Gewerkschaft kritisiert: "Rente mit 63 wird bewusst falsch dargestellt"

Bertram Brossardt, der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), hat in der AZ am Montag ausgeführt, weshalb die Deutschen mehr arbeiten müssten – und deshalb unter anderem ein höheres Renteneintrittsalter nötig sei. Bernhard Stiedl, der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) Bayern, sieht das anders: Er wolle Probleme der deutschen Wirtschaft nicht auf dem Rücken der Beschäftigten lösen.
AZ: Herr Stiedl, die vbw kritisiert Sie dafür, dass Sie eine Diskussion über eine längere Lebensarbeitszeit ablehnen. Warum sind Sie gegen eine solche Diskussion?
BERNHARD STIEDL: Die vbw – und auch Teile der Politik – argumentieren hier immer gern mit irreführenden Durchschnittszahlen. Diese verschleiern, dass ein hoher Teilzeit- und Minijobanteil die Statistik verzerrt. Fakt ist: Vollzeitbeschäftigte arbeiten bereits heute sehr viel und sehr lange. Hinzu kommt, dass Überstunden in vielen Betrieben weder vollständig erfasst noch bezahlt werden. Das akzeptieren wir genauso wenig wie den Versuch, die ohnehin schon enorme Belastung der Beschäftigten durch eine weitere Verlängerung der Lebensarbeitszeit weiter zu erhöhen. Statt ehrlicher Debatten über gute Arbeit wird hier versucht, Probleme auf dem Rücken der Beschäftigten zu lösen.

Die vbw hält einen späteren Renteneintritt für unumgänglich und fordert ein Eintrittsalter von 68 Jahren – warum halten Sie das für falsch?
Ein Renteneintrittsalter von 68 Jahren blendet die Realität der Arbeitswelt aus. Schon heute erreichen viele Beschäftigte das gesetzliche Rentenalter nicht gesund. Ein weiteres Anheben der Altersgrenze erhöht den Druck, trotz gesundheitlicher Einschränkungen weiterzuarbeiten oder vorzeitig mit Abschlägen aus dem Erwerbsleben auszuscheiden. Das ist eine Rentenkürzung durch die Hintertür und sozial ungerecht. Statt immer neue Altersgrenzen zu diskutieren, brauchen wir bessere Arbeitsbedingungen. Im Gegensatz zur vbw sehen wir hier viel Luft nach oben. Es ist doch scheinheilig, einerseits das hohe Lied auf den Gesundheitsschutz zu singen und gleichzeitig darauf zu beharren, dieser müsse für Betriebe freiwillig sein. Die Realität in vielen Betrieben zeigt, dass selbst bestehende Schutzstandards nicht überall konsequent umgesetzt werden.
Die Arbeitgeber sehen die Rente mit 63 als Fehlanreiz für ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Beruf. Warum sehen Sie sie weiterhin als wichtig an?
Die sogenannte "Rente mit 63" wird bewusst falsch dargestellt. Faktisch kann heute niemand mehr mit 63 abschlagsfrei in Rente gehen – die Altersgrenzen wurden schrittweise angehoben. Es geht um Menschen mit mindestens 45 Versicherungsjahren, also um besonders lange Erwerbsbiografien. Wer jahrzehntelang gearbeitet und Beiträge gezahlt hat, muss ohne finanzielle Einbußen in den Ruhestand gehen können. Das ist eine Frage sozialer Gerechtigkeit und des Respekts gegenüber der Lebensleistung der Beschäftigten.
Die Arbeitgeber beklagen, dass die durchschnittliche Rentenbezugsdauer von rund 16 auf 20 Jahre gestiegen ist – ein späterer Renteneintritt wäre also keine indirekte Rentenkürzung. Wie bewerten Sie das?
Die gestiegene Rentenbezugsdauer ist vor allem Ausdruck einer höheren Lebenserwartung – allerdings nicht für alle gleichermaßen. Menschen mit niedrigeren Einkommen und hoher Belastung haben eine deutlich geringere Lebenserwartung. Ein pauschal späterer Renteneintritt würde diese Ungleichheit verschärfen. Durchschnittszahlen taugen nicht als Grundlage für sozial gerechte Rentenpolitik.
Ein Weg, die Lebensarbeitszeit zu steigern, wäre es, mehr Menschen in Vollzeitbeschäftigung zu bringen. Halten Sie das für sinnvoll?
Ja – aber genau daran scheitern Politik und Arbeitgeber bisher. Viel zu viele Menschen arbeiten unfreiwillig in kleiner Teilzeit oder im Minijob, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen. In Bayern fehlen zehntausende Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren, hinzu kommen Engpässe bei der Pflege, unplanbare Arbeitszeiten und mangelnde Flexibilität in den Betrieben. Hier sind Politik und Arbeitgeber gleichermaßen gefordert: durch den Ausbau der Betreuungsinfrastruktur, verlässliche Arbeitszeiten, gute Bezahlung und mehr Tarifbindung. Immer nur längere Arbeitszeiten zu fordern und die Verantwortung einseitig den Beschäftigten aufzubürden, greift schlicht zu kurz.