alles Erdenkliche, um eine Beißhemmung in der eigenen Partei auszulösen. Demütig und kleinlaut, tief betroffen und nachdenklich gibt er sich vor dem großen Kruzifix, das im Sitzungssaal der Landesleitung an der Wand hängt.

 

Vor der Wahl war er noch der große, mächtige Alleinherrscher. Jetzt, nach dem Desaster, appelliert er an die Gemeinsamkeit in der CSU. „Wir haben uns doch zusammen über so vieles gefreut“, schmust er sein Spitzenpersonal an, dem er vorher die Peitsche gegeben hat, wenn sich nur einer aufmucken traute. „Wir haben ja auch vorher alles gemeinsam festgelegt, deshalb sollten wir das auch gemeinsam tragen“, appelliert Seehofer an den Zusammenhalt. „Nachdem er zuvor eine Schreckensherrschaft errichtet hatte“, sagt einer aus der CSU-Spitze.

Seiner Partei blieb keine andere Wahl, als seine Strategie abzunicken. Wer gegen den Parteivorsitzenden sei, der schade der Wahl, hatte Seehofer seine CSUler diszipliniert. Er ganz alleine hatte den Wahlkampf dirigiert und den Spagat, gleichzeitig für und gegen Europa zu sein, angeordnet. „Vielleicht haben wir unsere Gelenke etwas überstrapaziert“, lästert Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt hinter verschlossenen Türen. „Wenn den Menschen nicht klar ist, wofür man nun eigentlich steht, wird es schwierig, dann wird der Spagat zu groß.“

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„Die Lage ist ernst, aber ruhig“, beschreibt ein Teilnehmer die Situation. Nicht mal in seinen schlimmsten Albträumen hätte Seehofer sich ein solches Szenario vorgestellt. Er, der Erfolgsverwöhnte, nun am Pranger. Auch wenn er bei der Landtagswahl 2013 nur 47,7 Prozent geholt hatte. Wer redet noch über schnöde Zahlen, wenn sie durch den Rausfall der FDP für die Rückkehr zur Alleinherrschaft in Bayern reichen? Erst jetzt kommen sie wieder hoch.

Nur zu gerne wäre der Ingolstädter an die 50 Prozent, den Mythos der CSU, bei Europa rangekommen, um damit seinen Wahlmarathon zu krönen. Nun ist er abgeschlagen an der 40-Prozent-Grenze gelandet. Seehofer hat da offenbar noch ein Wahrnehmungsproblem. Seinen Vorständlern erzählt er, zwei Stunden nach der Hochrechnung sei ein alter Kämpfer zu ihm gekommen und habe auf ihn eingeredet: „Das kann doch nicht sein. Die haben sich verrechnet.“

Schon um neun Uhr, eine Stunde vor der Vorstandssitzung, trifft sich der Parteivorsitzende mit den acht Europa-Abgeordneten, von denen nur noch fünf nach Brüssel dürfen, um ihre Stimmung auszuloten. Damit auch keiner von den Frustrierten in der anschließenden Vorstandssitzung den Funken gegen ihn zündet.

Frontal geht niemand auf den Demütigen los. Die Kritik an Seehofer wird elegant verpackt. Die Anti-Europa-Strategie habe der CSU geschadet, tragen die Kritiker einer nach dem anderen vor. Gemeint ist damit vor allem Peter Gauweiler. Den Namen aber spricht keiner aus. Dem Euro-Skeptiker selber hat’s seine wortgewaltige Sprache verschlagen. Mit hochrotem Kopf sitzt Gauweiler neben dem erblassten Seehofer und schweigt. Hätte er etwas gesagt, hätte er womöglich einen Sturm entfacht.

Vor allem die CSU-Bundestagsabgeordneten kochen vor Wut. „In Berlin wird es jetzt für uns bitter“, sagt einer von ihnen. „Wir werden zu spüren bekommen, dass die Verluste der Union aufs Konto der CSU gehen.“ (siehe unten) Schnell findet Horst Seehofer in seinen alten Machtmodus zurück. Gemeinsam sollen nun die CSU-Oberen auf Fehlersuche gehen, was falsch gelaufen ist bei dieser Europa-Wahl für die Christsozialen. Alle miteinander sollen das auf einer Vorstandsklausur herausfinden, die der Parteichef gleich für den 28.Juni anberaumt hat. Bis dahin will Seehofer Ruhe in der CSU. Noch in der Sitzung hat er einen Maulkorb erlassen und alle zum Schweigen verdonnert. Er wolle jetzt nirgendwo Namensartikel und Kolumnen lesen, orderte er an.

Dafür macht nun die SPD Stimmung. „Der bayerische Alleinvertretungsanspruch der CSU in Brüssel ist Geschichte“, jubelt sie. Und rechnet vor: Sie habe wieder drei weiß-blaue Vertreter in Brüssel. Dazu kommen vier von den kleinen Parteien, der außerparlamentarischen Opposition im Freistaat. Macht zusammen sieben Bayern in Brüssel. Gegen nur noch fünf von der CSU.